Seit 14:05 Uhr Kompressor

Freitag, 06.12.2019
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 02.09.2014

Herzogin Anna Amalia BibliothekDie Lehren aus der Katastrophe

Zehn Jahre nach dem Brand

Von Christoph Schmitz-Scholemann

Rauch steigt aus dem Dachstuhl der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, zwei Feuerwehrleute auf einer Leiter löschen. (dpa/picture alliance/Martin Schutt)
Der Dachstuhl der Herzogin Anna Amalia Bibliothek wurde bei dem am 2.9.2004 Brand völlig zerstört. (dpa/picture alliance/Martin Schutt)

Als 2004 die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar in Flammen stand, wurden etwa 50.000 Bücher zerstört. 60.000, darunter eine Lutherbibel von 1534, konnten gerettet werden. Wiedereröffnet wurde der restaurierte Bau 2007.

Der 2. September 2004 war einer jener klassischen Spätsommertage in Weimar, an denen der Himmel so unwirklich hell glänzt, dass die Stadt an der Ilm beinahe selbst wie ein Stück Literatur wirkt. Gegen acht Uhr abends war Michael Knoche, Direktor der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, nach Hause geradelt.

"Ich hab am 2. September um 20 Uhr 26 einen Anruf eines Mitarbeiters bekommen mit dem Satz 'Die Bibliothek brennt. Ich weiß nicht, ob Sie kommen wollen.' Der Satz ist mir natürlich ins Gedächtnis eingebrannt, weil er so kurios war. Ich hab mich dann gleich aufgemacht und hab schon kurz nachdem ich die Straßenbiegung passiert hatte, gesehen, dass Rauch aus den Dachgauben stieg."

Aus dem 16. Jahrhundert stammt der Kern des Hauses, das in seiner leicht asymmetrischen Gestalt die Würde eines freundlichen alten Philosophen ausstrahlt, der manchen Niedergang und Neuanfang erlebt hat. Ende 1797 schrieb Goethe an Schiller:

"Vielleicht habe ich bei Bibliothekssachen künftig einigen Einfluß ... Bei der jetzigen Einrichtung gewinnt niemand nichts, manches Geld wird unnütz ausgegeben, manches Gute stockt."

Und Schiller erwidert:

"Ihre Idee ... wird gewiß jeder Vernünftige ... ausgeführt wünschen. Fände man nur alsdann auch ein Subject welches fähig wäre, dem Ganzen vorzustehen und den Plan ... zu verfolgen."

Das Subjekt war bald gefunden. Goethe selbst kümmerte sich im Regierungsauftrag: eine neue Ankaufspolitik, eine neue Benutzerordnung, Umbauten. Und so wurde die Bibliothek mehr und mehr ein Spiegel des schönen deutschen Geistes, mit dem ganz in Weiß und Gold gehaltenen Rokokosaal und seinen Galerien, den Porträtbüsten und dem Deckenbild "Genius des Ruhms", auf dem ein geflügelter Jüngling in den blauen Himmel aufsteigt.

"Moment der Ohnmacht"

Michael Knoche: "Ich hab ja schon einige Jahre nicht mehr ruhig geschlafen bei dem Gedanken, wie marode eigentlich der Zustand der Bibliothek war ..."

Eine heimtückisch hinter Wandverkleidungen vor sich hin schmorende Kabelverbindung sorgte dafür, dass sich die schlimmen Vorahnungen bestätigten.

"Der Moment, wo wir vor dem Haus standen, es war ungefähr 21.50 Uhr, und nichts mehr machen konnten, weil das Haus lichterloh brannte und man sehen konnte, wie hinter den Scheiben Regale zur Seite sanken und Opfer der Flammen wurden, das war eigentlich der Moment der Ohnmacht und auch der emotional bewegendste Moment ..."

Bis dahin hatten Mitarbeiter der Bibliothek, Feuerwehrleute und herbeigeeilte Weimarer Bürger bergeweise Bücher, Bilder und Büsten auf die Straße geschleppt. Nun aber sperrte die Feuerwehr den Zugang zum Haus.

