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Buchkritik | Beitrag vom 18.09.2019

Heller und Wiedemann: "The Illustrator"Ein Hoch auf die Kunst der Illustration

Von Anne Kohlick

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Das Cover des Buches "The Illustrator". (Taschen Verlag / Deutschlandradio)
In dem dicken Band "The Illustrator" sind die 100 besten Illustratorinnen und Illustratoren der Gegenwart versammelt. (Taschen Verlag / Deutschlandradio)

3,5 Kilogramm schwerer, 600 Seiten dick: Die Herausgeber des Buchs wollen die 100 besten Illustratoren der Welt vorstellen. Sie zeigen deren Werke und bringen den Leser zum Nachdenken, zum Lachen – und dazu, den Band immer wieder aufzuschlagen.

Eine Bananenschale und eine Scheibe Fleischwurst: Das reicht dem Illustrator Hanoch Piven, um Donald Trump darzustellen. Er legt beides auf ein Blatt Buntpapier – die Banane oben als gelbe Haartolle, darunter die Wurst mit einem runden Loch als aufgerissener Mund – und fotografiert das Arrangement. Mit dieser witzigen Bildidee hat der Künstler aus Israel es in einen Bildband geschafft, der verspricht, die 100 besten Illustratorinnen und Illustratoren der Gegenwart zu versammeln.

Überall sind Illustrationen

Die Auswahl haben die beiden Herausgeber des dreieinhalb Kilo schweren Buches getroffen: der US-Amerikaner Steven Heller und Julius Wiedemann aus Brasilien. Beide sind Experten für Design. Heller hat als Artdirector der "New York Times" gearbeitet und einen Masterstudiengang für Illustration mit ins Leben gerufen, Wiedemann ist Herausgeber der Buchreihe "Illustration Now", die seit 2006 Trends in der Illustration beleuchtet.

Auf mehr als 600 Seiten feiert der opulente Bildband das Spektrum, das Illustrationen heute haben. Längst sind sie nicht mehr nur in Büchern oder Magazinen zu finden, sondern gefühlt überall: auf Verpackungen, Kleidungsstücken, in der Werbung oder auf Social-Media-Plattformen. Hatte Steven Heller vor ein paar Jahren in einem Vorwort zur "Illustration Now"-Reihe noch befürchtet, es ginge bergab mit der Illustration in Zeiten der Digitalisierung, zeigt sich jetzt: Das Gegenteil ist der Fall.

Neue Möglichkeiten durch den Computer

Im digitalen Zeitalter kommunizieren wir mehr über Bilder als je zuvor. Das birgt Chancen für Illustratorinnen und Illustratoren, nicht nur weil sich ihnen durch Computerprogramme wie Illustrator oder Photoshop andere Möglichkeiten eröffnen als mit Stift und Pinsel. Das Netz kann Karrieren plötzlich beschleunigen – wie die von Eiko Ojala aus Estland. 2013 ging seine Arbeit "Vertical Landscape" viral. Schnell folgten Aufträge von Unternehmen wie HBO für den heute 37-Jährigen.

Die Lebensgeschichte Ojalas, wie die der 99 anderen, schildert ein kurzer Text. Es gibt kein Ranking, geordnet wird nach dem Alphabet. Kern des Buches sind die großformatigen Abbildungen von Zeichnungen, Collagen, Aquarellen, Computergrafiken. Sie zeigen, wie unterschiedlich Illustrationen sind: detailverliebt oder abstrahiert, knallig bunt oder schwarzweiß, inspiriert von Popart oder Comics.

Newcomer sind in "The Illustrator" genauso vertreten wie etablierte Größen, zum Beispiel der international erfolgreiche Christoph Niemann, der auf Instagram fast eine Million Follower hat. Längst stellt er in Galerien aus.

Mehr Mut zur Individualität

Die Grenze zwischen freier Kunst und kommerzieller Illustration verschwimme zusehends, schreibt Steven Heller. Lange galten Illustrationen als "das Stiefkind der Kunstwelt", jetzt nähere sich die Gattung der L'art pour l'art – der Kunst als Selbstzweck.

Dieses Selbstbewusstsein, der Mut zu Individualität und zum politischen Statement, spiegelt sich in hunderten Illustrationen, die das Buch versammelt. Und sie bringen zum Nachdenken, zum Lachen und dazu, diesen Bildband immer wieder aufzuschlagen.

Steven Heller und Julius Wiedemann: "The Illustrator. 100 Best from around the World"
Texte auf Deutsch, Englisch und Französisch
Taschen, Köln 2019
664 Seiten, 50 Euro

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