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Im Gespräch | Beitrag vom 20.11.2020

Herzchirurgin Dilek Gürsoy"Es gibt nichts Schöneres, als ein schlagendes Herz zu sehen"

Moderation: Marco Schreyl

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Porträt der Herzchirurgin Dilek Gürsoy im OP Saal. (Eden Books/Sebastian Knoth)
Herzchirurgin Dilek Gürsoy setzt sich ein für die Gründung eines spezialisierten Kunstherzzentrums in Deutschland. (Eden Books/Sebastian Knoth)

Als Herzchirurgin kämpft Dr. Dilek Gürsoy oft um das Leben ihrer Patienten. Und als Frau ringt sie um Anerkennung in einem typischen Männerberuf. Vom Gastarbeiterkind zur Topmedizinerin – für Dilek Gürsoy war das nicht immer eine Bilderbuch-Karriere.

Vor acht Jahren war die Chirurgin Dilek Gürsoy die erste Frau Europas, die ein Kunstherz einsetzte. 2019 prämierte eine Ärzteorganisation sie als Medizinerin des Jahres. "Leidenschaft und Empathie für die Patienten", das ist das Motto von Dilek Gürsoy. Darum geht es in ihrem Buch – und um ihren schweren Stand als Frau in einer Männerdomäne.

"Auf jeden Fall brauchen wir die Frauenquote"

Nur fünf Prozent der Führungspositionen in der Chirurgie sind in Deutschland von Frauen besetzt. Und in der Herzchirurgie gibt es keine einzige Chefärztin. "Die Hierarchien sind männlich strukturiert", erklärt die Ärztin und folgert: "Auf jeden Fall brauchen wir die Frauenquote", nicht nur in DAX-Unternehmen, sondern auch in der Medizin.

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In ihrer eigenen Karriere sei ihr Geschlecht definitiv ein größeres Hemmnis gewesen als ihr Migrationshintergrund, sagt Dilek Gürsoy, die in Neuss als Kind türkischer Gastarbeiter geboren wurde. Der Vater starb, als sie zehn Jahre alt war, die Mutter arbeitete Vollzeit in einer Fabrik und zog Dilek und ihre beiden Brüder alleinerziehend groß.

Häufige Krankenhausaufenthalte ihrer Mutter weckten in Dilek Gürsoy den Wunsch, Menschen zu heilen, Ärztin zu werden. Und trotz der schwierigen häuslichen Lage hatte sie das nötige Selbstbewusstsein, als erste in ihrer Familie Abitur zu machen und zu studieren. "Ein freches Mädchen mit sonnigem Gemüt" sei sie gewesen.

Am offenen Herzen

Wenn Dilek Gürsoy heute am Operationstisch steht und in einem geöffneten Brustkorb ein schlagendes Herz sieht, empfindet sie Demut und große Verantwortung. "Es gibt nichts Schöneres, als ein schlagendes Herz zu sehen", sagt sie. Doch wenn das Herz zu sehr geschädigt ist, muss sie es entfernen und durch ein künstliches ersetzen, falls kein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung steht.

"Meine Vision ist es, eine Alternative zur Herztransplantation zu schaffen", sagt die Ärztin. Bessere Kunstherzen, die länger halten und für den Patienten weniger belastend sind - das ist ihr Ziel. Darum forscht sie an einer neuen Generation künstlicher Herzen, die das natürliche Organ dauerhaft ersetzen können, statt nur die Wartezeit auf ein gespendetes Herz zu überbrücken.

Neben den bestehenden Herzzentren brauche Deutschland ein spezialisiertes Kunstherzzentrum, fordert Dilek Gürsoy. Und weil sie das in den bestehenden Strukturen nicht habe durchsetzen können, will die selbstbewusste Medizinerin nun ihre eigene Privatklinik gründen – mit hohem Frauenanteil beim medizinischen Personal versteht sich.

(pag)

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