Heilung eines Alkoholkranken

Der Alkohol wurde Olivier Ameisen fast zum Verhängnis. © AP
13.09.2009
Olivier Ameisen ist das Kind polnisch-jüdischer Eltern, die den Holocaust nur knapp überlebt haben. 1953 in Paris geboren wächst er in gut situierten Verhältnissen auf.
Geld, Bildung, vornehme Freunde bestimmen sein Leben. Er sieht gut aus, ist ein hervorragender Schüler und begabter Klavierspieler, mit Aussichten auf eine Laufbahn als Pianist. Bereist mit 16 Jahren macht er Abitur. Er studiert Medizin. Erfolge lassen nicht lange auf sich warten. Olivier Ameisen wird Leibarzt des französischen Premiers. 1983 geht er als Kardiologe in die USA, um am New York Hospital und am Cornell University Medical College zu arbeiten. 1991 nimmt er die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Es ist ein Leben wie im Traum, ein Leben auf der Überholspur. Wären da nicht die sich schleichend steigernden Panikattacken und unerklärlichen Ängste, die Olivier Ameisen immer wieder heimsuchen. Um sie wegzudrücken, greift der Kardiologe immer häufiger zum Glas. Als die eigene Praxis nicht ganz so gewinnbringend läuft, wie von dem erfolgsverwöhnten Mann erwartet, steigt der Druck ins Unermessliche. Der Alkohol wird zum ständigen Begleiter.
Im März 1997 kommt es zum Kollaps: Stark blutend und ohne genaue Erinnerung findet sich der damals 44-Jährige in der Notaufnahme seines Krankenhauses wieder. Was folgt, liest sich wie das Tagebuch eines Schwerkranken: Delirium tremens, Nierenversagen, Leberschäden, epileptische Anfälle, Knochenbrüche, Bewusstseinsverlust, Halluzinationen. Es folgen Entgiftungen, Klinikaufenthalte, Entziehungskuren, Therapien und die Mitgliedschaft bei den Anonymen Alkoholikern.
Doch die Gier nach Alkohol siegt immer wieder. 1999 kehrt Olivier Ameisen nach Paris zurück: Er ist ein menschliches Wrack. Seine Praxis hat er geschlossen; seine Stelle am Krankenhaus aufgeben. Der Arzt ist selber zum Patienten geworden.

Schonungslos offen schreibt Olivier Ameisen über seinen Niedergang, über seine verzweifelten Versuche dem Teufelskreis zu entfliehen. Das hat Sogwirkung. Seite für Seite taucht man tiefer ein in den Abgrund der Sucht und erlebt: Alkohol kennt keine sozialen Grenzen. Im Suff sind alle arme Schlucker, die Mitleid verdienen und vor allem ärztliche Hilfe. Alkoholismus ist eine schwere Krankheit, schreibt Ameisen, die in erster Linie psychische und damit biologische Ursachen hat. Von letzterem ist der heute Genesen fest überzeugt. Erst wenn man diese Ursache beseitigt, kann man auch die Sucht besiegen. Bei Ameisen ist es die Angst, die er mit dem Alkohol betäubte. Wäre die Angst weg, so seine Theorie, dann würde er mit dem Trinken aufhören. Seine Ärzte sehen das genau anders: Die Angst sei ein Symptom der Sucht.
2002 stößt Olivier Ameisen durch Zufall auf Baclofen, ein Medikament gegen Muskelkrämpfe, das in Versuchen eine positive Wirkung gegen Alkoholismus zeigte. Der Arzt in ihm fängt Feuer und beginnt zu recherchieren. Er liest Fachzeitungen, sucht Kontakt zu Suchtexperten und beginnt schließlich Baclofen im Selbstversuch zu testen – mit Erfolg. Innerhalb kürzester Zeit nimmt sein Verlangen nach Alkohol ab und er wird clean. Ameisen ist sicher: Das Medikament hat ihm die Angst genommen und damit auch die Sucht. Mehr noch: Baclofen ist - seiner Meinung nach - das Mittel der Wahl für Langzeitalkoholiker wie ihn. Dafür wirbt er. Er schreibt einen von Sachverständigen bestätigten Bericht über seine Erfolge, sucht die Öffentlichkeit. Aber so einfach will die Fachwelt seine Heilung nicht anerkennen. Man begegnet ihm skeptisch bis ablehnend.
Auch davon erzählt sein Buch: Vom Kampf um Anerkennung, um die Erforschung und Zulassung von Baclofen für Suchtkranke, von den Gesetzen der Forscherwelt, laut derer Veröffentlichungen in angesehenen Fachmagazinen wie Lancet nötig sind, um Gehör zu finden. Genau das will Ameisen mit der Veröffentlichung seiner Heilung erreichen, er will die Experten zwingen, Baclofen im großen Stil bei Suchterkrankten zu testen.

Dazu braucht er Betroffene, die durch seine Geschichte ermuntert werden, sich ebenfalls auf eine solche Behandlung einzulassen. Um zu überzeugen, hat er akribisch recherchiert, er nennt Studien, erklärt die Bedeutung von "off label use", erläutert mögliche Nebenwirkungen. Das list sich überzeugend und ist ausführlich mit Quellangaben belegt. Schnell wird klar, hier schreibt ein Arzt, ein Insider des Medizinbetriebes. Das ist spannend. Ob Baclofen aber tatsächlich die Entdeckung ist, für die Olivier Ameisen sie hält, wird wohl erst die Zukunft zeigen.
Besprochen von Kim Kindermann

Olivier Ameisen: Das Ende meiner Sucht
Aus dem Englischen von Ursel Schäfer
Antje Kunstmann Verlag 2009
320 Seiten, 19,90 Euro