Seit 23:05 Uhr Fazit
Sonntag, 25.07.2021
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Interview | Beitrag vom 10.07.2021

Herdenimmunität Epidemiologe Markus Scholz bremst die Zuversicht

Markus Scholz im Gespräch mit Dieter Kassel

Illustration von einem runden, leeren Raum im Zentrum einer Menschenmenge. (imago / Ikon Images / Oivind Hovland)
Angesichts der zu niedrigen Impfquote wird eine Herdenimmunität in Deutschland vorerst wohl kaum erreicht, sagt der Epidemiologe Markus Scholz. (imago / Ikon Images / Oivind Hovland)

Wenig Hoffnung auf eine Herdenimmunität macht der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz. Er fordert angesichts der vierten Welle mehr Schutz für die Schulen. Eltern und Kontaktpersonen sollten geimpft sein, um Covid-19 nicht in die Klassen zu tragen.

Angesichts niedriger Inzidenzwerte und zunehmender Lockerung der Coronaregeln glauben viele Menschen die Pandemie sei bereits vorbei. Sie hoffen auf eine Rückkehr zur Normalität, weil immer mehr Menschen bereits beimpft sind. Dabei ist auch immer wieder von einer "Herdenimmunität" die Rede, die erreicht werden könne.

Die Impfquote ist zu niedrig 

 
Der Epidemiologe Markus Scholz ist da skeptisch. Der Professor für Medizinische Informatik an der Universität Leipzig sagt, eine vierte Welle sei nicht vermeidbar. Es sei unklar, ob es zu einer Herdenimmunität überhaupt kommen werde, bei der das Virus sich nicht mehr weiterverbreiten könne. "Das ist schon möglich, dass man so einen Zustand erreicht", so Scholz. "Die Frage ist, bloß, ob der dauerhaft erreichbar ist." Dagegen spreche, dass ständig neue Varianten entstünden.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Ob es gelinge, eine Herdenimmunität zu erzielen, hänge von mehreren Faktoren ab, sagt Scholz: Er nennt die Impfquote, das  Kontaktverhalten und die Jahreszeiten. Bei der Delta-Variante müsse die Impfquote über 80 Prozent liegen. Das sei aber bisher nicht in Sichtweite – auch weil Kinder und Jugendliche nicht geimpft würden. "Solange das der Fall ist, wird eine Herdenimmunität nicht erreichbar sein."
 
Durch die Impfungen von Erwachsenen gebe es bereits weniger schwere Corona-Erkrankungen, so Scholz. Durch die Delta-Variante werde es zwar zu mehr Infektionen kommen, aber diese würden weniger kritisch ausfallen. "Wir rechnen bei der vierten Welle nicht mit einer Überlastung des Gesundheitssystems, wie wir das bei anderen Wellen hatten, aber mit hohen Zahlen."

Doch angesichts der Risiken von Long-Covid sei nicht zu wünschen, dass sich jetzt alle infizieren, die noch nicht geimpft sind.

Schutz für die Schulen 

Deshalb sei es wichtig, nach den Sommerferien die Schulen zu schützen, damit sich in der vierten Welle nicht alle Kinder und Jugendlichen infizierten. "Das wäre zu riskant", sagt der Epidemiologe. In den Schulen hätten sich die Tests zweimal in der Woche  bewährt. Außerdem seien Raumluftfilteranlagen nötig.

"Es wäre ein großer Vorteil, wenn alle Eltern und Kontaktpersonen der Kinder und Jugendlichen geimpft sind", erklärt Scholz weiter. Eine Kampagne für diese Impfungen des Umfelds wäre sinnvoll, um Corona möglichst nicht in die Schulen hineinzutragen.

Sein Ausblick: "Ich rechne damit, dass man in den Schulen Hygiene-Konzepte aufrecht erhalten muss." Denn, so Scholz, gerade bei Kinder und Jugendlichen könnten chronische Erkrankungen durch Long-Covid das ganze Leben begleiten.

(gem) 
 
 
 

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur