Hi, PC
Vor ungefähr 60 Jahren erklärte Thomas J. Watson: "Ich bin überzeugt, dass weltweit ein Bedarf nach nicht mehr als fünf Computern besteht." Er musste es wissen. Er war Präsident von IBM, dem größten Büromaschinenkonzern der Welt.
Wir würden den peinlichen Irrtum hier nicht aufwärmen, erreichte uns nicht gerade die Meldung, dass zum ersten Mal mehr als die Hälfte der Bürger der Europäischen Union bei der Arbeit einen Computer nutzt. In Dänemark sind es fast 70 Prozent. Und in Deutschland kommen noch einmal mehr private PCs dazu als es Haushalte gibt: 36 Millionen.
Man mag kaum glauben, dass vor 20 Jahren Gewerkschafter Plakate hochreckten: "Computer - nein danke!" Drei Viertel der Deutschen lehnten die "Jobkiller" ab. Technologische Revolutionen nährten schon oft Untergangsängste im Land der Dichter und Denker.
In den USA kürte das Nachrichtenmagazin "Time" damals den Computer zur "Person des Jahres ‘82". Es war die erste "Person", die eine Maschine war. Ein Vierteljahrhundert später ernannte das gleiche Magazin den Mann am Computer, den "Blogger", der sich im Internet zu jedem und allem äußert, zur "Person des Jahres 2006". Statt eines Bildes zierte ein Spiegel die Titelseite von "Time". Das heißt: "Du", der dich da anblickt, bist in der entgrenzten Welt des Netzes die "Person des Jahres".
Die Video-Webseite "YouTube", also: "DuRöhre" zeigt diese neue Welt. Wer will, kann sich, seine privaten Videos, seine Meinung dort zur Schau stellen. Presse, Radio, Fernsehen haben ihr Informationsmonopol verloren. Der neue Konkurrent heißt: Jedermann. Tag für Tag kommen 65.000 neue Videos dazu. Dabei ist "YouTube" noch ein Baby, zwei Jahre alt, aber schon zwei Milliarden Dollar schwer.
Nur: Soll man jubeln über diese "wackere, neue Welt"? Haben die Kulturpessimisten nicht recht? Wieviel Mist stellen da Wichtigtuer ins Netz? Dilletantische, geschmacklose Filme, geschwätzige Blogs. Was soll man von einer Menschheit halten, die sich das antut? Und vier Millionen Arbeitslose fragen: War die Angst vor dem Jobkiller nicht berechtigt? Sitzen nicht Computer auf Arbeitsplätzen, die Menschen gehörten? Wie viele mussten früher Hand anlegen, um eine Nachricht in die Zeitung zu bringen oder einen Brief zu befördern. Heute drückt man ein paar Tasten und die E-Mail ist schon da. Die Arbeit aber ist weg.
Aber hätte der Slogan "Computer - Nein, danke!" - gesiegt, gäbe es überhaupt noch etwas zu tun? Ohne Mikrochips, ohne Computer läuft keine Maschine, kein Auto, kein Handy, kein Fernseher. Gewiß: Dem Computer fielen ungezählte Arbeitsplätze zum Opfer. Aber wären wir ohne PCs Exportweltmeister. Nicht ohne Grund ist die Beschäftigung in jenen Ländern besonders hoch, in denen die meisten Computer stehen. Heute beklagen sogar Gewerkschafter, man habe sich durch den Kampf gegen den "Jobkiller" in eine Sackgasse manövriert. In einer globalen Welt vernichtet nicht Strukturwandel, sondern verpasster Strukturwandel Arbeit.
Wir müssen sie nicht lieben, die PCs, aber wir können ohne sie nicht leben. Wobei die meisten sie ja sogar lieben. Umfragen zeigen, dass die Mehrzahl der Jugendlichen eher auf den Fernseher als auf den Computer verzichten würde.
Dabei wird im Internet nicht nur Wahrheit und Güte verbreitet. Terroristen bietet es neue, bedrohliche Wege. Killerspiele machen Angst. Menschen können vor dem PC vereinsamen. Nur: Viele finden gerade umgekehrt den Partner im Netz.
Es bietet eine unüberschaubare Fülle an Anregungen und Information. Pessimisten stört sogar das: "Wir informieren uns zu Tode!" Doch ist nicht das größere Problem einer offenen Gesellschaft Mangel an Information. Wegen der Informationen fürchten Diktatoren das globale Netz wie der Teufel das Weihwasser.
Die "Person des Jahres ’82" fasziniert uns, weil sie eine so ungewöhnliche Maschine ist, ein Partner, der uns - gedankenlos zwar - "Guten Morgen" sagt. Dessen Gehirn dem menschlichen Hirn neue Dimensionen öffnet, der sekundenschnell Dinge berechnet, sortiert, Antworten findet, für die ein Heer von Menschen Stunden, Tage, Jahre brauchte. Der uns erlaubt an Texten, Essays, Gedichten präzise zu feilen. Der über Google, Google Earth, Wikipedia auch jenen Zugang zu unendlichem Wissen öffnet, die zuhause keinen gefüllten Bücherschrank haben.
Aber bleiben wir uns bewusst: die "Person des Jahres ’82" ist nur eine Maschine. Der Mensch, der sich ihrer bedient, trägt die Verantwortung, nach der alten Computer-Weisheit: Stopft man Quatsch rein, kommt auch Quatsch raus. Wie menschlich, wie tröstlich!
