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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.01.2020

"Hereroland" in HamburgGeschichte, mit Händen zu greifen

Von Michael Laages

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Szenenfoto: Ein bunt gekleideter Mann mit dunkler Hautfarbe steht auf einem Podest. Eine weiße Frau und ein weißer Mann haben ein Seil mehrfach um seinen Körper gespannt. Drum herum und im Hintergrund sind Menschen. (Armin Smailovic)
Den Auftakt der diesjährigen Lessingtage bildete das deutsch-namibische Projekt „Hereroland“ unter der Regie von David Ndjavera und Gernot Grünewald. (Armin Smailovic)

Mit dem deutsch-namibischen Projekt „Hereroland“ unter der Regie von David Ndjavera und Gernot Grünewald wurden die Lessingtage in Hamburg eröffnet. Unser Kritiker Michael Laages fand den Auftakt spannend und überzeugend.

Schon seit geraumer Zeit geben sich die Lessingtage, das aus eigenen Produktionen und nationalen wie internationalen Gastspielen gemischte Festival des Thalia Theaters in Hamburg, nicht mehr mit außergewöhnlichem Theater zufrieden – die Bühne gehört zur Eröffnung stets prominenten Rednerinnen und Rednern. Dieses Mal kam Vananda Shiva zu Wort, Trägerin des alternativen Nobelpreises, Physikerin und Initiatorin einer in Indien enorm einflussreichen Bewegung für die Bewahrung traditionellen Saatgutes und gegen die Patent-Strategien der global agierenden Unternehmen auf diesem für die Welt-Ernährung so immens wichtigen Feld.

Wertschätzung natürlicher Ressourcen

Shivas flammender Appell für die Wertschätzung natürlicher Ressourcen und gegen die neue Kolonialisierung durch die Industrie markierte die Richtung des Festivals, das zwar wie immer unter dem Lessing-Motto "Um alles in der Welt" steht, diesmal aber auch genauer und konkreter fragt: "Wem gehört die Welt? Who owns the world?"

Thorleifur Örn Arnarssons spektakuläre "Edda"-Phantasie, ursprünglich in Hannover entstanden und mittlerweile am Wiener Burgtheater neu erarbeitet, stand am Beginn des Gastspielprogramms; das Thalia Theater selbst hat "Hereroland" produziert, ein namibisch-deutsches Projekt in Kooperation mit NTM, dem National Theatre of Namibia. Von dort kam der Autor und Regisseur David Ndjavera, und er brachte die Hälfte des Ensembles mit. Gemeinsam mit Hamburger Thalia-Kräften wird "Hereroland" im Sommer auch in Namibia zu sehen sein.


Szenenfoto: Ein dunkelhäutiger Mann wird auf eine Leinwand projiziert. Dahinter sitzen eine weiße Frau und ein weißer Mann, die miteinander reden. (Armin Smailovic)"Hereroland" ist eine begehbare Installation: Man wandert von Spielstätte zu Spielstätte, bekommt mal Musik, mal Tanz und auch ein Tribunal geboten. (Armin Smailovic)

Mit dem deutschen Kollegen Gernot Grünewald, erfahren in Recherche-Projekten dieser Art, hat Ndjavera eine Raum-Installation voller Information und theatralischer Phantasie kreiert. Eine Fabel für die Bühne steht im Zentrum – das gemischte Ensemble will von der Geschichte des brutalen deutschen Kolonialismus im südwestlichen Afrika in einer Art Gerichtsverfahren erzählen.

Historisch kaum zu bewältigen

Hier die Nachfahren der ungezählten Opfer aus den Stämmen der Herero und Nama, die vor mehr als hundert Jahren von deutschen Militärs niedergemetzelt wurden, da die Erben der Täter. Und inmitten der beiden Gruppen agiert eine Art überzeitlicher Harlekin, ein Eulenspiegel, der sich als altersloser, unsterblicher Baumgeist ausweist.

Der historisch kaum zu bewältigende Konflikt, in dem die einen die kaum erfüllbare Forderung formulieren "Gebt uns unsere Toten zurück!" und sich die anderen (wir!) noch immer viel zu oft in fahrigen Entschuldigungsversuchen verzetteln, bekommt mit dieser Geisterbeschwörung einen sehr poetischen Kern.


Szenenfoto: Acht Menschen sitzen mit Kopfhörern an einem Tisch. Rechts und links von ihnen sind zwei Projektionen zu sehen: ein weißer Mann und ein dunkelhäutiger Mann. (Armin Smailovic)Es gibt 160 einzelne Wanderpläne, also für jeden Besucher einen eigenen. Dies hat zur Folge, dass keiner dasselbe sieht.Unser Kritiker hatte die Nummer 121. (Armin Smailovic)

Die Szenen dieses historischen Prozesses spielen in der Mitte der Thalia-Bühne; drumherum haben Grünewald und Ndjavera ein vielgestaltiges Raumprojekt realisiert. An fast zwanzig Orten wird das Publikum mit Information und Atmosphäre versorgt; immer nur für fünf Minuten, von einem historischen Herero-Horn jeweils zum Weiterwandern gerufen, driftet jeder und jede auf einem anderen Parcours durch diesen Raum der Welten: vom Kindergarten zum Friseur, vom Baum- und Ästehaus ins Wüstenzelt und weiter an den Stammtisch der Farmer, in die grauenhafte Finsternis der Waterberg-Schlacht vom 11. August 1904, den Auftakt für den Völkermord an den Herero.

Überall ist Geschichte mit Händen und Sinnen zu greifen, kurzzeitig auch unter der Virtual-Reality-Brille: Tod und Ausbeutung, Vergewaltigung und Folter. Auch die speziell hamburgischen Kaufleute geraten ins Visier, die, die ihren Schnitt machten bei der Kolonisierung in Namibia.

Zwei starke Stunden sind das. Und gerade weil speziell die westdeutsche Politik die unauflösbare Schuld der eigenen kolonialen Tätergeschichte erst so elend spät angenommen hat, wird diese namibisch-deutsche Begegnung mit den Mitteln des Theaters zum herausragenden Ereignis.

Hereroland
Eine deutsch-namibische Geschichte
Regie: David Ndjavera und Gernot Grünewald
Thalia Theater, Hamburg

Lessingtage 2020: Um alles in der Welt
Bis zum 9. Februar 2020
Thalia Theater, Hamburg

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