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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.06.2011

Heimat verwunschen

Nora Bossong: "Sommer vor den Mauern", Carl Hanser Verlag 2011, 96 Seiten

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Oft ist es nur ein Blick, der dem Licht folgt, ein Nebel im Äther. (Stock.XCHNG / John S)
Oft ist es nur ein Blick, der dem Licht folgt, ein Nebel im Äther. (Stock.XCHNG / John S)

Nora Bossongs Lyrikband gliedert sich in acht Abteilungen, die Einblick in reale und symbolische Geschichtslandschaften, aber auch in verschlossene, innere Räume geben. In "Besetzte Bezirke" entführt uns die 1982 in Bremen geborene Lyrikerin in ihre "Mutterstadt". Doch die heimatlichen Gefilde scheinen seltsam verwunschen und wie in einen Schleier gehüllt.

Vielleicht liegt es ja an den "Bremer Stadtmusikanten", jenen vier "Landsflüchtigen", welche die poetische Heimkehr mit dem aufmunternden Spruch: "Zieh lieber mit uns fort. Was Besseres als den Tod findest du überall", orakelnd begleiten. Vorbei an bekannten Wahrzeichen der Stadt wie der Rolandsfigur und den Wallanlagen zieht es das lyrische Ich hinaus zur Künstlerkolonie Worpswede, in jene "hundertstimmige Landschaft", wie der Dichter Rainer Maria Rilke den Ort nannte. Auch sie scheint entrückt und wie von einer Kälteschicht überzogen zu sein: "Über die Wiese ist Frost gezogen./ Winterbäume. Eine Krähe ringt mit der Eisluft". Im Gedicht "Barkhof" begegnet das lyrische Ich der im Alter von 31 Jahren verstorbenen Künstlerin Paula Modersohn-Becker, die noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist: "ich schlafe nicht gut ich atme nicht gut/man ruft nach mir: Paula". Es ist ein fast somnambuler Trip durch das Stummsein einer Gegend, das von einer "Wandgraden zur nächsten" reicht und in der "alles protestantisch" erscheint.

Nora Bossong schreckt in ihrer zweiten Gedichtsammlung – 2007 erschien ihr lyrisches Debüt "Reglose Jagd" - nicht vor den "Großen Exerzitien" zurück, vor allem dann nicht, wenn sie sich als "zoologische Verwirrung" erweisen und am Hang der Bambus zittert. Im Mythos von "Arkadien" schielt sie nicht nach einem verheißungsvollen Dasein jenseits des Zwanges, sondern erprobt ein lyrisches Sprechen, das vom Dahinter der Dinge kündet. Derart gestimmt, lässt sich auch in einer Schafherde ein "Revolutionäres Idyll" entdecken, der beim Grasen im endlosen Watt die Freiheit "unters Fell" kriecht.

Einen transatlantischen Spagat vollführt die Autorin schließlich in "Neue Alte Welten". Geschickt navigierend zwischen dem "Vertikalkreis, Trinity Church", "Orbit, Union Square" und "Provision, Wall Street" heißt es in "Navigation, 49th Street": "ich wollte/ das Land vom Raum aus verstehen, Topographie/ an meinen Fingern ablesen", doch "diese Stadt war ein Fluchtpunkt aus Punkten gebaut".

Flüchtig und punktuell erweisen sich auch Nora Bossongs lyrische Gebilde. Oft ist es nur ein Blick, der dem Licht folgt, ein Nebel im Äther und ein Zittern der Glieder oder ein Falter, der im Teelicht verzischt. Die Gedichte suggerieren eine räumliche Nähe, die als poetische Ferne wahrgenommen wird. Sie leben von einer sprachlichen Distanz, die mit der Überblendung von Sinnstrukturen arbeitet. Es sind kluge und sprachlich elegante Metamorphosen im Vorübergehen, die alles verändern – und ein Lesevergnügen der besonderen Art darstellen.

Besprochen von Carola Wiemers

Nora Bossong: Sommer vor den Mauern, Gedichte,
Band 18 der Edition Lyrik Kabinett bei Hanser,
Carl Hanser Verlag 2011, 96 Seiten, 14,90 Euro

Links bei dradio.de:
Kritik: Schule des Spurenlesens <br> Nora Bossongs zweiter Roman "Webers Protokoll"

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