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Zeitfragen | Beitrag vom 14.05.2018

Herztransplantationszentrum Bad OeynhausenFremdes Leben in der eigenen Brust

Von Lena Sterz

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Transplantationsmediziner entnehmen einem Verstorbenen das Herz.  (dpa / Bernd Wüstneck)
Spender im OP: Vor einigen Jahren gab es rund 500 Spenderherzen pro Jahr in Deutschland, im vergangenen Jahr waren es nur noch die Hälfte. (dpa / Bernd Wüstneck)

In Deutschland erklären sich im Vergleich zu anderen Ländern nur wenige Menschen dazu bereit, ihre Organe nach dem Tod zu spenden. Besonders dramatisch ist die Situation bei Spenderherzen. Und gerade solche Transplantationen sind Ausnahmesituationen für Patient und Arzt.

"So, Herr Willer, wie geht es Ihnen?"
"Vom Herzen her gut."
"Hatten Sie in letzter Zeit mal fieberhafte Infekte?"

Wolfgang Willer hat vor wenigen Monaten ein neues Herz bekommen – aus einer Organspende. Der 58-Jährige kommt aus Lübeck, heute musste er zur Nachuntersuchung nach Bad Oeynhausen in die Herzklinik fahren.

Jetzt kontrolliert ein Arzt seine Blutwerte und erkundigt sich nach seinem Befinden – denn auch, wenn die ersten Monate für Wolfang Willer gut liefen, besteht immer noch die Gefahr, dass sein Körper das fremde Herz abstoßen könnte.

"Belastbar sind Sie ganz normal?"
"Äh, teilweise. Weite Strecken nur mit Rollator."

Ein Kunstherz überbrückt die Wartezeit bis zur Organspende

Wolfgang Willer brauchte ein Spenderherz, weil er einfach Pech gehabt hat: Er hatte vor sieben Jahren eine Lungenentzündung, die schnell erkannt und behandelt wurde. Als es ihm nicht besser ging, kam er ins Krankenhaus. Dort versagten seine Organe. Dreimal holten ihn die Ärzte ins Leben zurück, sein Herz konnte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Da die Wartelisten für Spenderherzen lang sind und die Ärzte prognostizierten, dass er zunächst auch mit einem Kunstherz würde überleben können, bekam er eine Pumpe in sein Herz implantiert. Nach sieben langen Jahren mit der implantierten Pumpe hat er vor kurzem endlich ein Spenderherz bekommen.

Er konnte zwar zwischendurch mit dem Kunstherz ein relativ normales Leben führen, aber keine künstliche Pumpe ist so gut wie ein echtes Herz: Man muss immer genügend Akkus für die Pumpe dabei haben, und irgendwann bekommt jeder mit der Pumpe ein gesundheitliches Problem. Bei Wolfgang Willer war es eine Infektion, die seinen Zustand lebensbedrohlich werden ließ.

"Ich hab auf ein Spenderherz gewartet, und die letzten eineinhalb Jahre war es so schlecht, dass ich da fast nur noch im Krankenhaus lag."

Die Nachricht, dass es ein Spenderherz für ihn gibt, kam kurz nach Weihnachten. Dafür mussten viele Dinge zusammenpassen: Größe und Gewicht von Organspender und -empfänger müssen ungefähr zusammenpassen, außerdem spielt die Blutgruppe eine wichtige Rolle. Und dann muss alles sehr schnell gehen: Nur vier Stunden Zeit haben die Ärzte von der Entnahme des Herzens in einer anderen Klinik, bis es in Bad Oeynhausen implantiert wird. Als die Ärzte mit seinem Spenderherz aus der anderen Klinik kamen, lag Wolfgang Willer schon auf dem OP-Tisch.

Eine emotional sehr bewegende Situation

Er erinnert sich noch genau, wie es war, als er mit seinem neuen Herz aufgewacht ist.

"Nach zwei Tagen, als ich wieder zu mir kam, da habe ich zum ersten Mal mein Herz klopfen gespürt, und da habe ich gesagt: Sei ruhig, du gehörst jetzt mir und du bleibst jetzt auch bei mir."

Organspende-Empfänger wie Wolfgang Willer erfahren nicht, wer der Mensch war, der es vor ihm hatte. Sein Herz kann aus einem anderen europäischen Land sein, es kann einem Mann oder einer Frau, einem Schlaganfall-Patienten oder einem Unfall-Opfer gehört haben.

"Ich möchte das auch nicht wissen. Weil ich bin froh, dass es überhaupt noch welche gibt als Spender, weil es sind ja leider immer weniger statt mehr. Dadurch möchte ich auch gar nicht wissen, wer das war, weil ich hab mein eigenes Schicksal und dann noch das fremde Schicksal – ich weiß nicht, ob man das dann noch so verkraften würde."

Eine Herztransplantation ist nicht nur für den Empfänger eine Ausnahmesituation, auch für die behandelnden Ärzte. Der Direktor der Herzklinik Bad Oeynhausen, Professor Jan Gummert, hat schon viele Herzen transplantiert.

"Das ist eine schon emotional bewegende Situation. Sie haben einen todkranken Menschen, Sie sehen das Herz, das sich dann eben kaum noch bewegt, schlecht pumpt, und dann wird das kranke Herz entfernt und das gesunde Spenderherz eingebaut. Und wenn das dann anfängt zu schlagen, also der leere Brustkorb dann mit einem Mal wieder mit dem Organ, das für das Leben schlichtweg notwendig ist, wieder gefüllt wird, und das arbeitet dann einwandfrei – das ist ein ganz tolles Gefühl."

Die Kliniken brauchen mehr Unterstützung

Es gab einmal eine Zeit in Deutschland, in der mehr als 500 Spenderherzen im Jahr zur Verfügung standen, im vergangenen Jahr waren es gerade einmal halb so viele. Was müsste sich ändern, damit es wieder mehr werden? Klinikdirektor Gummert sagt: mehrere Dinge. Zum einen ist er dafür, dass man in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern automatisch zum Organspender werden sollte – außer man widerspricht dagegen.

"Der zweite Punkt wäre: Unterstützung der Spenderkliniken. Das muss auskömmlich finanziert werden, dass ein Spenderorgan entnommen wird, das ist schon ein recht aufwändiger Prozess und heutzutage gibt es leider nichts, was umsonst ist. Und: eine Stärkung der Position der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken. Aktuell ist es so, dass das in vielen Kliniken nebenbei gemacht wird."

Bayern hat als bisher einziges Bundesland die Position der Transplantationsbeauftragten gestärkt. Der oder die jeweilige Mitarbeiterin der Klinik bekommt dort mehr Zeit als bisher, um sich um Organspenden zu kümmern.

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