Geschichte
Bei Hexenprozessen galten auch angebliche Hexenmale am Körper der Beschuldigten als Beweise © picture alliance / Bildagentur-online / Sunny Celeste
Wie sich die Hexenverfolgung ausbreiten konnte

60.000 Menschen, vor allem Frauen, werden im 15. und 16. Jahrhundert als angebliche Hexen getötet. Dabei spielen nicht allein die Kirchen eine Rolle, sondern auch weltliche Herrscher, Klimaveränderungen und damals neue Medien.
40.000 bis 60.000 Menschen wurden geschätzt in Europa als Hexen verfolgt und hingerichtet – vor allem im 16. und 17. Jahrhundert. Besonders viele Opfer sind unter den Frauen zu finden.
Die Ursachen für den Glauben an Hexen wie auch für die Verfolgung sind vielfältig – und zeigen einige überraschende Parallelen zu unserer heutigen Welt. Die Rolle der Kirche wird dabei oft überschätzt.
Inhalt
Die Verantwortung für die Hexenverfolgung hat viele Bausteine
Die Verantwortung für die Hexenverfolgung liegt nicht bei einer einzelnen Instanz, sondern in einem Zusammenspiel aus kirchlicher Legitimation und staatlicher Machtausübung.
Eine theoretische Grundlage liefert die sogenannte "Hexenbulle" von Papst Innozenz VIII. aus dem Jahr 1484. Darin wird festgehalten: Es gibt Hexen und sie müssen verfolgt werden. Eine treibende Kraft der Hexenverfolgung ist der Dominikanermönch Heinrich Kramer. Er verfasst 1486 den „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum), ein Regelwerk, das Hexenprozesse systematisiert und die Hexenbulle als Einleitung nutzt, um einen offiziellen Anschein zu erwecken.
Am Beispiel Bamberg lässt sich zeigen, wie diese Schriften auf fruchtbaren Boden fallen – sowohl juristisch wie auch theologisch. Hier werden Hunderte Todesurteile gefällt, daran beteiligt sind unter anderen Generalvikar Friedrich Förner oder Johann Georg II. Fuchs von Dornheim, der schon von den Zeitgenossen der “Hexenbrenner” genannt wird.
Dennoch: Die Verantwortung lässt sich nicht einer einzigen Institution zuschreiben, sagt die Historikerin Rita Voltmer von der Universität Trier. Im 16. Jahrhundert setzt die Reformation ein und es gibt nicht mehr „die eine“ Kirche. Sondern bereits drei Kirchen.
Beispielsweise ist auch der Reformator Martin Luther davon überzeugt, dass Hexen existieren und sie Schaden anrichten.
Zudem liegt die juristische Umsetzung meist bei der weltlichen Gerichtsbarkeit. Hexenprozesse werden ortbedingt unterschiedlich durchgeführt. Dazu werden von Städten, Bistümern oder Staaten beispielsweise Sondergerichte eingesetzt – kleine Gremien, die den Hexenprozess allein führen, ohne jegliche Kontrolle von außen, erklärt der Historiker Johannes Dillinger.
Auch lassen Landesherren Prozesse durchführen: In den Konflikten der Reformationszeit möchten sie ihre Länder gleichschalten und verfolgen Abweichler, zu denen ihrer Meinung nach auch Hexen gehören.
Frühe Kritik an der Hexenverfolgung
Schon früh wird in verschiedenen religiösen Lagern – protestantisch wie katholisch – das Vorgehen der Hexenprozesse kritisiert. Der Jesuit Friedrich Spee wendet sich beispielsweise gegen den Einsatz von Folter. Der Jurist und Philosoph Christian Thomasius kämpft ebenfalls gegen die Hexenverfolgung und tritt für eine humane Strafordnung ein. Seine Schriften tragen maßgeblich dazu bei, dass es im 18. Jahrhundert zu einem Ende der systematischen Hexenverfolgung in Deutschland kommt.
Die Nationalsozialisten sammeln Hexenprozessakten
Die Vorstellung, dass allein die katholische Kirche für die Hexenprozesse Verantwortung trägt, wird im 19. Jahrhundert gebildet. Reichskanzler Otto von Bismarck sieht in der katholischen Kirche eine Gefahr für das preußisch-protestantisch geprägte Kaiserreich. Negative Vorstellungen über die katholische Kirche werden im politisch motivierten “Kulturkampf” genutzt.
