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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.04.2016

Herausforderungen für die KirchenmusikMehr Raunen als Singen

Kai-Uwe Jirka im Gespräch mit Kirsten Dietrich

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Evangelischer Konfirmationsgottesdienst in der Lutherkirche von Griesheim (Kreis Darmstadt-Dieburg) (picture alliance / dpa / Roland Holschneider)
Evangelischer Gottesdienst (picture alliance / dpa / Roland Holschneider)

Musik vom Handy oder aus dem Radio begleitet uns von früh bis spät - aber es fehlt oft an Mut, selbst zu singen. Auch in den Kirchen wird oft mehr geraunt. Kirchenmusiker sollten sich besser auf ihre Gemeinden einstellen, sagt der Professor für Chorleitung, Kai-Uwe Jirka.

Kirsten Dietrich: Die Kirchengemeinden verändern sich. In den meisten sitzen beim Gottesdienst immer weniger Menschen – die sind eher älter und sie haben oft einen immer weiteren Weg zur Kirche. Das sind alles keine Neuigkeiten. Worüber dabei oft nicht so dringlich gesprochen wird: Das hat auch Auswirkungen auf die Musik, die in den Kirchen erklingt. Welche das sind, darüber habe ich mit Kai-Uwe Jirka gesprochen. Er ist Professor für Chorleitung an der Universität der Künste in Berlin, bildet also angehende Kirchenmusiker aus, und er leitet natürlich auch selber einen Chor: den Staats- und Domchor Berlin, einen Knabenchor, in dem rund 300 Jungen ab fünf gemeinsam singen – und das ganz hervorragend. Kirchengemeinden verändern sich – wie verändert das die Kirchenmusik, das wollte ich von Kai-Uwe Jirka wissen.

Kai-Uwe Jirka: Da gibt es natürlich erst mal ganz unterschiedliche Entwicklungen. Wir haben ja im Berliner Dom, hier in der Mitte Berlins, die tolle Entwicklung, dass eigentlich immer mehr Menschen in die Gottesdienste kommen – das ist sicherlich singulär. Das heißt, wenn viele Menschen in den Gottesdienst kommen, gibt es erst mal nicht so einen großen Innovationsdruck. Die Frage ist ja wirklich, was mache ich, wenn weniger kommen, wenn die vielleicht immer älter werden und wenn sie auch immer leiser werden und wenn sie im Alltag immer seltener singen, so dass die Stimme im Gegensatz zu früher, wo einfach auch der Gottesdienstbesuch höher war und regelmäßiger war, aus der Übung gekommen ist. Und da gibt es ganz unterschiedliche Reaktionen. Ich kenne Organisten die im Tutti, Forte durchspielen, weil sie sagen, meine Gemeinde singt sowieso nicht.

Chöre müssen sich oft anpassen

Dietrich: Da soll die Musik wenigstens gut hörbar sein.

Jirka: Ja, sie erschlägt dann. Wenn ich in solchen Gottesdiensten bin, habe ich persönlich wenig Lust mitzusingen, weil ich mich selber gar nicht hören kann – das finde ich einen wichtigen Aspekt. Es gibt aber auch Kirchenmusiker, die sagen, meine Gemeinde hat nicht mehr so viel Kraft und kann nicht mehr so hoch singen – das haben wir im Dom auch –, dass wir dann sagen, wir müssen Liturgie und die Melodien ein bisschen tiefer legen. Das hat aber wiederum ein Problem, dass die Chöre, die regelmäßig singen, wie zum Beispiel der Knabenchor, Probleme hat, in der tiefen Lage gut zu klingen. Das sind so Folgen der Veränderung der Gottesdienstzusammensetzung. Das Lamento darüber schwillt natürlich an, dass weniger gesungen wird, dass man nicht mehr so viel singen kann, und dass es anstrengend anscheinend ist.

Dietrich: Ich würde gern mal ein paar Aspekte, die die Kirchenmusik im Gottesdienst betreffen, einfach mal so durchsprechen und durchspielen, was da so die prägnanten Punkte sind, die gerade aktuell wichtig sind. Fangen wir mal gleich – Sie haben ja schon angefangen auch – mit dem Singen an: Ist das eigentlich immer noch eine Freude, eine Bereicherung für den Gottesdienst oder wird es schwieriger, je weniger die Menschen auch selber singen und ständig im Alltag ja von perfekt gemachtem Gesang umgeben sind?

