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Interview | Beitrag vom 08.09.2018

"Hetzjagd"-Video aus Chemnitz"Da wurde auch nichts dran manipuliert"

Ralf Nowotny im Gespräch mit Ute Welty

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Drei Menschen stehen an einer großen Kreuzung, ein Mann rennt hinter einem anderen Mann her. (Deutschlandradio / Twitter / Screenshot)
Offenbar geht es um dieses Video bei der Debatte über "Hetzjagden" (Deutschlandradio / Twitter / Screenshot)

Eine Fälschung? Ein altes Video? Um die Authentizität des Videos zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen im Netz wird gestritten. Ralf Nowotny vom Verein "Mimikama" zur Aufdeckung von Fakes im Internet ist sich sicher: "Es war wirklich ein neues Video."

In der Kontroverse um die Berichterstattung über ausländerfeindliche und rassistische Ausschreitungen in Chemnitz spielt ein Internet-Video eine zentrale Rolle, dessen Echtheit der Präsident des Bundesverfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen jetzt angezweifelt hat. Nicht nur er: Auch im Internet kursieren Behauptungen, das Video aus Chemnitz sei in Wahrheit alt.

Dem widerspricht Ralf Nowotny vom Verein "Mimikama", der sich mit der Aufdeckung von Fälschungen im Netz befasst. "Man hat es noch nicht gesehen, es war wirklich ein neues Video und da wurde auch nichts dran manipuliert", sagte er im Deutschlandfunk Kultur. Aber sobald einer sage, "das habe ich schon mal irgendwo gesehen", streue sich das wie ein Lauffeuer, bedauert Nowotny und mahnt: Auch an solche Videos müsse man "absolut objektiv" herangehen.

Meta-Daten helfen bei der Analyse

Grundsätzlich gibt es Nowotny zufolge mehrere Möglichkeiten, die Authentizität von Videos und Bildern zu überprüfen. Wenn man die Originalquelle habe, lasse sich anhand der Meta-Daten der Datei herausfinden, wann und wo ein Video entstanden sei. Das sei bei Videos, die über Twitter und Facebook verbreitet werden, in der Regel nicht der Fall. "Da gibt es dann aber andere Möglichkeiten."

Zunächst könne Quelle, die das Video verbreitet habe, könne ein Anhaltspunkt sein.  "Wo kommt es überhaupt her? Gibt es eine bestimmte Intention?" Da habe es im Fall des Videos aus Chemnitz zunächst durchaus Zweifel gegeben, räumt Nowotny ein: "Weil, das war von einem Account namens Anti-Zecken… so was in der Richtung."

Dann ließen sich aber weitere Anhaltspunkte hinzuziehen. Etwa der Hintergrund, der auf den Aufnahmen zu sehen sei: "War das an diesem Ort? Können da irgendwelche Zeugen das bestätigen? Gibt es noch andere Aufnahmen von dem gleichen Ereignis? Wie waren die Wetterverhältnisse zu dem Zeitpunkt?"

(uko)


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Falschmeldungen entlarven, verdrehte Inhalte klarstellen, auf Nutzerprobleme reagieren – all das hat sich Mimikama zur Aufgabe gemacht als Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch, und die Ereignisse und Diskussionen in Zusammenhang mit Chemnitz zeigen, wie groß offenbar das Bedürfnis nach solcher Expertise ist. Speziell geht es um ein Video, in dem zu sehen ist, wie ein junger Mann mit dunklerer Haut vor Angreifern die Flucht ergreift und verfolgt wird. Verfassungsschutzpräsident Maaßen hatte die Echtheit des Videos angezweifelt. Wie man ein solches Video überprüft, das weiß Ralf Nowotny, denn er gehört zu den Fake-Jägern von Mimikama. Guten Morgen!

Ralf Nowotny: Guten Morgen!

Welty: Wie funktioniert das Verifizieren von Videos grundsätzlich?

Nowotny: Also grundsätzlich ist es so bei solchen Videos, da ist es gut, wenn man eine Originalquelle hat, weil man dann in die Metadaten schauen kann, wann und wo ein Video entstanden ist. Das ist aber meistens ja nicht der Fall, weil zum Beispiel bei diesem Video, das taucht dann auf Facebook und Twitter auf, da fehlen die Daten. Da gibt es dann aber andere Möglichkeiten.

Bei der Quelle kamen erstmal durchaus Zweifel aus

Welty: Welche denn?

Nowotny: Zum Beispiel, indem man jetzt genau das Video insofern analysiert, erst mal die Quelle. Wo kommt es überhaupt her, gibt es eine bestimmte Intention. Da sind dann natürlich erst mal Zweifel eingetreten, weil das war von einem Account namens Antizecken, sowas in der Richtung, da war erst mal Zweifel angesagt, aber sobald man dann weitere Anhaltspunkte sich angeschaut hat, zum Beispiel der Hintergrund –  war das an diesem Ort, können da irgendwelche Zeugen das bestätigen, gibt es noch andere Aufnahmen von dem gleichen Ereignis, wie waren die Wetterverhältnisse zu dem Zeitpunkt. Also genau solche Sachen kann man teilweise überprüfen, wenn man genau das Video anschaut, auf Gebäude achtet und auch auf Personen, ob die noch in anderen Videos auftauchen.

Welty: Was kann Verifizierung und Transparenz denn überhaupt noch erreichen in einer Welt, in der einige Menschen immer noch felsenfest davon überzeugt sind, dass die Erde eine Scheibe ist?

Nowotny: Man kann wenigstens die sogenannten Wackelkandidaten erreichen. Es gibt natürlich verbohrte Leute, die kann man auch mit solchen Videos nicht überzeugen oder von anderen Sachen, aber es gibt ja immer noch genügend Leute, die dann sagen, ja, es könnte ja sein, dass der Herr Maaßen doch recht hat und dass das vielleicht alles gefälscht ist und vorgetäuscht ist, und die kann man schon wirklich dann mit solchen Fakten überzeugen, indem man sagen kann, guck mal, da hinten, das Gebäude, was da zu sehen ist, das ist da auch, das heißt, das wurde da nicht nachgedreht oder manipuliert oder so. Also wenn man wirkliche harte Fakten vorlegt, kann man auch diese Wackelkandidaten, die noch zweifeln, überzeugen.

"Es war wirklich ein neues Video"

Welty: Wo ziehen Sie die Grenze zwischen berechtigten Zweifeln und Zweifeln, die ihrerseits bewusst gesät werden, um zu diskreditieren? Im Zusammenhang mit diesem besagten Video, war das ja zum Beispiel ein Tweet, der suggerierte, das Video sei alt und man habe es doch schon mal irgendwo gesehen.

Nowotny: Das ist das Schwierige dran. Gerade bei solchen Videos wird ja gern mit politischen Einstellungen gespielt, und sobald da einer sagt, das hab ich schon mal irgendwo gesehen, streut sich das dann wie ein Lauffeuer, und da ist dann das Schwierige dran, auch an solche Videos absolut objektiv ranzugehen und nicht etwa denken, das habe ich schon mal irgendwo gesehen, sondern es wirklich so anzuschauen, wie es nun mal ist, wie in diesen Fall, man hat es noch nicht gesehen, es war wirklich ein neues Video, und da wurde auch nichts dran manipuliert.

Welty: Aber ist das die nächste Manipulationsstufe, dass eben nicht mehr der Gegenstand selbst manipuliert wird, sondern die Wahrnehmung des Gegenstandes?

Nowotny: Soweit ist es ja im Prinzip schon, dass die Wahrnehmung manipuliert wird. Das sieht man daran, dass bestimmte Sachen immer wieder so gehäuft in manchen Presseorganen genannt werden, dass man in eine subjektive Wahrnehmung kommt, dass irgendwas absolut gehäuft ist. Das kann jetzt… Zur jetzigen Zeit ist das mit sehr vielen Migrantenüberfällen so, aber vor Jahren war das schon so, wenn zum Beispiel um Angriffe von Kampfhunden angeht, da hat die "Bild"-Zeitung zum Beispiel eine große Sache draus gemacht. Die haben jeden Tag einen neuen Bericht gebracht, sodass man wirklich gedacht hat, es gibt eine Invasion von Kampfhunden. Also, die Wahrnehmung wird schon seit jeher immer wieder manipuliert.

Journalismus muss neutral bleiben

Welty: Das heißt, Sie sehen die Journalisten und Journalistinnen auch in besonderer Verantwortung, weil eben für eine provokante Schlagzeile auch hart an der Lüge entlang zugespitzt wird?

Nowotny: Ja, das auf jeden Fall. Das ist immer eine hässliche Sache, weil der Journalismus als solches muss schon objektiv berichten, ohne auf das Ziel zu gehen, jetzt unbedingt eine harte Schlagzeile erzeugen zu wollen. Ja klar, das ist toll, das erregt dann die Käufer, das gibt dann Klicks im Internet und so. Alles gut und schön, aber dadurch gerät der ganze Journalismus bergab, da ist auf jeden Fall der Journalismus gefordert, da neutral zu bleiben.

Welty: Ralf Nowotny gehört zu den Fake-Jägern von Mimikama vom Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch. Herr Nowotny, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Nowotny: Kein Problem, gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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