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Konzert / Archiv | Beitrag vom 12.01.2021

Herbert Blomstedt beim Deutschen Symphonie-Orchester BerlinBeim Komponieren zum Anarchisten werden

Moderation: Volker Michael

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Porträt des Dirigenten. (Herbert Blomstedt / Martin U.K. Lengemann)
Seit seiner Jugend fasziniert von den Sinfonien Anton Bruckners - der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt (Herbert Blomstedt / Martin U.K. Lengemann)

Herbert Blomstedt kehrt regelmäßig zum Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zurück, um Bruckner-Sinfonien aufzuführen. Beim Musikfest Berlin 2006 stand die 5. Sinfonie auf dem Programm. Nikolaj Znaider spielte Mozarts A-Dur-Violinkonzert.

"Es bleibt ein Rätsel, wie dieser sanfteste und friedfertigste aller Menschen im Moment des Komponierens zum Anarchisten wird", so äußerte sich der Wiener Kritiker Eduard Hanslick über die Wirkung von Anton Bruckners Sinfonien.

Beim Musikfest Berlin 2006 war Herbert Blomstedt beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zu Gast. Ganz traditionell war das Programm des Abschlusskonzerts beim Hauptstädtischen Musikfest: Ein Mozart-Solokonzert und eine Brucknersinfonie werden häufig und gern kombiniert. In diesem Fall das beliebteste Violinkonzert Mozarts, das in A-Dur und die 5. Sinfonie, die Anton Bruckner selbst als seine "Fantastische" bezeichnet hat.

Ein Violinkonzert gegen die virtuose Mode

Das Wunderkind Mozart war ein begnadeter Pianist und Komponist, spielte aber auch passabel die Geige – kein Wunder, galt und gilt Vater Leopold als einer der wichtigsten Violinpädagogen des 18. Jahrhunderts. Wie alles Musikalische fiel dem jungen Amadeus auch das Spiel auf dem Saiteninstrument quasi in den Schoß – und so wurde er bereits mit 13 Jahren dritter Konzertmeister der Fürstbischöflichen Hofkapelle in Salzburg.

Allerdings bekam er kein Honorar dafür, und Vater Leopold ging lieber auf Italienreise mit seinem Sohn, wo dieser das damals gängige italienische Virtuosenrepertoire für Violine kennen und nicht gerade lieben lernte. Denn gegen pure Virtuosität empfand er Widerwillen und schrieb dann als 19-jähriger Salzburger Musiker gleich fünf Violinkonzerte, um sich davon kreativ abzusetzen.

So finden sich auch im A-Dur Konzert neben den traditionellen Formen und Einfällen immer wieder spielerische Ausbrüche, etwa den langsamen Soloeinschub ziemlich zu Beginn oder die massiven Ausbrüche "A la Turca" im dritten Satz. 

Der Geiger Nikolaj Szeps-Znaider (Lars Gundersen/Impresariat Simmenauer)Der Geiger Nikolaj Szeps-Znaider (Lars Gundersen/Impresariat Simmenauer)

In Briefen an seinen Vater beschrieb Mozart immer mal wieder die Reaktionen der Zuhörer auf sein solistisches Geigenspiel: Es sei wie Öl gegangen und er selbst habe gespielt, als wenn er der größte Geiger Europas wäre. Ein großer Geiger in Europas in unseren Tagen ist Nikolaj Znaider. Der Musiker spielt international mit allen großen Orchestern und bekannten Kammermusikern zusammen und hat sich in den letzten Jahren auch als Dirigent einen Namen gemacht. Inzwischen trägt er den Namen Nikolaj Szeps-Znaider.

Kreativ und unbeirrbar

Die fünfte Sinfonie B-Dur Anton Bruckners stand nach dem Mozart-Violinkonzert auf dem Programm. Gut siebzig Minuten Musik voller Gegensätze, voll Macht und Kraft und Zartheit und Zweifel gleichermaßen.

Anton Bruckner hatte sich 1868 entschlossen, nach Wien zu ziehen, ohne allerdings einen sicheren Job zu haben. Über zehn Jahre quälten ihn materielle Sorgen. Viel schlimmer aber wohl war, dass seine Musik kein Mensch verstehen wollte, auch nicht die Kritiker und Kollegen.

Der tief religiöse Musiker Bruckner beantwortete all diese Sorgen mit einer unvorstellbaren Welle von Kreativität. Seit 1872 hatte er jährlich eine Sinfonie vollendet. Doch leider landeten sie alle ungehört in der Schublade. Das ging einige Jahre so. Und als er endlich im 77er Jahr Geld für seine Tätigkeit als Lehrer und Musiker bekam, ereilte ihn der Schicksalsschlag einer völlig misslungenen Aufführung seiner dritten Sinfonie.

Eine fantastische Sinfonie

Zwei Jahre zuvor hatte er seine fünfte Sinfonie in B-Dur zu schreiben begonnen. Am Ende hielt er sie für sein "kontrapunktisches Meisterstück" und für seine "fantastische" Sinfonie.

Ganz traditionell besteht diese B-Dur Sinfonie aus vier Sätzen, es gibt in ihr Themen, dominierende und randständige, doch sie alle haben – wie die ganze Sinfonie – ungeheure Dimensionen in die Weite, in die Länge und in die Tiefe: Allesamt Dimensionen, die Bruckners unmittelbaren Zeitgenossen Schwindel verursachen mussten.

Die Wissenschaft der verschiedenen Fassungen

Eine Aufführung dieser Sinfonie hat der Komponist niemals erlebt. Als sie von Franz Schalk 1894 in Graz in stark bearbeiteter Form gegeben wurde, war Bruckner schon zu krank, um zu reisen. Doch schon damals reagierte das Publikum begeistert. Und um die Jahrhundertwende herum wurden Bruckners Sinfonien, auch die Fünfte, vielerorts gespielt, allerdings verkürzt und verunstaltet, so dass seither die Wissenschaft der verschiedenen Fassungen von Bruckner-Sinfonien viele Gelehrte ernähren konnte.

Herbert Blomstedt dirigiert in unserer Aufnahme die Originalfassung der Fünften Sinfonie.

Philharmonie Berlin
Aufzeichnung vom 17. September 2006

Wolfgang Amadeus Mozart
Violinkonzert A-Dur KV 219

Anton Bruckner
Sinfonie Nr. 5 B-Dur

Nikolaj Znaider, Violine
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Leitung: Herbert Blomstedt

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