Thomas Löffelholz, Journalist, 1932 in Wiesbaden geboren, arbeitet als Publizist. Er ist Diplom-Volkswirt und promovierte in Marburg zum Dr. jur. Bis 1963 war er Wirtschaftsredakteur der "Stuttgarter Zeitung", dann berichtete er neunzehn Jahre lang als Korrespondent aus Brüssel und Bonn. Von 1983 bis 1995 war er Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung". Von 1995 bis 1998 war er Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt". Er ist Mitglied des Kuratoriums des renommierten "Theodor-Wolff-Preises" und der Jury des "Ludwig-Erhard-Preises".
Man mag kaum glauben, dass vor 20 Jahren Gewerkschafter Plakate hochreckten: "Computer - nein danke!" Drei Viertel der Deutschen lehnten die "Jobkiller" ab. Technologische Revolutionen nährten schon oft Untergangsängste im Land der Dichter und Denker.
In den USA kürte das Nachrichtenmagazin "Time" damals den Computer zur "Person des Jahres ‘82". Es war die erste "Person", die eine Maschine war. Ein Vierteljahrhundert später ernannte das gleiche Magazin den Mann am Computer, den "Blogger", der sich im Internet zu jedem und allem äußert, zur "Person des Jahres 2006". Statt eines Bildes zierte ein Spiegel die Titelseite von "Time". Das heißt: "Du", der dich da anblickt, bist in der entgrenzten Welt des Netzes die "Person des Jahres".
Die Video-Webseite "YouTube", also: "DuRöhre" zeigt diese neue Welt. Wer will, kann sich, seine privaten Videos, seine Meinung dort zur Schau stellen. Presse, Radio, Fernsehen haben ihr Informationsmonopol verloren. Der neue Konkurrent heißt: Jedermann. Tag für Tag kommen 65.000 neue Videos dazu. Dabei ist "YouTube" noch ein Baby, zwei Jahre alt, aber schon zwei Milliarden Dollar schwer.
Nur: Soll man jubeln über diese "wackere, neue Welt"? Haben die Kulturpessimisten nicht recht? Wieviel Mist stellen da Wichtigtuer ins Netz? Dilletantische, geschmacklose Filme, geschwätzige Blogs. Was soll man von einer Menschheit halten, die sich das antut? Und vier Millionen Arbeitslose fragen: War die Angst vor dem Jobkiller nicht berechtigt? Sitzen nicht Computer auf Arbeitsplätzen, die Menschen gehörten? Wie viele mussten früher Hand anlegen, um eine Nachricht in die Zeitung zu bringen oder einen Brief zu befördern. Heute drückt man ein paar Tasten und die E-Mail ist schon da. Die Arbeit aber ist weg.
Aber hätte der Slogan "Computer - Nein, danke!" - gesiegt, gäbe es überhaupt noch etwas zu tun? Ohne Mikrochips, ohne Computer läuft keine Maschine, kein Auto, kein Handy, kein Fernseher. Gewiß: Dem Computer fielen ungezählte Arbeitsplätze zum Opfer. Aber wären wir ohne PCs Exportweltmeister. Nicht ohne Grund ist die Beschäftigung in jenen Ländern besonders hoch, in denen die meisten Computer stehen. Heute beklagen sogar Gewerkschafter, man habe sich durch den Kampf gegen den "Jobkiller" in eine Sackgasse manövriert. In einer globalen Welt vernichtet nicht Strukturwandel, sondern verpasster Strukturwandel Arbeit.
Wir müssen sie nicht lieben, die PCs, aber wir können ohne sie nicht leben. Wobei die meisten sie ja sogar lieben. Umfragen zeigen, dass die Mehrzahl der Jugendlichen eher auf den Fernseher als auf den Computer verzichten würde.
Dabei wird im Internet nicht nur Wahrheit und Güte verbreitet. Terroristen bietet es neue, bedrohliche Wege. Killerspiele machen Angst. Menschen können vor dem PC vereinsamen. Nur: Viele finden gerade umgekehrt den Partner im Netz.
Es bietet eine unüberschaubare Fülle an Anregungen und Information. Pessimisten stört sogar das: "Wir informieren uns zu Tode!" Doch ist nicht das größere Problem einer offenen Gesellschaft Mangel an Information. Wegen der Informationen fürchten Diktatoren das globale Netz wie der Teufel das Weihwasser.
Die "Person des Jahres ’82" fasziniert uns, weil sie eine so ungewöhnliche Maschine ist, ein Partner, der uns - gedankenlos zwar - "Guten Morgen" sagt. Dessen Gehirn dem menschlichen Hirn neue Dimensionen öffnet, der sekundenschnell Dinge berechnet, sortiert, Antworten findet, für die ein Heer von Menschen Stunden, Tage, Jahre brauchte. Der uns erlaubt an Texten, Essays, Gedichten präzise zu feilen. Der über Google, Google Earth, Wikipedia auch jenen Zugang zu unendlichem Wissen öffnet, die zuhause keinen gefüllten Bücherschrank haben.
Aber bleiben wir uns bewusst: die "Person des Jahres ’82" ist nur eine Maschine. Der Mensch, der sich ihrer bedient, trägt die Verantwortung, nach der alten Computer-Weisheit: Stopft man Quatsch rein, kommt auch Quatsch raus. Wie menschlich, wie tröstlich!
Thomas Löffelholz, Journalist, 1932 in Wiesbaden geboren, arbeitet als Publizist. Er ist Diplom-Volkswirt und promovierte in Marburg zum Dr. jur. Bis 1963 war er Wirtschaftsredakteur der "Stuttgarter Zeitung", dann berichtete er neunzehn Jahre lang als Korrespondent aus Brüssel und Bonn. Von 1983 bis 1995 war er Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung". Von 1995 bis 1998 war er Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt". Er ist Mitglied des Kuratoriums des renommierten "Theodor-Wolff-Preises" und der Jury des "Ludwig-Erhard-Preises".