Die Nationalsozialisten greifen diese Strategie im 20. Jahrhundert auf – als Elemente der sogenannten Kirchenkritik. Auch hier wird die Geschichte der Hexenprozesse politisch instrumentalisiert, so Johannes Dillinger. Ziel ist es, die Kirche historisch zu belasten und ihre Autorität zu untergraben. Aus diesem Grund lässt Heinrich Himmler zwischen 1935 und 1944 im sogenannten “Hexensonderauftrag” systematisch Hexenprozessakten sammeln und auswerten.
Die Rolle der Bevölkerung: In der Krise suchen die Menschen Sündenböcke
Die Motive hinter den Hexenprozessen waren teils nicht religiös, sondern weltlich:
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts kommt es zu einer tiefgreifenden Klimaveränderung, der sogenannten Kleinen Eiszeit. Sie dauert etwa 130 Jahre, ihre Hauptzeit liegt zwischen 1570 und 1700. Die Winter werden infolgedessen länger und kälter, die Sommer rauer und nasser. Für die vorindustrielle Landwirtschaft der damaligen Zeit hat das fatale Folgen. Missernten häufen sich, Grundnahrungsmittel wie Getreide werden knapp, Menschen leiden Hunger. Dadurch werden sie auch anfälliger für Krankheiten und Seuchen.
Phänomene wie extreme Unwetter, Ernteausfälle oder das Sterben von Vieh bleiben der Bevölkerung der vormodernen Zeit unerklärlich. Eine scheinbar plausible Erklärung: Hexen, die mit ihren dunklen Kräften Schaden und Unglücksfälle herbeirufen. Eine historisch häufig zu beobachtende Reaktion, so der Historiker Kai Lehmann: “In der Menschheitsgeschichte scheint es das immer schon gegeben zu haben, dass man Sündenböcke gesucht hat, zum Beispiel für Ernteausfälle oder auch für die Pest.”
“Massenhysterien” werden entfacht, die ihrerseits die Hexenprozesse befördern – beides steht miteinander in Verbindung, was teilweise schon die Zeitgenossen ahnen.
Der Buchdruck als Treiber des Irrglaubens
Auftritt des Buchdrucks. Im 15. Jahrhundert vervielfältigt sich durch die Erfindung Johannes Gutenbergs die Medienlandschaft. Bücher und Flugblätter verbreiten sich sehr schnell – und erreichen erstmals eine breite Masse. Sie thematisieren auch die Hexenverfolgung, berichten über Hexenprozesse, Geständnisse und Hinrichtungen. Bilder und Geschichten, wie mit Hexenkraft angeblich Wetterzustände beeinflusst, Kühe getötet oder Kinder umgebracht werden, gelangen durch die neuen Kommunikationsmittel zu immer mehr Menschen und in jedes Dorf. Sie befeuern Misstrauen und Aberglauben und liefern gleichzeitig Vorlagen für diese Narrative, so der Historiker Kai Lehmann: “Ist bei uns im Ort nicht auch ein Kind auf geheimnisvolle Weise gestorben? Oder ganz plötzlich eine Kuh krank geworden?”
Die Klimakrise in Kombination mit den damals neuen Massenmedien sei ein “ganz starker Treiber” für Hysterie und Hexenverfolgungen, so Kai Lehmann.
Druck für Hexenverfolgungen komme also auch aus der Bevölkerung, so Kai Lehmann – wenn sich dort die Vorstellung verbreite, Hexen seien “an unserem Unglück schuldig”. Dort, wo dieser Druck von “unten” auf eine verfolgungswillige Obrigkeit stoße, sei es dann teilweise zu Exzessen gekommen. Dort, wo sich die Obrigkeit unwillig zeigte, auf diesen Druck einzugehen, sei es wiederum kaum zu Verfolgungen gekommen, wie im hessischen Schmalkalden, so Lehmann.
Onlinetext: Catherine Shelton

























