Seit 14:05 Uhr Kompressor
Montag, 20.09.2021
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.10.2011

Held und Mistkerl zugleich

Buch der Woche - Walter Isaacson: "Steve Jobs", Bertelsmann, München 2011, 704 Seiten

Steve Jobs trat sympathisch auf - doch er konnte auch anders. (picture alliance / dpa / John G. Mabanglo)
Steve Jobs trat sympathisch auf - doch er konnte auch anders. (picture alliance / dpa / John G. Mabanglo)

In seiner Biografie über den verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs beschreibt Walter Isaacson die zwei Seiten eines Genies. Einerseits war Jobs ein kreativer Visionär und hatte die Gabe, Menschen zu begeistern. Andererseits galt er als Narzisst - und als soziale Niete sondergleichen.

Steve Jobs, der Charismatiker, der "eine Delle im Universum" hinterlassen wollte, war tatsächlich ein intuitives Genie: Das ist die eine Gewissheit, die Walter Isaacsons Biografie verfestigt. Vom "Macintosh", der die Heimcomputer-Revolution eingeleitet hat, über den "iPod", der den mobilen Musikkonsum neu definierte, das "iPhone", das Handys zu digitalen Vielzweck-Geräten machte, das "iPad", mit dem die Tablet-Geräte (in den USA) populär wurden, bis hin zum "App Store" und der "iCloud" haben Jobs' Projekte den Alltag der Nutzer und ganze Industrien verändert. Apple und Pixar Animation Studios, auf deren Filme (u. a. "Toy Story") die mitproduzierende Disney Company neidisch war, wurden dank Jobs wertvolle Weltfirmen.

Walter Isaacson schildert die atemberaubenden Erfolge und namhaften Misserfolge Jobs' minutiös und spannungsreich. Dank ausführlicher Gespräche mit Jobs selbst sowie mit dessen Freunden und Feinden kann der Autor, Spezialist im Genre Biografie, viel wörtliche Rede integrieren und ein Maximum an Nähe zu den Ereignissen erzeugen. Issacson behält alle wirtschaftlichen und technischen Details im Auge, ohne sich in ihnen zu verlieren. Er porträtiert den noch lange Jahre ungeduschten Ex-Hippie, LSD-Konsumenten und Zen-Buddhisten Jobs als kreativen Visionär, der sich zwischen Natur- und Geisteswissenschaften agieren sah, eine beispiellose Integration von Hardware und Software anstrebte und in den Apple-Produkten Kunst, Design und Technologie unter der Maßgabe von Einfachheit und Schönheit verschmolz.

Die andere Gewissheit: Steve Jobs war - nicht in jeder Lebenslage, aber in vielen - ein "Arschloch", wie Isaacson schreibt. Das ist genauso bekannt wie der Genie-Aspekt, verdichtet sich aber über 700 Seiten zu einem verblüffend abstoßenden Charakterbild, das Jobs' smarten Selbstinszenierungen bei den berühmten Präsentationen neuer Produkte hohnspricht. Der narzisstische Apple-Boss mit dem penetranten Auserwähltheits-Syndrom war eine soziale Niete sondergleichen. Er machte Ideen von engsten Mitarbeitern jähzornig nieder, um sie nächste Woche als grandiose eigene Erfindung zu reklamieren. Wenn ihm der Kamm schwoll, titulierte er Vertragspartner als "fucking dickless assholes". Leezy Sculley, die Frau von Jobs' Freund und nachmaligem Feind John Sculley, Apple-CEO ab 1983, hielt dem Wüterich vor: "Wenn ich Ihnen in die Auge blicke, sehe ich einen bodenlosen Abgrund, ein schwarzes Loch, Leere."

Der nüchterne Isaacson kritisiert, ohne polemisch zu werden. Nie vergisst er über der Monstrosität des Helden dessen sympathische Seiten. Der notorische Apfel-Liebhaber konnte Herzen im Vorbeigehen entflammen, und dies nachhaltiger als sein Konkurrent Bill Gates. Das überträgt sich bei der Lektüre genauso wie die irre Intensität und Konzentration Jobs'. Schon todkrank, begrüßte er Barack Obama mit den Worten "Sie steuern auf eine einmalige Amtszeit zu" und erklärte dem US-Präsidenten, wie die Aufgaben besser zu erledigen wären.

Man wird dankbar, dass Jobs, der Mann ohne Anstand und Gnade, kein Politiker geworden ist oder gar Militär. Seinen Biografen hatte sich der Kontrollfreak schon frühzeitig ausgesucht. Isaacson, kaum zu glauben, sollte indessen schreiben, was er wollte: "Es ist dein Buch. Ich werde es nicht einmal lesen." Und so beschrieb Isaacson packend und gründlich einen Januskopf: "Held/Mistkerl". Zuletzt, wenn's wahr ist, bemerkte Jobs, dass Sterben wie das "Klick" beim Ausschalten eines Computers sei: "Vielleicht habe ich es deshalb nie gemocht, Ein- und Ausschaltknöpfe in Apple-Geräte einzubauen." Steve Jobs ist tot. Die Legende lebt.

Besprochen von Arno Orzessek

Walter Isaacson: Steve Jobs. Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers.
Aus dem Amerikanischen von Antoinette Gittinger u.a.
Bertelsmann, München 2011
704 Seiten, 24,99 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur