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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 23.07.2017

Hertha BSC und Eisern UnionZur Perspektive des Berliner Profifußballs

Von Günter Herkel

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Hertha BSC spielt am 11.02.2013 im Berliner Olympiastadion gegen den 1. FC Union Berlin (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)
Hertha BSC spielt am 11.02.2013 im Berliner Olympiastadion gegen den 1. FC Union Berlin (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)

In fast allen führenden europäischen Fußballligen nehmen Hauptstadtklubs Spitzenpositionen ein: Real und Atletico Madrid in der Primera Division, AS und Lazio Rom in der Serie A. Nur in Deutschland klappt das nicht. Woran liegt das?

Madrid hat Atletico und Real. Rom hat AS und Lazio. London hat Arsenal, Chelsea und Tottenham. Berlin hat – Hertha BSC und den 1.FC Union.

Es ist Samstag, 15:30 Uhr…

In der abgelaufenen Saison hatten die Fans von Berlin größtem Sportverein viel Grund zum Jubel. Erstmals seit acht Jahren konnten sich die Hertha-Profis mal wieder für einen europäischen Wettbewerb, die Euro League, qualifizieren. Pünktlich zur Feier des 125-jährigen Vereinsjubiläums dürfen Spieler und Fans mal wieder internationale Fußball-Luft schnuppern. Starken Anteil an diesem Erfolg hat sicher der bodenständige Trainer Pal Dardai.

"Pal Dardai hat’s natürlich geschafft, Hertha zu 'ner Mannschaft zu machen, die jetzt nicht unbedingt künstlerisch 'nen wertvollen Fußball spielt, sondern sehr handwerklich, sehr erdig, sehr handfest mit ein paar schönen Einsprengseln – Salomon Kalou ist da, Mitchell Weiser, sind sicherlich zwei Spieler, die auch was anderes da einbringen. Also das ist sone Mannschaft, gegen die es nicht unbedingt einfach ist zu gewinnen, vor allen Dingen in Berlin nicht."

Christoph Biermann, Mitglied der Chefredaktion des Magazins "11freunde". Eine Zeitlang sah es so aus, als könne die Hertha sogar in der Champions League antreten. Aber ähnlich wie in der Vorsaison folgte nach einer formidablen Hinrunde eine vergleichsweise schwache Rückrunde. Hertha-Finanzvorstand Ingo Schiller gibt sich gleichwohl zufrieden.

"Wir müssen kucken, dass wir Jahr für Jahr ein Optimum aus unseren Möglichkeiten machen. Das ist uns in den letzten zwei Jahren, wie ich finde, sehr gut gelungen, und auf dem Weg gehen wir weiter, und wir werden auch uns versuchen, natürlich zusätzliche wirtschaftliche Spielräume zu verschaffen."

Michael Jahn, jahrelang Sportjournalist bei der "Berliner Zeitung" und Hertha-Historiker, widerspricht. Zumindest zu Beginn der vergangenen Saison, so erinnert er, seien die Charlottenburger ihren eigenen Ansprüchen in einer wichtigen Situation nicht gerecht geworden.

"Nein, also das Optimale wurde auf keinen Fall erreicht. Man ist in der Qualifikation an Bröndby-Kopenhagen – die sind Meisterschaftszweiter in Dänemark – gescheitert. Hinspiel 1:0 im Jahn-Sportpark gewonnen mit einem schönen Ibisevic-Tor, wenn ich mich recht erinnere. Und dann ein blamabler Auftritt in Kopenhagen 3:1 verloren."

Neue Saison, neues Glück?

"Man hat nicht nur Reputation verspielt, sondern auch die Chance auf Geld: Antrittsgeld Gruppenphase 2,5 Millionen Euro. Dieses Geld kann Hertha natürlich gut gebrauchen. Also von "optimal" kann man da wirklich nicht reden."

Sei's drum. Neue Saison, neues Glück. Frage an Lutz und Gerd, zwei Hertha-Fans, am Rande der Mitgliederversammlung Ende Mai: Was kann Hertha in der Euro League reißen?

"Ohne Personalaufstockung nicht viel. Da seh ich dann schwarz. - Gleicher Meinung. Wenn man sich nicht verstärkt, wird man da nur Mitläufer sein und kann Erfahrungen sammeln, mehr nicht. - Vielleicht brauchen wir wirklich mal nen Sponsor, der mal wirklich noch einen Euro mehr drauflegt. -Das ist genau das Problem in Berlin. Wir haben einfach zu viel international erstklassige Sportvereine, vom Handball, Wasserball, Volleyball, Eishockey, die oben mit dabei sind und die Sponsoren sich auf diese ganzen Vereine aufteilen. Und wenn Fußball die einzigste aktuelle Sportart in Berlin wär, dann hätten wir nen Sponsor und würden anders da stehen."

Die deutsche Hauptstadt und ihr traditionsreicher Vorzeigeklub – in den letzten Jahrzehnten war das keine ungebrochene Erfolgsstory. Eher ein Wechselbad der Gefühle. Noch 1999 spielte man in der Champions League, schlug den FC Chelsea und AC Mailand. 2010 und 2012 dagegen stieg der Klub zweimal in die Zweite Liga ab. Besonders dramatisch gestaltete sich das Relegationsrückspiel gegen Fortuna Düsseldorf am 10. Mai 2012. Als in der vorletzten Minute der Nachspielzeit die Partie vom Schiedsrichter unterbrochen wurde, weil Düsseldorfer Fans den Rasen gestürmt hatten, kam es zu turbulenten Szenen.

Spieler von Hertha BSC feiern ein Tor gegen den FC Augsburg. (imago sportfotodienst)Spieler von Hertha BSC feiern ein Tor gegen den FC Augsburg. (imago sportfotodienst)

3,5 Millionen Menschen leben in Berlin, 35.000 Mitglieder zählt die Hertha – das entspricht ziemlich genau einem Prozent. Vergleiche mit den sechsstelligen Mitgliederzahlen von – sagen wir - Schalke oder Dortmund wären sicher unfair. Berlin hat eben mehr als nur eine sportliche Adresse zu bieten. Aber nur selten passiert es, dass das Olympiastadion bei den Heimspielen ausverkauft ist.

"Hertha ist sicherlich über die Jahre nicht so wahnsinnig geschickt gewesen, sich in dieser wirklich aufregenden, interessanten Stadt als aufregend interessanter Fußballverein zu positionieren."

Meint "11freunde-Chefredakteur" Biermann. Die Marketingabteilung versucht es mit markigen Sprüchen: "We try, we fail, we win". Aber die Versuche, der Hertha als "Berlins ältestem Startup" ein modernistisches Image zu verpassen, wirken irgendwie verkrampft. Und werden selbst von den eigenen Fans nicht goutiert. In einem Offenen Brief kritisierten diverse Fangruppierungen:

"Die Ostkurve Hertha BSC ist das Herz des Vereins und wir tragen unser Herz nun mal auf der Zunge. So wie wir Berliner sind. Und von daher schreien wir auch weiter "Ha Ho He" und nicht We try. We fail. We win. Wir sind immer noch die Alte Dame Hertha BSC und kein Startup!"

Besondere Nachkriegsgeschichte Berlins

In den meisten europäischen Profiligen gehören Klubs aus der Hauptstadt selbstverständlich fast immer zum Favoritenkreis. Ob in der Primera Division, der Premier League oder der Serie A - überall stellen die Klubs aus der Kapitale einige der auch international dominierenden Klubs. Warum ist das ausgerechnet hierzulande anders? Hertha-Chronist Michael Jahn:

"Aus meiner Sicht ist daran schuld die turbulente Geschichte Berlins, vor allen Dingen die Teilung 1961. Hertha war ja mal in den 20er-Jahren dominant in Deutschland, sechs Mal im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, zwei Mal Meister, 30/31, was natürlich sehr lange zurück liegt."

Die besondere Nachkriegsgeschichte Berlins bemüht auch Hertha-Finanzchef Ingo Schiller:

"Und die Geschichte ist halt so, dass wir natürlich Metropole sind von den Menschen, aber nicht von der Wirtschaftskraft. Wir haben die Teilung gehabt, wir haben die Nachkriegszeit gehabt und dementsprechend auch: Kein Dax-Unternehmen zum Beispiel hat seinen Sitz in Berlin. Es ist so, dass in vielen anderen Regionen Unternehmen existieren, die halt die lokalen oder regionalen Vereine ganz anders unterstützen können."

Das gilt nicht nur für den Branchenkrösus Bayern München. Aber eine Meldung von Anfang Juli diesen Jahres illustriert exakt, worauf Schiller hinaus will: Demnach hat der FC Bayern per Dreijahresvertrag "mit Siemens ein weiteres bayerisches Unternehmen als Großsponsor akquiriert". Siemens – ein bayerisches Unternehmen? Ein Blick in die Firmenchronik belegt: Die Zentrale des Elektromultis lag ursprünglich an der Spree. Wegen der unsicheren Zukunft des Standortes Berlin, verstärkt durch die Mitte 1948 begonnene Berlin-Blockade, wurde 1949 der Verwaltungshauptsitz der Siemens-Schuckertwerke nach Erlangen und die Konzernzentrale der Siemens & Halske AG nach München verlegt. Die Insellage Berlins hatte auch Auswirkungen auf den Sport. Michael Jahn:

"Mit der Gründung der Bundesliga 63, die Mauer stand seit zwei Jahren, war Hertha als Vertreter Berlins in der Bundesliga doch sehr isoliert. Man konnte keine attraktiven Spieler aus Westdeutschland holen, vor allen Dingen aus dem Ruhrgebiet, weil die fühlten sich in Berlin nicht wohl. Sie fühlten sich eingemauert usw. Und dann griff man zu den bekannten Mitteln, man zahlte überhöhte Gehälter und überhöhte Handgelder, was alle Vereine wohl gemacht haben, aber Hertha wurde erwischt, angeschwärzt und ausgeschlossen, schon 1964."

Eine weitere Zäsur war der Bundesliga-Skandal von 1971, in den neben Arminia Bielefeld und dem FC Schalke 04 auch Hertha maßgeblich verstrickt war. Im Gefolge dieses Skandals liefen dem Klub die Zuschauer davon, er musste sogar sein damaliges Stadion, die Plumpe im Wedding, verkaufen. Neben diesen hausgemachten Ursachen war aber vor allem die unnatürliche geografische und politische Isolation Berlins für manche Fehlentwicklung verantwortlich. Christoph Biermann:

"Berlin hat viele Jahre lang auf einer Insel gelebt, der ganze Berliner Fußball ist komplett artifiziell gewesen. Die Anbindung an die Bundesliga, die Berliner Regionalliga, dass immer quasi fast per Pflicht lange Zeit 'n Berliner Verein in der Bundesliga sein musste, hat hier zu seltsamen Blüten geführt wie zum Beispiel zu diesem katastrophalen Aufstieg von Tasmania."

Biermann bezieht sich auf die Saison 1965/66. Nach dem Lizenzentzug für Hertha avancierte Tasmania 1900 Berlin zum bis heute erfolglosesten Team in der der Bundesliga: In den 34 Saisonspielen gelangen lediglich zwei Siege. Mit 15:108 Toren und 8:60 Punkten belegte Tasmania abgeschlagen den letzten Platz. Nicht viel rumreicher fielen später die Gastspiele von Tennis Borussia und Blau Weiß 90 in der bundesdeutschen Eliteklasse aus.

1989 fiel die Mauer. Das eröffnete auch für den Profifußball in der Stadt neue Möglichkeiten. Mehr Wettbewerb, mehr Chancen auf dem Transfermarkt.

"… es war ne große Euphorie in der Stadt, und dann hat die Hertha-Führung damals – ich sag mal – aus meiner Sicht einen historischen Fehler begangen. Hat die guten Fußballer aus Ostberlin, vor allem vom BFC Dynamo völlig ignoriert. Ein Frank Rhode, ein Thomas Doll, ein Andreas Thom saßen im Olympiastadion auf der Tribüne und hofften, dass Hertha sie anspricht. Aber die damalige Führung, die haben gesagt: keine Ost-Fußballer."

