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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.04.2011

Heinrich-Böll-Stiftung: Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist Kriegstaktik

Vorstandsmitglied zu Vergewaltigungen in Libyen

Barbara Unmüßig im Gespräch mit Ute Welty

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Es gibt Berichte, dass Gaddafis Soldaten systematisch vergewaltigen. (picture alliance / dpa)
Es gibt Berichte, dass Gaddafis Soldaten systematisch vergewaltigen. (picture alliance / dpa)

Berichte über systematische Vergewaltigungen von Frauen durch Soldaten des libyschen Herrschers Gaddafi haben Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, geschockt, aber nicht überrascht. Vergewaltigungen seien im jedem Krieg Teil der Taktik, betonte sie.

Ute Welty: Die Frühausgabe der "Ortszeit" am Donnerstagmorgen. Der Krieg, so lehrt Clausewitz, ist eine bloße Fortsetzung der Politik unter Einbeziehung anderer Mittel. Und die Fortsetzung des Krieges, das ist unter Umständen die Vergewaltigung von Frauen, so geschehen am Ende des Zweiten Weltkrieges im ehemaligen Jugoslawien, und jetzt wohl auch in Libyen. Ein Arzt berichtet von allein rund 100 Opfern in Bengasi durch Gaddafis Soldaten.

Barbara Unmüßig aus dem Vorstand der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung beschäftigt sich schon seit längerem mit dem Thema Kriegsverbrechen gegen Frauen. Guten Morgen, Frau Unmüßig!

Barbara Unmüßig: Guten Morgen!

Welty: Überrascht haben dürften Sie diese Nachrichten aus Libyen ja nicht, oder?

Unmüßig: Schockiert schon, überrascht nicht, weil es in der Tat so ist, dass Vergewaltigung in jedem Krieg Teil der Kriegstaktik ist und Gott sei Dank mittlerweile ja auch als Kriegsverbrechen geahndet werden kann, wenn es denn Anklagen gibt und Verfolgung später gibt.

Welty: Aber gibt es denn wirklich in einer Armee den ausdrücklichen Befehl, loszumarschieren und Frauen zu vergewaltigen? Der allgemeine Eindruck ist doch eher, dass es sich um bedauerliche Übergriffe und um persönliches Fehlverhalten einzelner Soldaten handelt.

Unmüßig: Nein, man kann eigentlich schon sagen, dass zum Krieg es dazugehört, nicht nur militärischen Drill einzuüben, sondern auch speziell, sadistisch zu sein und den Gegner sexuell zu erniedrigen. Da eben auch Sexismus Teil des Drills ist und wohl auch Teil der Gruppenidentität, müssen wir leider davon ausgehen, dass Krieg – und das war auch im Zweiten Weltkrieg so, Sie erwähnten es schon –, ganz klar zum Teil der Erniedrigung und der Kriegstaktik gegenüber dem Gegner gehört. Es sind keine individuellen Fehlverhalten, sondern leider ganz normale – muss man so sagen – Folgen des Krieges und die Erniedrigungsstrategie gegenüber den Feinden.

Welty: Aber gibt es den ausgesprochenen Befehl oder ist das so eine – ja, wie soll ich sagen – so ein unausgesprochenes Votum, dass das eben auch dazugehört?

Unmüßig: Es gehört dazu, ich sagte schon, sadistische und sexistische Erniedrigung wird auch eingeübt, sie zählen zum Teil zum Aufnahmeritus in eine Rebellengruppe, sie zählen als Bewährungsprobe, sie zählen eben auch als Bewährungs- und Mutprobe und als Teil der Strategie. Es ist sehr schwer, nachzuweisen, ob Vergewaltigung auf Befehl passiert ist, aber wir erleben ja, dass es keine individuellen Vergewaltigungen sind, sondern sehr oft Gruppenvergewaltigungen, es sind Gruppenvergewaltigungen, wo 30, 40 Männer in Dörfern Frauen vergewaltigen.

Es gibt ganz unterschiedliche Formen, das ist sehr elend, darüber zu reden, aber es sind in der Regel eben keine individuellen Verfehlungen, die im Verborgenen stattfinden, sondern offen, und die Männer treiben sich auch untereinander an, und es gehört eben auch leider zum Ritus und zur Trophäe.

Welty: Eine Vergewaltigung bedeutet die vollständige Unterwerfung der Frau, getroffen werden aber auch die Männer, die gegnerischen Männer. Inwieweit?

Unmüßig: Es geht eben auch darum, die Identität, den Familienzusammenhalt zu zerstören, und in vielen Gesellschaften ist es ja vor allem auch so, dass die Ehre der Männer verletzt und getroffen wird, wenn ihre Frauen oder ihre Familienangehörigen, auch die Schwestern, die Mütter, die Ehefrauen vergewaltigt werden, und der Ehrenkodex, der dann leider auch dazu führt, dass Frauen, die vergewaltigt wurden, vom feindlichen Gegner dann eben auch ausgestoßen werden, ausgeschlossen werden, nicht mehr in den Familienzusammenhang zurückgenommen werden. Da geht es also darum, dass Männer auch getroffen werden sollen, durch den Verlust dann eben auch ihrer weiblichen Angehörigen. Es geht hier wirklich um Erniedrigung, um Demütigung, um Zerstörung jeglicher Form der Zugehörigkeit, des Zusammenhalts, und ich denke, das macht ja auch aus, warum so gezielt Frauen vergewaltigt werden, weil es nicht nur das individuelle Opfer ist, sondern auch der Clan, die Ethnie, der Stamm, die Nation, alles Mögliche wird dabei ja auch mit gedemütigt und überwältigt.

Welty: Wenn wir jetzt das aktuelle Beispiel Libyen durchdenken, welche Folgen für eine libysche Gesellschaft nach einem Bürgerkrieg wird das haben?

Unmüßig: Ich meine, überall, wo Krieg herrscht, gibt es Brutalität, gibt es Zerstörung, gibt es Gewalt, Einschüchterung, Todesdrohungen, Todesängste, und Vergewaltigung ist ein Teil dieser Zerstörungsmacht, und alle Gesellschaften, die solche Brutalität erleben, sind hoch traumatisiert. Und das Problem ist einfach, dass es in kaum einer dieser Kriegsgesellschaften oder Postkriegsgesellschaften dann auch eine gründliche Bearbeitung dieser Traumata gibt.

Leider ist es ja auch so, dass die Folge von Traumatisierung dann wieder Gewalt ist. Viele Männer, die erlebt haben, dass ihre Frauen vergewaltigt wurden, vergewaltigen dann ihrerseits wieder als Rache. Es ist ein Teufelskreis der Gewalt, der nur durchbrochen werden kann, indem es eben auch wirklich Traumabearbeitung gibt, und das fehlt oft in der Postkonfliktverarbeitung. Das fällt oft völlig flach.

Welty: Von wem kann diese Hilfe kommen? Auch von Ihnen als Böll-Stiftung?

Unmüßig: Wir arbeiten zum Beispiel mit Polizistinnen und Polizisten zusammen, mit Richterinnen und Richtern, weil es ja genau darum geht, auf dieses Problem der Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt hinzuweisen, und hier auch spezielle Hilfsangebote zu machen, hier zu sensibilisieren, Bewusstsein zu schaffen, Menschen das Recht geben, für ihre Rechte einzutreten, das ist ein erster wichtiger Schritt.

Welty: Barbara Unmüßig in Deutschlandradio Kultur. Danke für das Gespräch und viel Erfolg für Ihre Arbeit bei der Böll-Stiftung!

Unmüßig: Ja, auch Ihnen herzlichen Dank für das Gespräch, wiederhören!

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