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Tonart | Beitrag vom 15.02.2018

Heimatbegriff und die MusikVolksmusik heißt immer auch integrieren

Wolfgang Meyering im Gespräch mit Carsten Beyer

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Bilder des Tages: Die Band Höhner mit Sänger Hennig Krautmacher vor Traditionscorp Altstädter am 08.02.2018 auf der Bühne am Alter Markt in Köln. An Weiberfastnacht wird traditionell der Straßenkarneval auf dem Kölner Alter Markt eröffnet.  (Horst Galuschka / imago stock&people)
Sänger Hennig Krautmacher von der Band Höhner vorm Traditionscorp Altstädter in Köln: Volksmusik und ein Stück Heimat (Horst Galuschka / imago stock&people)

Wenn die Große Koalition kommt, entsteht auch ein Heimatministerium. Kann sich das positiv auf das Verhältnis der Menschen zur musikalischen Tradition und zu Volksliedern auswirken? Der Journalist und Musiker Wolfgang Meyering sieht mehr Chancen auf Ebene der Länder.

Mit dem Begriff "Heimat" haben viele Musiker in Deutschland ihre Probleme: Das hat nicht zuletzt mit der deutschen Geschichte zu tun und mit dem bösen Spiel, das die Nazis und auch die SED mit dem Heimatlied getrieben haben.

Heimat, Volkslied, Heimatministerium

Heimat und überhaupt das deutsche Volkslied, das wurde oft gleichgesetzt mit Hurrapatriotismus und Deutschtümelei. Wie aber ist das heute, in einer Zeit, in der zunehmend neurechte Gruppierungen den Begriff "Heimat" für sich vereinnahmen? Bietet möglicherweise das Heimatministerium, das die Bundesregierung einrichten möchte, die Chance gegenzusteuern?

Wir haben den Journalisten und Musiker Wolfgang Meyering gefragt, ob die Chance besteht, dass durch die Einrichtung eines Heimatministerium und dem verstärkten Augenmerk auf die Regionen und das Zuhause der Menschen deren Verhältnis zu ihrer eigenen musikalischen Tradition und Volksliedern neu verstanden wird?

"Da bin ich eher skeptisch. Das Heimatministerium soll sich ja in erster Linie, wenn ich es richtige verstanden, habe, um Infrastruktur-Dinge kümmern, dass ländlicher und städtischer Raum gleich gestellt werden."

Vom Fußballgesang bis zum Kunstlied 

Was passieren könnte, so Meyering, sei, dass die Heimatverbände die Möglichkeit nutzen, die Menschen mit der eigenen Kultur vertraut zu machen. In Mecklenburg-Vorpommern etwa mache der Heimatverband so etwas mit Unterstützung der Landesregierung.

"Es gibt da ein Programm: ‚Meine Heimat. Mein modernes Mecklenburg-Vorpommern‘. Und da sollen die Menschen eben an die eigene Kultur herangeführt werden. Da geht es eben auch um Volksmusik, da geht es um Lied – dass man auch weiß, was das bedeutet. Das ist ja nicht immer ganz einfach. Heimat und Volkslied sind ja Begriffe, die für die meisten Menschen sehr vage sind. (...) Für den einen sind Fußballgesänge eine Art von modernen Volksliedern, und für andere sind es eben Lieder, die hunderte Jahre alt sind, aber es kann eben auch ein Kunstlied wie 'Am Brunnen vor dem Tore' sein, das zum Volkslied geworden ist."

Auch wenn Meyering nicht so viele praktische Impulse durch das Heimatministerium erwartet: Wenn man den Rechtspopulisten den Begriff "Heimat" nicht überlassen will, könnte ein Heimatministerium möglicherweise den Trend setzen für ein neues Verständnis von Heimat?

Studiengänge für Volksmusik

Meyering hält das vor allem auf Länderebene für denkbar.

"Es gibt ja in vielen europäischen Ländern die Möglichkeit, Volksmusik zu studieren, sich also intensiv damit zu beschäftigen, auch diese Volksmusik weiter zu entwickeln. Also Studiengänge, wo man sich mit Volksmusik beschäftigt und dann auf der Basis von Volksmusik eine neue, eine zeitgemäße Volksmusik erschafft."

Das sei sicherlich etwas, was man anschieben könnte.

"Volksmusik und Heimat haben ja durchaus was gemeinsam. Sie sind etwas, was sich auch immer verändern muss, um am Leben erhalten zu bleiben. Sie muss sozusagen immer auch Neues aufnehmen, um nicht museal und tot zu werden, sondern, sie muss sich beeinflussen lassen. Und das ist etwas, was man auf diese Art durchaus erreichen könnte."

Meyering räumt ein, diese Sicht sei durchaus ambivalent, es gebe gewiss auch Hardliner, die sagten "Es muss genauso bleiben wie es vor hundert Jahren war", aber diese Vorstellung funktioniere eben in der Realität nicht. So sei die vermeintliche authentische "Stubenmusi" in Bayern erst in den 50er Jahren entstanden, sie sei also eine neue Tradition.

Beim Nachbarn Klauen und Einverleiben

"Es gibt diesen schönen Spruch, 'Tradition in Sachen Volksmusik bedeutet auch, die schönsten Stücke von seinen Nachbarn klauen und sie zu seinen eigenen machen', also sie einzuverleiben und sie auf die eigene Art zu interpretieren. Das ist etwas, das Volksmusik und Heimat miteinander verbindet, dass man Sachen integriert, dass man sich dessen immer bewusst ist, was das eigene Erbe und was auch die eigene Heimat ist. Und das ist im Prinzip in den letzten fünfhundert Jahren auch in Deutschland  immer wieder praktiziert worden."

Das Gros der Musiker beschäftige sich interessanterweise weniger mit der eigenen Tradition. Er habe das Gefühl, dass viele Musiker, junge Musiker auch, in Deutschland auf der Suche seien nach einer Tradition, mit der sie sich identifizieren könnten, aber sich eher einer anderen Tradition zuwendeten, sei es aus Irland, aus Südamerika oder aus Frankreich, oder aus der Mongolei oder wo auch immer her.

(mf)

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