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Buchkritik | Beitrag vom 23.11.2018

Hilde und Ylva Østby: "Nach Seepferdchen tauchen" Erinnern heißt Rekonstruieren

Von Volkart Wildermuth

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Cover von Hilde und Ylva Østbys Buch "Nach Seepferdchen tauchen". Im Hintergrund ist das Gesicht einer Frau unter Wasser zu sehen. (berlin-Verlag / Unsplash / Lawrson Pinson)
Seepferdchen wird der Hippocampus genannt, eine wichtige Gedächtnisstruktur im Gehirn, die dem Meerestier entfernt ähnelt. (berlin-Verlag / Unsplash / Lawrson Pinson)

Sie schwelgen in abwegigen Bildern, lassen Taucher unter Wasser Vokabeln lernen und versuchen, ihren Lektor zu manipulieren. Eine Neuropsychologin und eine Schriftstellerin haben ein ungewöhnliches Buch über das menschliche Gedächtnis geschrieben.

"Nach Seepferdchen tauchen" ist ein etwas anderes Buch über das Gedächtnis, eines, das Grenzen austestet und in dem Wissenschaftsgeschichte, Interviews mit Gedächtnisforschern und persönliche Erinnerungsgeschichte ineinanderfließen. Geschrieben hat es die Neuropsychologin Ylva Østby gemeinsam mit ihrer Schwester der Schriftstellerin Hilde Østby. Herausgekommen ist so ein Kaleidoskop von Betrachtungen über das Gedächtnis.

Zwischen Realität und Fantasie

Seepferdchen wird der Hippocampus genannt, eine wichtige Gedächtnisstruktur im Gehirn, die dem Meerestier entfernt ähnelt. Erklären die Schwestern, deren Buch vor allem dann besonders gut ist, wenn sie von ihren eigenen Experimenten erzählen. Etwa wenn sie Taucher unter Wasser Vokabeln lernen lassen oder versuchen, ihren Lektor zu manipulieren. Über traumatische Erinnerungen sprechen sie mit Adrian Pracon, der den Anschlag auf Utøya überlebte, und beim Thema "falsche Erinnerungen" kommt der Mordermittler Asbjørn Rachlew zu Wort, der seine eigenen Verhörmethoden hinterfragen musste.

Bei all dem wird klar: Das Gedächtnis ist kein Archiv persönlicher Fakten. "Jede unserer Erinnerungen balanciert zwischen Realität und Fantasie." Es gibt einen wahren Kern, der dann unbemerkt mit nur plausiblen Versatzstücken ausgeschmückt wird. Erinnern heißt Rekonstruieren. Die Unschärfe ist kein Fehler, sie ist eine Notwendigkeit, denn das Gehirn nutzt dieselben Prozesse nicht nur um zurückzublicken, sondern vor allem um vorauszuschauen. "Menschen sind Visionäre, und der Ursprung der Visionen liegt im Gedächtnis." Das dürfte ein Schlüssel für den evolutionären Erfolg des Menschen sein. Die meisten Tiere dagegen machen wahrscheinlich keine ausgefeilten Pläne für die Zukunft und denken auch nicht ständig an gestern. "Keine Gazelle zuckt zusammen, weil sie sich an einen peinlichen Moment vor zwei Jahren erinnert."

Holperige Übersetzung und abwegige Bilder

Solche Sätze machen Spaß. Leider driften die Autorinnen öfter ab oder schwelgen in eher abwegigen Bildern. So blitzen angeblich im Hirnscanner "die Gedanken der Versuchspersonen wie die Lichter von Taschenlampen unter Wasser auf, die durch die grünen Wassermassen schweifen, als seien es kleine Funken, die im Meer aufleuchten." Ein Vergleich, der mehr verstellt als erhellt. Erschwerend kommt hinzu, dass die deutsche Übersetzung stellenweise holprig ist. Wer kann, sollte also lieber die englische Ausgabe lesen.

Und so ist "Nach Seepferdchen tauchen" keine systematische Einführung in die Gedächtnispsychologie, eher eine Reise zu einzelnen spannende Aspekten, auf die man sich einlassen muss. Gelingt einem das, dann passiert beim Lesen dasselbe wie beim Erinnern selbst: Dann mischt sich Wichtiges mit Nebensächlichem und Ungewöhnlichem.

Hilde Østby/Ylva Østby: "Nach Seepferdchen tauchen. Ein Buch über das Gedächtnis"
Übersetzt von Nina Hoyer
Berlin Verlag, München 2018
320 Seiten, 24 Euro

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