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Im Gespräch | Beitrag vom 29.06.2021

Helge Schneider"Ich bin Erzähler, Musiker und Auftreter"

Moderation: Annette Riedel

Der Musiker und Entertainer Helge Schneider (Helge Schneider)
Der Musiker Helge Schneider liebt das Spontane und will sich auf Konzerte oder Interviews nicht vorbereiten. (Helge Schneider)

Helge Schneider entschied sich schon als Jugendlicher gegen den Fassonschnitt und für eine ungepflegte Zottelmähne. Er lebt die Kunst der Improvisation, am Klavier und auf der Bühne. Mit neuem Album geht der 65-Jährige jetzt wieder auf Tournee.

Unzählige Auftritte hat Helge Schneider bis heute hinter sich gebracht, ob als Zwölfjähriger im elterlichen Wohnzimmer – "Ich habe schon als Kind die anderen ein bisschen genervt, indem ich Fratzen geschnitten habe" – oder später auf der Bühne.

In Erinnerung sind ihm besonders zwei Erlebnisse geblieben. Da ist einmal der Auftritt Mitte der 70er-Jahre in Westberlin. Helge Schneider spielt in dieser Zeit in einem Jazz-Duo. Die Sex Pistols hatten abgesagt, Schneider soll einspringen.

"Da standen dann Plakate: 'Sneider, der Sünder aus dem Ruhrgebiet.' Und wir machten ja so harmlosen Jazz. Ich bin dann mit Grippe aufgetreten. Da waren so zehn Leute, mehr kamen nicht."

Dann war da dieser sehr spezielle Abend, ein Auftritt unter Coronabedingungen. Masken, Tests, die Karten gab es nur online, das ausgedünnte Publikum, mit viel Abstand, war für Helge Schneider kaum zu erkennen. Plötzlich gingen dem, der die Kunst der Improvisation liebt, die Ideen aus: "Dann kamen mir so Gedanken in den Sinn, was ist denn, wenn die 76-jährige Martha Schrader gerne mal zu einem Konzert gehen will? Sie hat aber kein Internet. Solche Sachen gehen mir während des Auftritts durch den Kopf. Und nach 40 Minuten fiel mir nichts mehr ein. Ich wollte eigentlich nach Hause gehen."

Talent und Geduld

Das machte Helge Schneider nicht, er spielte stattdessen Musik und wusste nach diesem Abend: "Jetzt können wir überall spielen."

Wie das Gespräch im Radio, lässt der Musiker und Kabarettist die Dinge gern auf sich zukommen, er liebt das Spontane. "Ich freue mich immer, auf die Bühne zu treten. Ich bereite mich, wenn es geht, vorher überhaupt nicht darauf vor."

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Seine Erfahrungen als Musiker sind an dieser Stelle sicher wichtig, denn schon als junger Künstler war bei seinen Auftritten mit dem Jazz-Duo Improvisation gefragt. "Talent kann man nicht lernen, aber improvisieren kann man sich schon draufschaffen, wenn man Geduld hat. Man muss sehr viel Geduld haben, der Erfolg stellt sich langsam ein."

Husten bei der "Mondscheinelise"

Den größten Erfolg hatte der Mann mit der Zottelmähne in den 90er-Jahren, plötzlich sangen alle "Katzeklo". An diesem Lied wird er bis heute gemessen und muss auch Kritik einstecken, wenn, wie in diesen Tagen, seine neue Platte erscheint. "Ich mache das, was ich als Künstler verantworte, was ich gut finde. Wenn dann jemand sagt: 'Die Platte ist aber doof, weil da ist jetzt nicht so was drauf wie 'Katzeklo', dann kann man ja sagen: 'Katzeklo' gibt's ja, das hatten wir ja schon."

Bei "Mondscheinelise", also eine Mischung aus Beethovens "Mondscheinsonate" und "Für Elise", ist vielleicht der Helge Schneider zu erleben, wie ihn viele erwarten. Er sitzt am Klavier und hustet. Erst dezent, später so stark, dass man glaubt, der Mann würde ersticken.

"Klassische Musik und Husten, das hat mich immer interessiert. Und wenn dann einer sich räuspert, dann ist das so, als würde eine Bombe einschlagen."

Das Klavier ist nur eines der Instrumente, die Helge Schneider beherrscht. Er gilt als Multi-Instrumentalist. "Das wird mir nachgesagt, das stimmt natürlich nicht ganz. Gelernt habe ich Klavier und Cello." Selbst beigebracht hat er sich "alles, was ich verwerten kann. Zum Beispiel Saxofon, Trompete, Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug, Vibrafon."

So chaotisch wie Schneiders Auftritte erscheinen, liest sich auch seine Biografie. Die Schule hat er abgebrochen. "Mit 13 Jahren habe ich meine erste Zigarette geraucht und gemeint, ich werde jetzt erwachsen und ich brauche ja eigentlich gar nicht mehr zur Schule."

Der Junge aus der Arbeiterschaft war auf dem Gymnasium eher der Einzelgänger. Als "Außenseiter" habe er sich aber nicht gefühlt. "Ich fand mich als besonders cool, was ich auch bin. Und ich habe daraus geschöpft, dass ich mich nicht so ernst nehmen muss. Und wo andere Leute Angst haben, beispielsweise bei Prüfungen, das habe ich alles links hinter mir liegen lassen. Weil ich wusste, ich bin Musiker."

Maurer, Zimmermann und Gärtner

Von seiner Kunst konnte Helge Schneider erst Jahre später leben, mit 26, als er zum ersten Mal Vater wurde. Zuvor schlug er sich auf dem Bau durch, war Maurer und Zimmermann, jobbte als Landschaftsgärtner.

Ende der 70er-Jahre häuften sich die Auftritte, auf den Bühnen, im Fernsehen, in Filmen, auch in den eigenen. Später schrieb er auch Bücher. In seinen Krimis ermittelt, wenig überraschend, "Kommissar Schneider".

Jetzt, mit 65 und im besten Renteneintrittsalter, will Helge Schneider reduzieren. Filme drehen, Bücher schreiben, das möchte er nicht mehr. "Ich trete nur noch auf, das kann ich am besten. Ich bin Erzähler, Musiker und Auftreter. Das will ich in meinen letzten 40, 50 Jahren bleiben."  Im Sommer wird Helge Schneider aber erst einmal auf Tournee gehen, am Schlagzeug wird sein jüngster Sohn sitzen.

Und wenn die Auftritte wegen Corona abgesagt werden? "So ist das Leben, das ist improvisieren."

(ful)

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