Michael Jahn, Mitautor des Jubiläumsbuchs "125 Jahre Hertha BSC". Andere hatten weniger Hemmungen oder Anti-Ost-Ressentiments, sondern witterten sofort ein gutes Geschäft.

"Und dann kam Reiner Calmund von Bayer Leverkusen und hat sie alle weggekauft. Den ersten, Andreas Thom noch im Dezember '89, später Ulf Kirsten aus Dresden usw. Und da hat Hertha ne große historische Chance vertan, sich zu verstärken und vielleicht gleich auch was für die Integration Ost-West zu tun."

Union pflegt das Image des Underdogs

Szenenwechsel. Die Alte Försterei in Berlin-Köpenick, das Hauptquartier des 1. FC Union. Im Frühjahr eroberte der Klub kurzzeitig die Tabellenspitze der Zweiten Bundesliga. In der entscheidenden Schlussphase des Aufstiegskampfes schwächelten die "Eisernen" jedoch. Am Ende belegte die Mannschaft von Ex-Schalke Trainer Jens Keller den undankbaren vierten Platz. Als Union plötzlich Tabellenführer war, sangen die Fans: "Scheiße, wir steigen auf!" Frage an Kommunikationschef Christian Arbeit: Haben die Eisernen Angst vor dem Aufstieg? Arbeit wehrt ab:

"Das war ein sehr lustiges, ironisches, augenzwinkerndes Liedchen, was uns auch 'ne Weile begleitet hat. Aber das hieß ja nicht, dass die Leute nicht aufsteigen wollen. Unser gesamtes Handeln ist darauf ausgerichtet, irgendwann mal in der Ersten Bundesliga zu spielen. Das werden wir weiter versuchen, aber es hat keine zeitliche Grenze. Wir werden es in der kommenden Saison versuchen. Wenn wir es aber nicht schaffen, werden wir es in der Saison danach auch versuchen."

Die Spieler von Union Berlin feiern ihren Sieg gegen Sandhausen (dpa /Maurizio Gambarini)Die Spieler von Union Berlin feiern ihren Sieg gegen Sandhausen (dpa /Maurizio Gambarini)

Der 1. FC Union behauptete sich nach der Wende erfolgreich im Profifußball. Das gelang nicht allen Ostklubs. Einige Vereine, die einst in der DDR-Oberliga vorn mitspielten, gingen in Konkurs. Andere wie der FC Hansa Rostock, der FC Carl Zeiss Jena oder der 1. FC Magdeburg spielen mittlerweile in der Dritten Liga. Eine Etage tiefer, in der Regionalliga Nordost kicken Energie Cottbus, Lok Leipzig und der einstige Rekordmeister BFC Dynamo. Speziell mit dem BFC verbindet die Union-Fans eine tiefe Feindschaft.

"Zu DDR-Zeiten konnte man einfach nicht zum BFC Dynamo gehen. Das war zwar der Serienmeister, aber quasi die Stasi als Veranstalter dieses Fußballvereins war nicht gerade besonders attraktiv. Und deshalb haben wir natürlich alle zu Union gehalten, nicht alle, es gab auch BFC-Fans, aber die waren sehr unsympathisch – bis heute. Und deshalb Union als sozusagen sone kleine Form von Distanz und Differenz."

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung und bekennender Union-Fan. Die Köpenicker, daraus macht Sprecher Christian Arbeit keinen Hehl, wollen sich vom üblichen kommerziellen Bundesligabetrieb unterscheiden.

"Unser Weg stellt zunächst mal den Zuschauer hier im Stadion in den Mittelpunkt. Menschen kommen nicht hierher, um in der Halbzeitpause 'nen Preis zu gewinnen, 'n Rätsel zu lösen oder auf dem Rasen ein Spiel zu spielen. Sie kommen auch nicht her, um vor dem Spiel Musik zu hören oder Cheerleader anzuschauen, sondern sie kommen hierher, weil sie sich für Fußball begeistern, weil Union ihre Mannschaft ist und genau das, dieses Erlebnis rücken wir in den Mittelpunkt, wenn wir dieses Stadion öffnen und hier Fußball spielen."

Union pflegt die Aura des Underdogs. Und die des Klubs mit den treuesten und aufopferungsbereitesten Fans. Wenn Not am Mann ist, reparieren diese Fans auch schon mal ihr Stadion. Als 2004 wegen einer fehlenden Bürgschaft der Absturz in die Oberliga drohte, hoben die Fans eine Blutspende-Kampagne aus der Taufe: "Bluten für Union". Edelfan Krüger:

"Bundesligafußball als Profifußball ist Kommerz, und viele Fans vom 1. FC Union lieben ihren Klub, gerade weil er jetzt nicht so aufdringlich kommerziell ist, sondern Fußball wie früher zelebriert, sehr stark an den Fankulturen entlang sich organisiert. Und das merkt man einfach bis heute."

Wer jemals ein Bundesliga-Spiel der Hertha im Olympiastadion besuchte, wird sofort den Unterschied registrieren. In der "Alten Försterei" pflegt man das Konzept "Fußball pur". Union-Sprecher Arbeit:

"Es gibt wenig Theater drumherum. Wir lassen die Leute auch allein jubeln, wenn ein Tor fällt. Wir spielen ihnen keine Musik vor oder ähnliche Dinge. Das ist so der Respekt davor, was den Kern des Fußballs ausmacht. Ne Verletzungspause wird bei uns nicht von – keine Ahnung – ner Apotheke präsentiert oder ner Krankenkasse, und ne Ecke nicht von nem Autohaus. Das wollen wir auch nicht ändern."

Auf der letzten Mitgliederversammlung von Hertha BSC zeigte sich Finanzvorstand Ingo Schiller bester Laune. Kein Wunder, konnte er doch den erfolgshungrigen Herthanern für die kommende Saison einen Rekordetat präsentieren. Mit knapp 123 Millionen Euro fällt dieser immerhin um 20 Millionen höher aus als der der vorigen Spielzeit. Das hat vor allem mit dem neuen Fernsehvertrag der Bundesliga zu tun. Der beschert den Klubs der Ersten und Zweiten Bundesliga ab sofort eine satte halbe Milliarde Euro mehr pro Spielzeit.

"Der nationale Topf, der wird größer, aber ich sag immer: Wenn das Wasser steigt, steigen alle Schiffe, aber wir müssen halt gucken, dass wir etwas schneller steigen als die anderen Boote."

Wird Hertha von Heuschrecken befallen?

Aufgrund des guten sportlichen Abschneidens in der vergangenen Saison macht die Hertha einen Sprung im Ranking der Fünf-Jahres-Wertung von Rang 11 auf Platz 8. Damit erhöht sich auch ihr Anteil an den Fernsehgeldern. Zusätzlich spült die Teilnahme an der Gruppenphase der Euro-League – unabhängig vom Weiterkommen – schon mal einige Millionen in die Hertha-Kasse. Doch auch wenn der Etat für den Profikader jetzt auf fast 50 Millionen steigt: Im Vergleich zu anderen Vereinen sieht Schiller seinen Klub eher im Mittelfeld der Liga. Er verweist auf gewisse Wettbewerbsvorteile einiger Rivalen.

"Es gibt ja auch zwei Vereine, die nur abhängig sind von Eigentümern, die beides Dax-Unternehmen sind – Bayer und VW. Dazu kommt dann in Hoffenheim noch das private Engagement von Herrn Hopp. Mit Rasenball Leipzig jetzt ein weiterer Verein."

Da hat ein eher mittelständischer Klub wie Hertha BSC Mühe, etwa bei Spielerkäufen auf gleichem Niveau mitzuhalten. Auch Christoph Biermann von "11 freunde" sieht unter den gegebenen Rahmenbedingungen die Möglichkeiten des sportlichen Aufstiegs als limitiert an.

"Es ist ja jetzt auch nicht so, dass Berlin nur noch arm ist, und Hertha ist auch kein Hungerleider, aber dass man jetzt hier auf ein riesiges wirtschaftliches Reservoir zurückgreifen könnte, dass sonen Klub zu europäischer Spitze pampert, das ist nicht abzusehen."

Fans von Hertha BSC während eines Spiels im Olympiastadion (dpa picture alliance/ Annegret Hilse)Fans von Hertha BSC während eines Spiels im Olympiastadion (dpa picture alliance/ Annegret Hilse)

Wo die natürliche wirtschaftliche Basis fehlt, sind kreative Lösungen gefragt. Anfang 2014 überraschte der Hertha-Vorstand die Branche mit einem spektakulären Coup. Er gab den Verkauf von knapp zehn Prozent der Klub-Anteile an den weltweit agierenden Finanzinvestor KKR bekannt. Eine strategische Partnerschaft, angelegt auf mindestens sieben Jahre, mit einem Gesamtinvestment von rund 60 Millionen Euro.

Finanzvorstand Schiller: "Uns war völlig klar, dass es ein paar Fragen gibt, als wir damals als erster Fußballverein den Einstieg eines Private-Equity-Unternehmens bekannt gegeben haben. Und ich glaube, heute – dreieinhalb Jahre danach – kann man wirklich sagen: eine idealtypische Partnerschaft."

Kritiker hatten zunächst geargwöhnt, der Klub begebe sich mit diesem Deal in die Fänge von Heuschrecken. Finanzinvestoren haftet der Ruf an, Unternehmen aufzukaufen, auszuweiden und bald wieder möglichst gewinnbringend abzustoßen. Nichts davon passierte bei der Hertha. Im Gegenteil. Der Deal verschaffte dem Klub den wirtschaftlichen Spielraum, alte Kredite auszulösen sowie wichtige Marketing- und Catering-Rechte zurück zu kaufen. Umgekehrt beginnt sich der Glaube des Investors KKR an das internationale Potential des Hauptstadtklubs schon nach wenigen Jahren auszuzahlen. Die bisherigen Erfahrungen mit dem neuen Partner machen Schiller Appetit auf mehr.

"Wir sind offen für einen zweiten Investor. Aber er muss auch wie damals zu uns passen, das Paket muss zu uns passen, und dann sind wir bereit, einen solchen Abschluss auch zu tätigen."

Planung einer neuen Arena 

Unabhängig davon verfolgt der Klub noch ein weiteres ehrgeiziges Projekt. Nach jahrelangem Streit um das Olympiastadion tritt jetzt der Plan für eine neue Arena in die entscheidende Phase. Die erst vor wenigen Jahren umgebaute Spielstätte mit ihrer Leichtathletik-Bahn, so die Kritiker, genüge nicht mehr den Ansprüchen an einen modernen Fußballtempel. An eine Arena, in der die Fans nah dran sind am Geschehen, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Stimmung.

"Wir glauben, dass mit einem reinen Fußballstadion oder einem Stadion, was dem sehr nahe kommt, die Attraktivität für alle steigt: nämlich für die Fans, für die Sponsoren, weil natürlich ausverkaufte Häuser wieder neue Zielgruppen aktivieren und damit auch attraktiv sind für potentielle Partner. Aber auch für die Medien."

Da wollen auch die Lokalrivalen aus Köpenick nicht zurückstehen. Sie müssen jetzt sogar handeln, um die DFB-Auflagen für Erstliga-Teams zu erfüllen. Bis zum Jahr 2020 will der 1. FC Union sein zu klein gewordenes Stadion An der Alten Försterei ausbauen. Die Kapazität soll dabei von bisher 22.000 auf knapp 37.000 Plätze erhöht werden. Dabei bleiben die Eisernen ihrem Ruf als Traditionalisten treu. Der weitaus größte Teil der Erweiterung wird dem Ausbau der Stehplätze zugutekommen. Wenn dann noch der Aufstieg in die Erste Liga klappt, ginge nicht nur für Union-Sprecher Christian Arbeit ein Traum in Erfüllung.

Weihnachtssingen beim 1. FC Union Berlin in der Alten Försterei (picture alliance/dpa/Foto: Oliver Mehlis)Auch in der Alten Försterei - aber kein Fußballspiel: Weihnachtssingen beim 1. FC Union Berlin (picture alliance/dpa/Foto: Oliver Mehlis)

"Ich glaube, dass es für den Fußball in der Stadt generell, aber auch für beide Vereine eine wahnsinnig tolle und positive Situation wäre, zusammen in der Ersten Liga zu spielen. Und zwar nicht nur die beiden Spiele gegeneinander, sondern auch der permanente Vergleich: Wer steht wo in der Tabelle gerade? Das würde ja viel stärker in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses geraten. Und auch das Thema: Ich bekenn mich öffentlich. Bin ich ein Roter oder bin ich ein Blauer? All das wäre ein Ergebnis, wenn beide Mannschaften in der Ersten Liga spielen würden. Ich glaub, das wäre fantastisch."

Auch Hertha-Finanzchef Schiller kann der Aussicht auf zwei Lokalderbys pro Saison einiges abgewinnen. Er bedauert eher, dass dies nicht schon in der nächsten Spielzeit der Fall sein wird.

"Das ist für uns überhaupt kein Bedrohungsszenario, sondern im Gegenteil. Berlin hat definitiv Platz für zwei Erstligisten. Wir hätten uns auf diese beiden Spiele und zwei Wochen, wo die Stadt über nichts anderes spricht, sehr gefreut."

Ost gegen West, Klein gegen Groß

Der Underdog gegen den Etablierten, Ost gegen West, Klein gegen Groß, Fußballromantik kontra Kommerz – geht es um Union kontra Hertha, sitzen die Klischees in der Regel reichlich locker. Tatsächlich würden künftige Derbys den Hauptstadtfußball auch bundesweit mehr ins Rampenlicht rücken als bisher. So wie Anfang 2011, als die Eisernen bei der großen Hertha im mit 74.000 Zuschauern ausverkauften Olympiastadion antraten.

"Beim Aufstiegsfavoriten klappt heute gar nichts. Union siegt, und Hertha blamiert sich vor eigenem Publikum …"

Diese Partie fand allerdings noch in der Zweiten Liga statt. In der höchsten Spielklasse gab es das Stadtderby zuletzt in der Saison 86/87, als der Mariendorfer Verein Blau-Weiß 90 gegen den Platzhirsch Hertha antrat. Für "11freunde"-Co-Chefredakteur Christoph Biermann wäre mit einem Aufstieg des 1. FC Union das fußballerische Potential der Hauptstadt noch längst nicht ausgereizt.

"Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Diese Stadt könnte völlig problemlos noch 'nen dritten Profiklub vertragen, in der Dritten oder in der Zweiten Liga, wenn dann da noch irgendjemand hochkommen würde, der BFC Dynamo oder der Berliner AK. Oder vielleicht sogar mal wieder Tennis Borussia. Das würde schon funktionieren. Hier sind genug Leute, die Lust auf Fußball haben."

Nach internationalen Spitzenfußball klingt das alles zwar noch nicht. Aber zumindest hat es den Anschein, als wache der verschlafene Riese allmählich auf. Vielleicht gelingt es ja, in den nächsten Jahren an die Blütephase des Berliner Fußballs in den 20er- und 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts anzuknüpfen. Der 1. FC Union will jedenfalls seinen Teil dazu beitragen. Sprecher Christian Arbeit hat den Aufstieg fest im Visier.

"Es wär schlimm, wenn wir selber nicht davon überzeugt wären. Ich glaube fest daran."

Auch Hertha-Chronist Michael Jahn traut Hertha Großes zu. Unter einer Voraussetzung:

"Man braucht einen Investor, um noch bekanntere, spielstarke Profis hier nach Berlin zu locken. Dann könnte es gelingen, dass Hertha sich doch in den nächsten Jahren ganz oben etabliert und irgendwann, ich wage jetzt noch keinen Ausblick, mal wieder mit um die Meisterschaft spielt. Das wäre toll für Berlin."

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