Blick auf die Silbermann-Orgel im Dom Freiberg (Sachsen), aufgenommen am 30.04.2014. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)Blick auf die Silbermann-Orgel im Dom Freiberg (Sachsen) (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Passive Musikrezeption führt zu Problemen beim Selbersingen

Jirka: Die passive Rezeption, die so viel zunimmt, auch bei jungen Leuten, die sehe ich schon auch als Problem. Wenn man jetzt selber singen möchte und diese Anfangspeinlichkeit überwunden hat – weil wo singt man im öffentlichen Raum noch, auf Familienfeiern wenig, vielleicht zu Weihnachten, im Stadion, andere Liga –, ist es ganz wichtig, finde ich, dass das Singen gut angeleitet ist, dass man jemanden hat, der gut vorsingt, der das richtige Lied aussucht, der die richtige Lage sucht, der einen guten Kontakt hat zu den Menschen. Wenn in einem großen Kirchenraum überall verteilt zwei, drei Menschen singen, dann kann ein Singgefühl ja gar nicht blühen, dann bleibt jeder Einzelkämpfer. Man muss also an vielen Stellen wirklich erst mal das Grundsetting, um eine Singerfahrung als positiv erlebbar zu machen, beeinflussen. Das ist die Aufgabe für die Kirchenmusiker, das herzustellen. Es hängt auch am Begleitinstrument, an der Auswahl, davon hängt meiner Erfahrung nach es ab, ob es eine positive Erfahrung ist, sich als singender Mensch wieder frei und vielleicht auch ein bisschen erleichtert … das ist ja die Idee des Singens, dass man seiner Seele ein bisschen Auftrieb gibt, dass man das so erfahren kann.

Dietrich: Das heißt, man muss das Singen auch überhaupt erst mal zum Thema machen. Bis jetzt ist es ja so eine Selbstverständlichkeit. Wir singen dann Lied soundso viel, und es wird gar nicht weiter thematisiert.

Vielerorten Raunen und Sprechgesang

Jirka: Ja, es gibt oft Gottesdienstabläufe, die sind sehr routiniert und schematisiert, da erscheint dann oben am Display an der Orgel, welches Lied jetzt gespielt werden soll, und es rattert so ab und keiner hört wirklich zu. Deswegen gehe ich immer gerne in Gottesdienste und beobachte einfach mal, wie ist das Verhältnis zwischen Orgel und Gemeindegesang, wie wird es angeleitet, wie ist das Verhältnis von bekannten Liedern und unbekannten Liedern, wie reagiert die Gemeinde darauf. Und ich glaube, es ist gut, wenn Kirchenmusiker immer mal ein bisschen Abstand zur eigenen Gemeinde auch bekommen, dann zurückkommen und überlegen: Was passiert hier eigentlich, wird hier wirklich noch gesungen oder ist das schon ein Raunen oder eher ein Sprechgesang, und wie reagiere ich dann darauf?

Dietrich: Ist auch das Liedgut an sich ein Problem, also gibt es überhaupt noch die richtigen Lieder für die Gemeinden heute?

Richtiges Lied zur richtigen Zeit

Jirka: Ich denke, wir haben in den Kirchen einen riesengroßen Fundus an Musik durch die wunderbare Tradition der Kirchenmusik, und es ist jetzt die Aufgabe der Verantwortlichen, das richtige Lied für die richtige Gruppe im richtigen Moment zu finden. Das ist möglich, aber es erfordert ein bisschen Aufmerksamkeit, genau auszusuchen, welches Lied jetzt hier passend ist. Mit Konfirmanden würde ich ein anderes Lied aussuchen als mit der Seniorengruppe, in der gemischten Gemeinde wieder ein anderes Lied überlegen. Es ist sicherlich nicht gut, einen Gottesdienst zu machen, wo plötzlich alle Lieder neu sind, weil man es jetzt mal anders machen will, sondern es kommt immer auf die Begleitung und auf die Mischung an. Und man kann auch mit einer klugen Liedauswahl das Singen der Gemeinde schulen und verbessern.