"Erst in dieser Sekunde ist mir eingefallen, dass da noch unsere sehr wertvolle Bibelsammlung steht mit einer Lutherbibel aus dem Jahre 1534, der ersten Gesamtausgabe. Und wir sind dann über die Schläuche, die im ganzen Haus lagen, in den Rokokosaal hineingestolpert und von oben floss natürlich Unmengen Löschwasser auf uns nieder, und zwar heißes Löschwasser, und dann haben wir uns an das Regal vorgetastet und die Bücher gegriffen und sind schleunigst wieder aus dem Saal hinaus."

Längst nicht aller Schaden ausgeglichen

Rund 50.000 Bücher verbrannten, etwa 60.000 konnten, wenn auch beschädigt, gerettet werden. Nur die Decke, nicht die Mauern aus dem Jahre 1595 stürzten ein, und auch die Menschenkette, die sich in der Brandnacht gebildet hatte, war haltbar. Nie ist die Wirksamkeit des Geistes greifbarer als im Augenblick seiner Verwundung. Am Tag nach dem Brand lag eine Trauer über der Stadt, als wäre Goethe ein zweites Mal gestorben.

"Am anderen Morgen, als dann die Sonne wieder aufging, sah man auch in den blauen Himmel vom Saal aus. Das war ein schöner und schrecklicher Anblick zugleich."

Die Nachricht von der Katastrophe löste eine ungeahnte Hilfsbereitschaft aus. Von überall wurde Geld gespendet, Bücher wurden gestiftet, neue Verfahren zur Restaurierung entwickelt, sogar ein Patent konnte angemeldet werden. Im Jahre 2007 eröffnete der Bundespräsident das wunderschön restaurierte Bibliotheksgebäude. Bis heute ist aber längst nicht aller Schaden ausgeglichen.

"Die Lehren aus dem Brand von Weimar sehe ich darin, dass man viel zu lange die schriftliche Überlieferung vernachlässigt hat und es ist ein Menetekel, das uns zeigt: Kümmert Euch um das kulturelle Erbe in Deutschland."

 

Mehr zum Thema:

Weimar - Erfolge und schmerzliche Verluste (Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 15.08.2014)

Haus der Aschebücher - Zehn Jahre nach dem Brand der Anna-Amalia-Bibliothek (Deutschlandfunk, Das Wochenendjournal, 30.08.2014)

Direktor der Anna Amalia Bibliothek - "Die Forschung braucht die Originale" (Deutschlandfunk, Kultur heute, 30.08.2014)

Kalenderblatt

Vor 50 JahrenDer Architekt Walter Gropius gestorben
Fotografie von Walter Gropius, der leicht zur Seite schaut. (picture alliance / akg-images / Louis Held)

Walter Gropius war nach seiner Emigration aus Nazi-Deutschland mit einem Architekturbüro in den USA sehr erfolgreich. Noch mehr basiert sein Ruhm aber darauf, dass er die einflussreiche Kunstschule Bauhaus gründete. Heute vor 50 Jahren starb er.Mehr

Vor 20 JahrenSchatzgräber finden die Himmelsscheibe von Nebra
20.09.2018, Berlin: Eine Besucherin betrachtet in der Ausstellung "Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland" die Himmelsscheibe von Nebra, die geschützt in einer Glasvitrine steht. Im Hintergrund Goldhüte aus der Bronzezeit. Gezeigt werden die spektakulärsten Funde der vergangenen 20 Jahre aus ganz Deutschland. Mehr als 1000 Ausstellungsstücke aus allen Bundesländern von der Himmelsscheibe von Nebra bis zur antiken Hafenmauer des römischen Köln werden präsentiert. Foto: Wolfgang Kumm/dpa | Verwendung weltweit (Picture Alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Ein sensationeller Fund, eine Übergabe wie im Krimi: Vor 20 Jahren fanden Hobbygräber die Himmelsscheibe von Nebra und verkauften sie an Hehler. Als diese das wertvolle Stück verschiedenen Museen anboten, schlug die Polizei zu – bei einer arrangierten Übergabe im Hotel.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur