Für Henrike Naumann waren Möbel nie nur Einrichtungsgegenstände. Die Künstlerin verstand sie als ein dokumentarisches Format, als ihr Medium, um über bestimmte Themen zu verhandeln, die ihr wichtig waren.
„Ich will die Gegenwart, die Gesellschaft, die Geschichte insofern mit meiner Arbeit kommentieren, indem ich Räume schaffe, in denen Diskussionen sind, die woanders nicht möglich sind. Indem ich mit Möbeln arbeite, bei einer Sache, die alle kennen und diese Möbel aber mit Bedeutung auflade.”
So baute sie unter anderem das Wohnzimmer von NSU-Mitglied Beate Zschäpe nach, um den Schrecken von damals greifbar zu machen.
Am 4. November 2011, als Zschäpe das Haus in Zwickau anzündete, war Naumann selbst nur einen Kilometer entfernt, bei ihrer Großmutter in Weißenborn.
NSU als Wendepunkt
Das Jahr 2011, als die NSU-Morde aufgedeckt wurden, sei für sie einschneidend gewesen – persönlich wie künstlerisch, erzählt sie. „Das war für mich ein Erlebnis, bei dem ich gemerkt habe, das kann ich nicht ignorieren. Daran muss ich mich selbst abarbeiten.” Aus dieser Erfahrung sei die Entscheidung gewachsen, nicht Szenenbildnerin zu werden, sondern ihr Wissen für eine künstlerische Intervention zu nutzen.
„Als Künstlerin ist ja eigentlich alles irgendwie politisch. Jede Entscheidung, die ich treffe, auch wenn ich mich entschließe, nur Landschaften zu malen, ist das eine absolute Position zur Gegenwart und zur Gesellschaft.“
Die 1984 in Zwickau geborene Künstlerin faszinierten Möbel bereits in ihrer Kindheit. Sie wuchs in der DDR vor allem mit Holzmöbeln auf, über Generationen gewachsen, reparierbar, funktional.
Ihre Mutter war Möbeltischlerin. Es ging nicht um Minimalismus, sondern um ein Arbeiten mit Geschichte, mit Holzmöbeln aus verschiedenen Zeiten oder die man auf der Straße gefunden hatte.
Postmoderne im Osten
Nach der Wende kamen andere Möbel in die ostdeutschen Wohnzimmer: postmoderne Stücke, die weniger auf Bequemlichkeit zielten. Für Naumann sahen sie damals aus, „als würden diese aus dem Weltall im Osten abgesetzt“. Sie erinnerten an amerikanische Serien wie Miami Vice – an Bilder, die man aus dem Fernsehen kannte und nun plötzlich im eigenen Zuhause nachbauen konnte.
Genau dieser Bruch interessierte sie: Man sieht im Fernsehen Bilder, stellt sie sich vor, richtet das eigene Wohnzimmer danach ein und merkt dann, dass Vorstellung und Wirklichkeit nicht zusammengehen. Dass etwas nicht aufgeht.
Dieser Moment, in dem es „knirscht“, beschäftigte sie. Sie sagt selbst, dass das auch ein Grund war, warum sie später Szenografie für Film und Fernsehen studierte. Sie wollte verstehen, wie solche Bilder entstehen und wie Räume gebaut werden. Dass ihre Installationen später oft wie begehbare Filmsets wirkten, hatte hier ihren Ursprung. Möbel waren dabei Dokumente.
„Wie kann ich diese Dokumente nutzen und auch über Dinge sprechen, wo vielleicht Sprache und Text versagen? Wie kann ich Debatten führen, die nicht in Institutionen stattfinden – wie kann ich einen anderen Raum schaffen, eine andere Art zu sprechen, eine eigene Sprache durch diese Möbel?“
Nicht nur die NSU-Terrorzelle hinterließ bei ihr eine bleibende Wirkung. Seit 2013 beschäftigte sich Naumann intensiv mit der Reichsbürgerszene. Naumann stammt aus der Region zwischen Zwickau und Schneeberg. Dort könne man gewissermaßen eine „Avantgarde der Radikalisierung“ beobachten, sagte sie. Entwicklungen würden dort oft früher sichtbar, die später ganz Deutschland beträfen.
