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Konzert / Archiv | Beitrag vom 17.04.2017

Herbert Blomstedt beim GewandhausorchesterDer schwärmerische Titan

Aufzeichnung aus Leipzig

Der Dirigent Herbert Blomstedt während einer Probe in der Philharmonie in Köln, aufgenommen am 22.06.2006 (picture-alliance / dpa / Hermann Wöstmann)
Der Dirigent Herbert Blomstedt (picture-alliance / dpa / Hermann Wöstmann)

Ein reines Beethoven-Programm dirigierte Herbert Blomstedt beim Gewandhausorchester - die erste und vierte Sinfonie. Anne-Sophie Mutter war außerdem Solistin im Violinkonzert.

Ein Programm wie ein Pastellgemälde: Herbert Blomstedt, fast 90, entdeckt an seiner alten Leipziger Wirkungsstätte den entspannt-schwärmerischen, launigen und manchmal sogar heiteren Beethoven.
Das Bild vom immerfort mit sich selbst und der Welt ringenden Titan Beethoven ist zwar nur eine poetisch-politische Legende - aber so durchweg freundlich wie an diesem Leipziger Abend kommt der Wahl-Wiener sicher wirklich selten daher. Ob es am Frühlingsanfang lag, für dessen direkte Nachbarschaft Herbert Blomstedt dieses Programm bei seiner neuerlichen Rückkehr ins Gewandhaus konzipierte, wo er bis 2005 sieben Spielzeiten lang als Kapellmeister wirkte?

Die 1. Sinfonie, mit der der junge Rheinländer nach der konzertanten auch die sinfonische Szene an der Donau erobern wollte, steht ohnehin im Zeichen des Aufbruchs – und zugleich eines locker-selbstbewussten Umgangs mit den Vorgaben insbesondere Joseph Haydns. Die "Vierte" und das Violinkonzert entstanden dann fast zeitgleich 1806, worauf auch die benachbarten Opuszahlen verweisen.

Doch wenn sie auch Geschwister sind, dann bestimmt keine Zwillinge – dafür steht schon der Unterschied des schattigen B-Dur in der Sinfonie und des weich-strahlenden D-Dur im Konzert. Geistvoll-verschmitzte motivische Arbeit steht gegen lyrische Versenkung; anders als im Opernklischee, wo angeblich meist die Bösewichte die interessanteren Parts hergeben, kann ja auch das Artikulieren positiver Gefühle enorm abwechslungsreich sein – jedenfalls, wenn man es mit solcher Intensität entfaltet wie Beethoven. Und weil diese Farb- und Emotionsspanne dann eben auch nie in Gänze auszuschöpfen ist, dürfte selbst Anne-Sophie Mutter, die das Violinkonzert gefühlt (und wahrscheinlich sogar real) schon in dreistelligen Größenordnungen aufgeführt hat, auch diesmal wieder neue Nuancen und Feinheiten entdecken.

Gewandhaus zu Leipzig
Aufzeichnung vom 18. März 2017

Ludwig van Beethoven        
Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21         
Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61
Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60

Anne-Sophie Mutter, Violine
Gewandhausorchester Leipzig
Leitung: Herbert Blomstedt

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