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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.04.2006

Hilfe! Die Deutschen sterben aus!

Demographische Hysterie

Von Stefan Theil

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Die Diskussion um den Nachwuchs ist neu entfacht. (AP)
Die Diskussion um den Nachwuchs ist neu entfacht. (AP)

Hilfe, die Deutschen sterben aus! Die Bild-Zeitung rechnet es uns vor: Spätestens im Jahr 2300 gibt es nur noch drei Millionen Deutsche. Weniger Kinder kriegt angeblich nur noch der Vatikan, nicht unbedingt als Zeugungsparadies bekannt.

Auf Platz eins der Bestsellerliste steht gerade ein Buch, das den Deutschen das Unheil verspricht, sollten sie das Glück der Vermehrung weiterhin verschmähen. Jede zweite Zeitschrift hat Babys auf dem Titel; keine Dinnerparty kommt an dem Thema vorbei.

Jetzt geht’s den Schuldigen an den Kragen: Ein RTL-Team jagt Restaurantbesitzer, die keine Neugeborenen mögen. Die Männer einer führenden Wirtschaftszeitung stellen die kalte Karrierefrau an den Pranger. Fast wie auf Polizeifotos präsentiert die Bild-Zeitung die prominentesten Nicht-Muttis der Nation.

Kinderlosen die Rente kürzen, fordern jetzt Politiker und Ökonomen. Wer keine Kinder bekommt, belaste die Gemeinschaft und den Sozialstaat, tönen Kommentatoren von rechts und links. Die tollste Idee: Kinderlosen nach ihrem Ableben das Vermögen zu entziehen, um Kinder und Renten zu finanzieren. Dabei ist Geld gerade das Letzte, das fehlt. Kein Land gibt so viel für Kindergeld und Subventionen aus; nur in Belgien zahlen Kinderlose höhere Steuern.

Die Diagnose ist eindeutig: ein schwerer Fall von demographischer Hysterie.

Es ist schon etwas seltsam. Seit 30 Jahren liegen die Fakten auf dem Tisch. Doch lange galten Leute wie Meinhard Miegel, der schon Anfang der 80er Jahre den Geburtenrückgang und seine Konsequenzen beschrieb, als neoliberale Freaks, die Nestbeschmutzer des Sozialsystems. Denn es war natürlich klar, dass der Geburtenrückgang das gesamte System des umlagefinanzierten deutschen Wohlfahrtsstaats grundlegend infrage stellt. Das tat man nicht, das durfte nicht sein. Jetzt, nach langem kollektivem Wegsehen, ist das Thema plötzlich da.

Wenn es doch nur etwas rationaler zuginge. Doch die schwatzende Klasse scheint nichts mehr zu lieben als einen schöne Katastrophe. Aussterbende Deutsche - passt doch prima zu Waldsterben, Atom-GAU und Elektrosmog. In ähnlich geburtenarmen Ländern wie Spanien, Japan oder Portugal ist eine solche Überhitzung noch nicht bekannt.

Warum muss man eigentlich in Deutschland aus jedem praktischen Problem ein moralisches machen? Die Kulturpessimisten singen wieder mal ihr Lied gegen die Individualisierung und die Ich-Gesellschaft, was letztendlich ihre alte Angst vor der Moderne ist.

Im Land der Ultra-Individualisten, unter meinen Freunden in Amerika, gibt es einen eindeutigen Trend zum Dritt- und Viertkind. Für sie sind Familie und Kinder das Ultimative der individuellen Selbstentfaltung, ob in der traditionellen oder der Patchwork-Variante. Sie bekommen Kinder, weil sie Kinder lieben und Verantwortung übernehmen wollen. Nicht um irgendeiner Gemeinschaft zu dienen oder ihre patriotische Rentenzahler-Zeugungspflicht zu tun, und auch nicht, weil sie Kindergeld und Mutterprämie kriegen. Sondern weil Kinder und Familie toll sind. Und, was auch sehr wichtig ist, weil sie das Modell der arbeitenden Mutter als Vorbild kennen, als normal empfinden und sowohl ihre Infrastruktur als auch den sozialen Umgang miteinander dem angepasst haben.

Um die Zukunft der Familie besorgte Kulturkritiker sollten sich auch einige andere Länder anschauen, wo die Kinderkurve nach langem Absinken wieder steigt, zum Beispiel Island oder Skandinavien. Natürlich gibt es dort mehr Betreuungs-Einrichtungen. Der große Unterschied aber scheint zu sein, dass Frauen sich dort nicht nur emanzipiert haben, sondern auch wirklich gleichberechtigt sind. Mit gleichem Gehalt und gleichen Chancen, in Gesellschaften ohne Geschlechterkrampf, in denen sich ein größerer Anteil der Männer an der Kindererziehung beteiligt und das Schimpfwort Rabenmutter nicht existiert.

Arbeitende Mütter, die international unterwegs sind, sagen mir, dass sie nur in Deutschland nervigen Fragen von Kollegen und Geschäftspartnern ausgesetzt sind, wer sich denn nun um die Kinder kümmere. Woanders sei es selbstverständlich, dass sie Kinder hat. Man freut sich, tauscht Bilder und Geschichten.

Die Erfahrung dieser Länder suggeriert, dass mehr Gleichberechtigung kinderfreundlicher ist, als das Festhalten am Modell des männlichen Ernährers. Wenn der Unterschied im Gehalt bei gleicher Arbeit in Deutschland wieder wächst, wie er das gerade tut, ist das alles andere als Geburten fördernd.

In Spanien macht man's übrigens ganz pragmatisch. Eine Reihe von Bürgermeistern hat sich zusammengetan, um gemeinsam qualifizierte Einwandererfamilien in ihre Ortschaften zu holen. Jetzt füllen sich dort die Schulen, die Dörfer blühen auf. Dafür mussten sie sich gleichzeitig mit der Integrationsfrage auseinandersetzen, schlugen also zwei Fliegen mit einer Klappe.

Das ist ein praktischer Weg von vielen, ganz ohne Hysterie. Die gute Nachricht ist, das Thema liegt auf dem Tisch. Vielleicht hilft das leicht Fiebrige an der Debatte, am Ende doch die Gedanken zu fokussieren.


Stefan Theil,, geboren 1964 in Düsseldorf, 1975 ausgewandert nach Pittsburgh/USA. Studierte Public and International Affairs an der Princeton University, Bachelor of Arts 1986, anschließend Studium der Politischen Wissenschaft in Berlin. Reporter für The Washington Post während der Wende 1989, ab 1990 für Newsweek. Berichte aus Belgien, Frankreich, Niederlande, Polen, Österreich, Russland, Schweiz, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn und Ukraine. Deutschlandkorrespondent Newsweek seit 2001.

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