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Zeitfragen | Beitrag vom 17.02.2021

Henry Morton StanleyEin Rassist und skrupelloser Entdecker

Von Patric Seibel

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Eine Illustration zeigt ein koloriertes Foto von Henry Morton Stanley.  (picture alliance / Mary Evans Picture Library)
Projektionsfläche für Afrikaromantik und koloniale Herrschaftsträume: Henry Morton Stanley auf einem Kalender Ende des 19. Jahrhunderts. (picture alliance / Mary Evans Picture Library)

Der Journalist Henry Morton Stanley wurde weltberühmt, als er 1871 den verschollenen Missionar David Livingstone in Ostafrika fand. Doch er war auch der Mann, der für den belgischen König Leopold II. mit äußerster Brutalität den Kongo kolonialisierte.

Für seinen Erfolg geht Henry Morton Stanley über Leichen. Der Mann aus kleinen Verhältnissen findet in Afrika seinen Weg zu Ruhm und gesellschaftlichem Aufstieg. Dabei helfen ihm seine ganz speziellen Charaktereigenschaften, erklärt Andreas Eckert, Professor für Globalgeschichte und Afrika-Experte an der Berliner Humboldt-Universität:

"Henry Morton Stanley wurde in Afrika oft Bula Matari genannt, Zermalmer der Steine, und diese Bezeichnung trifft ganz gut auf seinen Charakter zu: Er war hart gegen sich selbst und brutal gegen andere."

Vom Kriegsreporter zum Entdeckungsreisenden

Hart gegen sich selbst – diese Einstellung hat Henry Morton Stanley wohl schon früh entwickelt. Seine Kindheit verbringt der uneheliche Sohn eines Dienstmädchens in einem walisischen Armen- und Arbeitshaus, wo er geschlagen und missbraucht wird. Um diesem Leben zu entkommen, reist er mit 17 per Schiff in die USA, kämpft im Bürgerkrieg auf beiden Seiten, wird Journalist: Als Kriegsreporter einer großen New Yorker Boulevardzeitung macht er sich einen Namen und sorgt durch seine reißerischen und packenden Berichte für hohe Auflagen. Sein Verleger schickt ihn schließlich nach Afrika und um die halbe Welt.

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Weltbekannt wird Stanley erst durch seine Suche nach David Livingstone: Der britische Forscher und Missionar gilt als verschollen. Nach monatelanger entbehrungsreicher Expedition findet er ihn schließlich im November 1871 am Tanganijkasee in Ostafrika. Und die von Stanley in seinen Berichten und Büchern kolportierte Begrüßungsszene wird noch im 20. Jahrhundert in einem Spielfilm aufgegriffen. Spätestens jetzt ist Stanley ein gefeierter Star. Er trifft den Zeitgeist und liefert den Stoff, der die Träume von damals weckt, erklärt Andreas Eckert:

"Das große Publikum war sehr interessiert an seinen Expeditionen, an Geschichten der Eroberung, der Entdeckungen in Afrika. Viele europäische Herrscher träumten von großem Reichtum und Kolonialbesitz in Afrika und diese großen Träume schien Henry Morton Stanley erfüllen zu können."

Mit der Nilpferdpeitsche trieb er seine Träger an

Nach einer weiteren Expedition zu den Quellen des Nils wird der junge König von Belgien, Leopold II., auf ihn aufmerksam. Leopold ist sein Königreich zu klein. Er will mehr. Viel mehr. Ein Stück vom großen kolonialen Kuchen von Afrika. Er heuert Stanley an, damit der ihm das riesige Kongogebiet erschließt – eine Fläche, 80-mal größer als Belgien.

"Im Auftrag des Königs Leopold marschierte er fast drei Jahre lang durch unwegsames Gelände, um Verträge mit einheimischen Herrschern abzuschließen, die oft gar nicht wussten, was sie da für Verträge abzeichneten, und nahm das Gebiet, aber eben auch teilweise die Arbeitskraft der dortigen Bevölkerung für den belgischen König Leopold in Besitz."

Stanley schindet seine afrikanischen Diener und Träger ohne Rücksicht – lässt sie einen in Teile zerlegten Dampfer durch die Wildnis schleppen, fährt den Kongofluss hinauf, lässt Trassen, Brücken, Straßen und Siedlungen anlegen. Seine Männer treibt er mit der Nilpferdpeitsche an. Oder er erschießt sie mit eigener Hand.

"Seine Tätigkeit im Kongo war in gewisser Weise auch typisch für die Ambivalenz, sowohl von Stanley als auch für die Rezeption seiner Tätigkeit: Viele Leute waren tief beeindruckt, ja bewunderten ihn dafür, dass er es geschafft hat, drei Jahre in diesem unwegsamen Gebiet seinen Weg zu machen und auch letztendlich seinen Auftrag zu erfüllen. Auf der anderen Seite kamen sehr rasch Geschichten hervor, die seine Brutalität und Rücksichtslosigkeit darlegten. Und daher war sein Image in Europa immer gespalten."

Mit der Berliner Konferenz wird der Kongo zur Privatkolonie

Trotzdem, erklärt Andreas Eckert, gelingt König Leopold mit Stanleys Hilfe ein diplomatischer Coup: Auf der Berliner Konferenz im Winter 1884/85 erhält der belgische Regent das Kongogebiet als Privatkolonie zugesprochen. Seine angebliche zivilisatorische Mission ist dabei ein reiner Vorwand:

"Hier spielte Henry Morton Stanley eine extrem wichtige Rolle als Wegbereiter eines extrem ausbeuterischen und brutalen Kolonialismus. Der Kongo ist sicherlich, was die Brutalität betrifft, ein Extrafall, aber nicht ein extremer Sonderfall oder eine Ausnahme, weil Brutalität und Ausbeutung waren durchaus Kennzeichen in vielen Teilen Afrikas, als die Kolonialisierung begann."

Leopold errichtet in seiner Kolonie eine Terrorherrschaft. Die Force Publique, eine Söldnertruppe unter Führung belgischer Offiziere, wütet grausam und brutal. Mutmaßlich mehrere Millionen Afrikaner kommen dabei ums Leben. Was in Europa oft unerwähnt bleibt. Stattdessen spült der heißbegehrte Kautschuk aus den Wäldern des Kongo Millionen belgische Francs in Leopolds Kassen. Prunkbauten wie das Kongo-Gewächshaus in Brüssel künden bis heute davon. 1885 ist es der größte Glaspalast der Welt.

Ein Botschafter der Sehnsüchte der Europäer

Und Henry Morton Stanley? Er wird von der englischen Queen Victoria geadelt. Er verkehrt mit den Mächtigen der Erde. Als der damalige US-Präsident Benjamin Harrison im Jahr 1891 Kanada besucht, spricht Stanley die offiziellen Begrüßungsworte – aufgezeichnet mit dem Edison-Phonograph:

"Mr. President… "

Die Stimme Henry Morton Stanleys, die Könige und Präsidenten umschmeichelt, die Befehle für afrikanischen Diener und Träger bellt, die Häuptlinge um ihr Land und ihre Leute zu bringen versteht. Der Mann hinter dieser Stimme schafft im 19. Jahrhundert den märchenhaften Aufstieg vom gesellschaftlichen Paria zum Tischgenossen der Monarchen. Denn er war beides: Mann fürs Grobe und Botschafter der Sehnsüchte, erklärt Andreas Eckert.

"Weil er auf der einen Seite viele Fantasien über den Kontinent anregte und weil er auch für einen bestimmten Typus stand, der in dieser Zeit sich daran machte, den Kontinent für Europa zu erobern. Von daher ist er charakteristisch für das europäische Unternehmen des Kolonialismus, dem es vor allem darum ging, eigene Interessen durchzusetzen und sich wenig darum zu scheren, welche Auswirkungen dies auf die Einheimischen hatte. Den einheimischen Afrikanerinnen und Afrikanern stand er mit Herablassung, Zynismus und Rassismus gegenüber."

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