Herzchirurg Bruno Reichart

    "Das Herz ist eine fantastische Pumpe"

    32:23 Minuten
    Bruno Reichart sitzt auf einer Couch
    Herzchirurg Bruno Reichart setzte sich in Südafrika gegen die Apartheid ein. © IMAGO / Astrid Schmidhuber
    Moderation: Britta Bürger  · 04.08.2021
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    Bruno Reichart ist ein Pionier und ein Star unter den Herzchirurgen. Dass Kranke so lange auf Spenderorgane warten müssen, lässt ihm auch mit 78 Jahren keine Ruhe. Eine Möglichkeit: Xenotransplantation. Dafür experimentiert er mit Schweineherzen.
    Für viele Menschen ist das Herz Sitz der Seele, nicht so für den Herzchirurgen Bruno Reichart. "Das Herz ist eine Pumpe. Und es ist das einfachste Organ, was wir im Körper haben. Es ist eine phantastische Pumpe: Es funktioniert 80 Jahre, 90 Jahre 100 Jahre, wenn man es gut pflegt. Der Sitz der Seele oder der Menschheit, des Menschseins, ist für mich ganz klar im Hirn. Und wenn man hirntot ist, kann man seine Organe auch spenden, weil man dann das Menschsein verliert."

    "Das Wichtigste beim Chirurgen ist sein Hirn"

    Bruno Reichart gehört zu den Pionieren der Herztransplantation in Deutschland. Der heute 78-Jährige hat in den letzten 40 Jahren Hunderte von Herzen verpflanzt, mehr als 10.000 operiert. Dabei habe er nie an die Risiken gedacht, eher an den Erfolg: das Leben. "Man muss sich das vorher gut überlegen, man braucht eine Strategie. Und das Wichtigste beim Chirurgen ist sein Hirn, seine Gedanken, seine Entscheidungen. Das Operative ist meistens nicht so schwer."
    Dass Bruno Reichart Herzchirurg wurde, ist einer Reihe von Zufällen geschuldet. Er wird 1943 in Wien geboren, mitten im Krieg; die Familie kämpft ums Überleben. Die ersten Erinnerungen: die zerstörte Stadt, brennende Häuser. Er ist kein "brillanter Schüler": "Dann wurde man entweder Lehrer, wenn man nicht irgendetwas Geniales an sich hatte, oder wurde tatsächlich Arzt, wenn man Menschen mochte, mit Menschen umgehen konnte. Und so bin ich dann Mediziner geworden – und das hat mir gefallen." Eigentlich will er Internist werden, doch der Zufall will es, dass er in seiner Assistenzzeit in der Herzchirurgie einspringen muss – und er bleibt.

    Von München nach Kapstadt

    1981 wirkt Bruno Reichart an seiner ersten Herztransplantation mit, mit vollem Einsatz: Ich habe die ersten alle persönlich abgeholt und habe sie alle persönlich eingenäht." 1984 gelingt ihm die erste Herz-Lungen-Transplantation, Ende der 90er-Jahre verpflanzt er Herz, Lunge und Leber an ein und denselben Patienten. "Das Risiko steigt nicht. Im Idealfall ist es so: Wenn man ein Herz mit einer Leber verpflanzt, dann haben sie sogar weitaus höhere Chancen."
    Sein größter Karriereschritt: 1984 wird Bruno Reichart Nachfolger des legendären Chirurgen Christiaan Barnard, der 1967 die erste Herztransplantation der Welt in einer Klinik in Südafrika durchgeführt hatte. Barnard sucht einen Nachfolger, besucht den jungen Mediziner in der Münchner Klinik, ist beeindruckt – und Reichart bekommt die Stelle als Herzchirurg am südafrikanischen Groote-Schuur-Krankenhaus in Kapstadt.

    Erfahrungen mit der Apartheid

    Die Medizin ist das eine, die Apartheid das andere. Er sei naiv, ja dumm gewesen, gibt er rückblickend zu, habe sich vorab nicht mit den Folgen der Rassentrennung beschäftigt, so Bruno Reichart. "Schwarzhäutige Schwestern durften Weiße nicht anfassen, was ein großes Problem war, weil wir so wenig Weiße gehabt haben. Das habe ich innerhalb von 14 Tagen geändert." Die Apartheid zeigt sich auch auf den Stationen, weiße und schwarze Patientinnen und Patienten sind streng getrennt. Auch diese Trennung hebt Reichart auf. Heute sagt er: "Die ganze Apartheid ist eine Farce, und es ist schlimm. Und aber es ist ja vorbei."

    Sein neues Feld: Xenotransplantation

    Auch mit Ende 70 forscht Bruno Reichart weiter. Sein neues Feld: die Xenotransplantation, also Versuche, den Mangel an menschlichen Spenderorganen mithilfe von tierischen Organen zu beheben. Dabei werden Affen genetisch veränderte Schweineherzen eingesetzt. Noch ein reiner Tierversuch. Der Mediziner sieht darin aber auch eine Chance für die vielen Menschen, die auf ein Organ warten. "Ich glaube, dass eine Mehrheit dafür wäre. In der heutigen Zeit muss einfach der Nutzen mehrfach die Risiken überwinden. Dann kann man es vom Ethischen her machen. Und das ist in der Tat der Fall."
    (sus)
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