Kunst als Übersetzungsarbeit
Die seltsame Ästhetik dieser Szene, die Kostümierungen, dieses Esoterische nahm sie ernst. Sie fand eine Sprache, um mit dieser Ästhetik zu arbeiten und die Gefahr der Reichsbürgerbewegung zu zeigen. Sie sah sich selbst als eine Art Übersetzerin.
„Das zieht sich eigentlich auch wie so ein roter Faden durch meine ganze Arbeit, dass ich versuche, das zu übersetzen und zu sagen: Was kann ich als Künstlerin zu diesen Debatten beitragen? Ich kann meine Profession oder meinen Blick nutzen, um so eine Übersetzungsarbeit zu leisten.“
International war Naumann extrem erfolgreich. Ihre Werke stellte sie unter anderem in Wien, Graz und New York aus.
In den USA wandte Naumann die Methoden an, die sie vorher in Deutschland im Umgang mit der Reichsbürgerszene entwickelt hatte. Sie versuchte unter anderem eine künstlerische Sprache für den Sturm auf das Kapitol, der sich am 6. Januar 2021 ereignete, zu finden.
Naumann untersuchte die Rolle der Möbel während des Angriffs: Sie dienten sowohl als Waffen als auch als Schutz, als Barrikaden für Abgeordnete. Diese Doppelrolle nutzte sie für eine Installation, in der sie aus schweren Holzmöbeln im Stil des Kapitols eine Art Monument oder Barrikade baute. Die Möbel standen dabei zugleich für die Stabilität und die Fragilität der Demokratie.
Angriffe und Schutz seien „aus dem gleichen Holz geschnitzt“, erklärte sie. Statt Originalstücke zu verwenden, sammelte sie ähnliche Möbel aus Privathaushalten in New York. So brach sie das Staatliche auf das Private herunter und zeigte, dass der Staat aus eben dieser privaten Sphäre hervorgeht.
Mit ihren Möbelskulpturen war Naumann institutionell und kommerziell sehr erfolgreich. Umso bemerkenswerter war ihr Entschluss, schließlich etwas Neues zu wagen, die Möbel hinter sich zu lassen. Sie wandte sich stärker der Recherche zu, entwickelte unter anderem Lecture-Performances. Ihr Werk war gerade erst im Übergang zu etwas Neuem.
Gestalterin des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig
Naumann und die vietnamesisch-deutsche Künstlerin Sung Tieu waren erst im vergangenen Jahr als Gestalterinnen des Deutschen Pavillons bei der Kunstbiennale 2026 in Venedig ausgewählt worden, die vom 9. Mai bis 22. November geplant ist und neben der documenta in Kassel als wichtigste Präsentation zeitgenössischer Kunst gilt.
Das für den Pavillon zuständige Institut für Auslandsbeziehungen sprach von einer „schmerzhaften Lücke“. Mit ihr verliere man nicht nur eine bedeutende Vertreterin der deutschen Gegenwartskunst, sondern auch eine warmherzige, wache und hoch engagierte Persönlichkeit.
Es sei Naumann wichtig gewesen, die Arbeit konzeptionell zu vollenden und fertig zu stellen, damit sie gemäß ihrer künstlerischen Vision umgesetzt werden könne, hieß es.
Der Pavillon wird also wie geplant realisiert, auch wenn die Umsetzung nun andere übernehmen werden. Sicher ist: Man wird Henrike Naumanns Version im Deutschen Pavillon sehen – ein Auftritt, der ihr sehr wichtig war. Er dürfte ein großer, denkwürdiger Moment werden.