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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.07.2017

Hélène Cixous: OsnabrückKomplexe Liebeserklärung an Maman

Von Katharina Döbler

Die französische Autorin, Essayistin und Dramatikerin in ihrer Wohnung in Paris (AFP / Fred Dofour / Passagen Verlag)
Die französische Autorin, Essayistin und Dramatikerin Hélène Cixous in ihrer Wohnung in Paris (AFP / Fred Dofour / Passagen Verlag)

Die französische Autorin Hélène Cixous hat ein Buch über ihre Mutter geschrieben, die 1937 in Osnabrück geboren wurde. Ihre Leser lässt Cixous inspiriert, irritiert und auch ein bisschen beglückt zurück.

Osnabrück – das muss für französische Ohren sehr exotisch klingen. Sehr deutsch. Man darf mutmaßen, dass Hélène Cixous, die dem Klang der Worte in ihren Texten einen hohen Stellenwert einräumt, dieses Wort als Titel gewählt hat, weil er zugleich so fremd und so konkret wirkt. Deshalb passt er perfekt zu diesem Buch.

Osnabrück ist die Stadt, in der Eve Cixous, die Mutter der Autorin, als Eva Klein in eine jüdische Familie geboren wurde - eine Familie, deren Überlebende inzwischen über viele Länder verstreut sind.

Maman als konstante Bezugsgröße

Hélène Cixous selbst ist 1937 in Oran, Algerien, geboren. Ihre Mutter Eve taucht in vielen ihrer Bücher auf – als konstante Bezugsgröße, als ein Wesen, das geliebt und fremd, nah und fern, aber immer da ist.

So direkt und so persönlich wie in diesem Buch, das im Original bereits 1999 - kurz nach Eve Cixous' Tod - erschien, hat die Tochter aber noch nie von ihr geschrieben.

Sie umkreist diese Frau mit ihren Worten, holt sie manchmal ganz in den Text hinein und geht an anderen Stellen wieder auf beschreibende Distanz:

"Sie hat einen Körper nach ihrer Vorstellung, exakt, nützlich, gemäßigt, nicht sinnlich. Sie unterhält ihn, wäscht ihn (...), kommandiert ihn. Frottiert ihn. Trägt ihn aufgerichtet. Nie sah man meine Mutter auf allen Vieren. Die Strenge ihrer Seinsgewissheit. Ihr Vermiedenes. Ihre Evigkeit."

Wort, Blick, Gefühl, Urteil gehen ineinander über

Ich zitiere das deshalb so ausführlich, weil hier das Schreibverfahren der gelegentlich als kryptisch, manieriert, hermetisch bezeichneten Postrukturalistin Cixous auf so einleuchtende Weise zwingend erscheint. Wort, Blick, Gefühl, Urteil gehen nahtlos ineinander über. Das sind die Momente, an denen dieses Buch großartig wird: Wenn Eindruck und Ausdruck sich in einem Satz treffen.

Viele der Wortspiele und klanglichen Assoziationen (wie etwa "Eve" und "rêve", Traum) sind unübersetzbar, und Esther von Osten hat sich viel Mühe gegeben, das Mögliche zu übertragen – wie die schöne "Evigkeit" – und das Übrige zu erklären.

Es sei ein Buch ohne Ereignis, schreibt Cixous über dieses Werk: "Das Ereignis ist Eve." Eine Erzählerin aber ist sie ohnehin nie gewesen: Sie ist eher eine leidenschaftliche Schreiberin, die ihre eigenen Worten und Figuren ständig beobachtet, darauf aus, ihnen auf der Spur zu bleiben und sich von ihnen überraschen, gelegentlich auch mitreißen zu lassen.

Die nicht-gemeinsame Vergangenheit als Hintergrund

Ihr Mutter-Tochter-Buch ist vor allem eine Betrachtung: der letzten gemeinsamen Gegenwart und der gemeinsamen Vergangenheit - Maman und ihre beiden Kinder, der frühe Tod des Vaters – vor dem Hintergrund der nicht-gemeinsamen Vergangenheit: Osnabrück, die Stadt, das Milieu, das Eva Klein geformt hat.

Hélène Cixous, die selbsternannte Protagonistin des "Weiblichen Schreibens", lässt mit dieser behutsamen und komplexen Liebeserklärung ihre Leser wieder einmal inspiriert, irritiert - und auch ein bisschen beglückt zurück.

Hélène Cixous: Osnabrück
Aus dem Französischen von Esther von der Osten
Passagen Verlag, Wien 2017
195 Seiten, 26,00 Euro

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