Dietrich: Aber welche Lieder gibt es denn dann, die wirklich eine ganz gemischte Gemeinde, so wie ja der Idealfall ist, überhaupt mitnehmen? Ich meine, landet man dann nicht nur bei Taizé-Liedern, die so einfach und schön zu singen sind, weiß ich nicht, wie "Geh aus mein Herz und suche Freud’" und "Großer Gott, wir loben dich"?

Jirka: Ich glaube schon, dass der gemeinsame Nenner an Liedern relativ klein geworden ist. Das hat man immer, dieses Problem, wenn Konfirmationen sind, wo dann natürlich Angehörige aus weiten Entfernungen zusammenkommen und man überlegt, was für Lieder können wir jetzt hier singen. Und die drei, vier Lieder, die wirklich alle kennen, das sind dann eben auch nur drei, vier Lieder. Aber wenn ich jetzt eine Gemeinde habe, auch wenn sie klein ist, die regelmäßig zusammenkommt, dann ist es natürlich auch meine Aufgabe, dann dieses Liedgut zu erweitern. Und ich meine, der Haupttreffpunkt für alle ist ja Weihnachten – da haben wir auch einen großen Kanon an Liedern –, und da ist eigentlich die Erfahrung, dass man gern die alten Lieder singen möchte, auch wenn man sie nicht mehr so gut kann. Wenn der Text ein bisschen weggebrochen ist, dass da sowohl bei den jungen Leuten als auch bei den Älteren eine große Sehnsucht ist, diese alten Lieder zu singen, wenn es gut gemacht ist, vielleicht einen Chor dabei, dass die Begleitung schön ist, wird das auch als wohltuend empfunden, und neuere, vielleicht auch so populäre Lieder gerade in dem Bereich kommen meistens nicht so gut an.

Dietrich: Welche Rolle spielen Chöre bei dieser Betrachtung des Singens, das sich verändert?

Der Gemeinde beim Mitsingen helfen

Jirka: Na ja, die Chöre haben eine ganz zentrale Aufgabe: Sie sind sozusagen eine stellvertretende Gemeinde, die sich ja regelmäßig trifft, um genau das zu üben, also die Stimme zu schulen, mit Stimmbildung, mit Atemübungen, überhaupt den ganzen Stimmapparat in Bewegung zu halten. Und sie können natürlich im Gottesdienst die Gemeinde motivieren mitzusingen, indem sie sich vorne hinstellen und sagen, es ist nicht schwer, es klingt doch ganz gut, indem sie den Gemeindegesang stützen, vielleicht andere Stimmen dazu singen, Oberstimmen dazu singen und die anderen mitreißen, also auch in großen Kirchen sich vielleicht im Raum mal verteilen und einfach denen, die da sind, das Gefühl geben: Komm, sing mit, wenn du nur zuhören willst, ist es auch okay, aber wenn du mitsingen möchtest, dann helfen wir dir dabei. Das ist, glaube ich, eine ganz wichtige Aufgabe. Und ich habe das viel in der Kinder-und-Jugendchor-Arbeit gewirkt und erlebt, dass wenn Kinder und Jugendliche Lieder überzeugend vorsingen, dass dann die Lust am Mitsingen einfach steigt, weil es so was Mitreißendes ist. Und das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Effekt, weil natürlich der begleitende Organist oft unsichtbar irgendwo weit entfernt sitzt. Da kommt Musik von oben, von hinten, man weiß es nicht genau, und wenn dann nicht jemand da ist, der das Singen mit anführt, dann ist es unter Umständen wirklich schwierig.

Dietrich: Nun sind Sie als professioneller Kirchenmusiker natürlich auch immer mit hervorragenden Chören umgeben, aber der durchschnittliche Gemeindechor besteht ja auch gerne mal aus, weiß ich nicht, einer großen Schar Frauen jenseits der besten Jahre für eine Singstimme und ein, zwei Männern. Was macht man denn mit einem solchen Chor dann?

Jeder Chor kann gut klingen

Jirka: Ich sage immer, jeder Chor, jede Gruppe von Menschen, die zusammen singen möchten, sagen wir mal allgemein, kann gut klingen. Das ist in der Verantwortung der Chorleiterin oder des Chorleiters, auch für so einen Chor die richtigen Werke auszusuchen – es gibt wunderbare dreistimmige Kantaten von Buxtehude und von anderen Komponisten. Das Problem kommt immer dann, wenn der Chor entweder überfordert ist oder unterfordert ist, und das ist etwas, was wir auch in der Ausbildung versuchen, dafür zu sensibilisieren: Was kann ich meinem Ensemble zumuten, wo kann ich sie hinbringen, sodass sie selber Spaß, Freude am Singen ausstrahlen und sich in dem, was sie tun, souverän fühlen – das ist ja das Wichtigste. Wenn ich einen ängstlichen Chor vorne habe, nur weil der Chorleiter jetzt vielleicht Lust auf eine Bach-Motette hat, dann wird es auch die Gemeinde nicht wahnsinnig beeindrucken und mitreißen. Ich sag dann bei so Mitsingkonzerten immer, weniger ist mehr, nimm weniger Lieder ins Programm, einfachere Lieder, wo aber sofort man das Gefühl hat, da könnte ich jetzt auch mitsingen. Das ist viel sinnvoller. Nach oben hin im Konzertbereich ist ja dann keine Grenze, wenn das Ensemble besser wird.

Dietrich: Ist es schwierig, das zu vermitteln, diese Selbsteinschränkung, ja, vielleicht auch, wo man Abschied nehmen muss von Träumen, die man als Chorleiter hat, und dann zu sagen, schau, was die Leute können?

Jirka: Ich finde, das ist ein ganz wichtiger Aspekt in der Ausbildung, und ich versuche immer, möglichst ohne Wertung auszukommen. Also ich sage nicht, eine Bach-Motette ist höherwertiger als eine Buxtehude-Kantate, nur weil die Buxtehude-Kantate vielleicht einfacher ist, sondern mir geht es gerade in der Kirchenmusik auch darum, zu vermitteln, dass es den gelungenen Moment gibt. Und der Moment ist dann gelungen, wenn die Menschen mit dem, was sie tun, nicht überfordert sind, wenn sie Spaß daran haben, wenn es eine inhaltlich ansprechende Aufgabe ist, und dann ist es letztendlich auch für den Leiter und für die Leiterin befriedigend.

Kirchenmusiker werden sehr begehrt sein

Wir haben oft Studenten, die sehr virtuos schon auf dem Instrument sind und in unser Institut kommen, und natürlich ein Fach wie Kinderchorleitung, wenn man vorher nichts mit Kindern zu tun hatte, ist erst mal sehr weit weg. Und natürlich kommt der ein oder andere und sagt, na ja, da kann ich keine Reger-Motette mitsingen oder Schütz wird vielleicht auch schon schwierig, und dann erleben sie die jungen Menschen bei uns in den Gruppen, wie sie ausgebildet werden, wie sie kommen, und sehen dann erst mal den Menschen, was er kann, wie er tönt, wie er klingt. Und dann kommen die eigenen Ideen und dann kommt auch die Lust, mit verschiedenen Altersgruppen zu arbeiten – ob das nachher ein Seniorenchor ist, eine alt gewordene Kantorei, die man vielleicht als eigenes Ensemble formen möchte, ob es ganz junge Menschen sind. Was ich immer vermittle, ist: Egal, wo ihr hinkommt, an welche Stelle, es kann sein, dass ihr von vorne anfangen müsst. Und von vorne anfangen heißt, mit den jungen Menschen anzufangen, damit die in die Tradition des Singens reinwachsen.

Dietrich: Kirchenmusiker übrigens sind schon jetzt und werden in Zukunft in den Gemeinden heiß begehrt sein, egal, wo in den Kirchen sonst gespart wird. Die Studentinnen und Studenten von Kai-Uwe Jirka werden sich ihre Stellen höchstwahrscheinlich aussuchen können. Kai-Uwe Jirka ist Professor für Chorleitung an der Universität der Künste in Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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