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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.04.2020

Herbie Hancock wird 80 Jahre alt Der ewige Erneuerer

Von Martin Risel

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Herbie Hancock spielt Klavier. (Getty Images / WireImage / Robert Marquardt)
Der Musiker Herbie Hancock wird heute 80 Jahre alt und feiert immer noch bei Konzerten Erfolge. (Getty Images / WireImage / Robert Marquardt)

Herbie Hancock wird heute 80 Jahre alt und ist musikalisch immer noch so wandlungsfähig wie kreativ und einflussreich. Der Pianist und Komponist hat mit Jazz, Jazzrock und Fusion Musikgeschichte geschrieben. Und ans Aufhören denkt er noch nicht.

Mit sieben Jahren lernt Herbie Hancock als einziger in seiner schwarzen Arbeiternachbarschaft Klavier. Als Elfjähriger spielt er ein Mozart-Konzert mit den Sinfonikern seiner Heimatstadt Chicago. Dann entdeckt er den Jazz, mit 23 ist er in der Band von Miles Davis. 

Längst gehört Herbie Hancock zu den "elder statesmen" des Jazz und ist wohl der wichtigste noch lebende Erneuerer dieser Musik. Tätig ist der Buddhist auch als Unesco-Sonderbotschafters für interkulturelle Verständigung und Gründer des Internationalen Komitees "Artists For Peace". Am Ostersonntag wird der US-Pianist 80 Jahre alt. 

Was heute so bekannt und fast banal klingt, war mit Herbie Hancocks Debutalbum 1962 ein Meilenstein der Musikgeschichte. Der "Watermelon man" wurde zum Jazz-Standard, oft kopiert, bis in die Pop-Charts. Der Jam-Session-Dauerbrenner und sein Komponist öffneten dem Genre neue Türen und ein neues Publikum. Jazz war wieder hip und hüftenwackelnd.

Lektion fürs Leben 

Kein Jahr später kam Herbie Hancock dank seines grandiosen Klavierhandwerks und der kompositorischen Reife und Raffinesse seines Debüts in die Band von Miles Davis. Dazu sagte Herbie Hancock: "Ich erinnere mich immer an etwas, das mir Miles Davis gezeigt hat. Ich habe in einem Konzert mit ihm mal einen falschen Akkord gespielt. Miles atmete einmal, spielte dann ein paar Noten – und alles klang wieder passend. Er tat, was Jazzmusiker schon immer tun: Nicht zu urteilen, sondern sich anzupassen. So lernte ich eine Lektion fürs Leben."

Der Musiker Herbie Hancock zusammen mit der Sängerin Joni Mitchell  (picture-alliance/Zuma Wire/Dave Safley)Der Musiker Herbie Hancock zusammen mit der Sängerin Joni Mitchell, die zusammen musizierten. (picture-alliance/Zuma Wire/Dave Safley)

Und so hat Herbie Hancock in seiner nun über 60jährigen Musikgeschichte immer wieder aktuelle musikalische Strömungen aufgenommen und weiter entwickelt. Getreu seinem Motto: Schau nach den Regeln und Konventionen, um sie dann zu brechen. Denn: "So entsteht Innovation."

Der Pianist wurde zum Keyboarder und technologischen Revolutionär – immer dran an den jüngsten Entwicklungen, neuesten Instrumenten und Geräten. Studiert hatte der junge Mann aus Chicago nämlich noch vor der Musikkomposition auch Elektrotechnik. Er blieb aber nie ein blinder Fortschrittsgläubiger, sondern ein intellektuell Hinterfragender mit dem Credo: "Nicht die Technologie führt uns in die Zukunft, sondern die Weisheit."

Neuer Elektro-Sound schockierte 

"Future shock" hieß das Album, mit dem Herbie Hancock 1983 die Musikwelt positiv schockierte. Mit einem ganz neuen Elektro-Sound, gespeist vom Geist von Elektronikern wie Kraftwerk und den daraus entstandenen neuen Genres wie House und HipHop. Gleiche Handschrift, anderes Papier. Er sagte dazu: "Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, das Leben kennt keine Grenzen. Und es braucht Mut, aus deiner Komfortzone herauszutreten. Diesen Mut dein Leben lang zu behalten, in neue Bereiche vorzustoßen, das hält dich jung."

Das heißt für Herbie Hancock auch: Immer wieder junge Leute zu fördern, mit seinem Herbie Hancock Institute of Jazz oder hier und da als Gastprofessor. Und immer wieder mit jungen Jazzern zusammen zu spielen. Viele berufen sich in ihrer Entwicklung auf ihn als Vorbild. Neue Stars wie Robert Glasper und Kendrick Lamar, Flying Lotus und Saxophonist Kamasi Washington.

Anhänger des Buddhismus 

Musikalische Duelle mit seinen jüngeren Mitspielern liefert sich Herbie Hancock auch heute noch gerne auf der Bühne. Etwas nervig zu erleben war das auch beim Deutschlandkonzert im Dezember in der Berliner Philharmonie. Da wirkte er auch zum ersten Mal etwas tüddelig, der alte Herr, der immer noch so gerne jugendlichen Geist ausstrahlen möchte.

Er lächelt das weg, scheint mit sich im Reinen. Seit 1972 ist der Musiker Anhänger des Buddhismus und fand dort die gleiche Art und Weise, wie er den Jazz betrachtet: Jeder Moment, jeder Ton, gut oder nicht, bringt dich und dein Leben voran. Er sagt: "Buddhismus zu praktizieren hilft dir, Dinge klarer zu sehen. Wie verschiedene Aspekte deines Lebens sich tatsächlich um ein Zentrum herum bewegen: Dich als menschliches Wesen. Und der Buddhismus hilft dir bei der Fokussierung. Statt verschiedener Bereiche ist alles ein Ganzes."

Im "Imagine"-Projekt versammelte Herbie Hancock vor 10 Jahren viele Stars aus Pop-und Weltmusik. Kurz zuvor ein ebenso gefeiertes Joni Mitchell Tribute. Seitdem wartet die Welt mal wieder auf ein echtes Jazz-Album des Meisters. Liefern muss er nicht mehr nach unzählbaren Alben, zwölf Grammys und Erfolgen auch als Filmkomponist. Pläne hat er jedenfalls noch jede Menge, der ewige Erneuerer.

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