Heilende Krämpfe

Die Linderung bei schwerer Depression kann im Gehirn ausgelöst werden. © unibo.it
Von Stephanie Kowalewski · 20.02.2011
Depression ist die häufigste pyschische Erkrankung in Deutschland. In manchen Fällen helfen Medikamente oder Verhaltens- und Gesprächstherapien nicht weiter. In solch einer Situation sehen rund zwanzig Prozent der Betroffenen Selbstmord als einzigen Ausweg. Doch Patienten, die unter schweren Depressionen leiden, können von Krampfanfällen, die bewusst in ihrem Gehirn ausgelöst werden, profitieren.
"Es werden jetzt erst mal ganz viele Kabel bei ihnen angebracht. Nicht erschrecken. Einmal am Kopf, um die Hirnströme zu messen, am Brustbereich, um das Herz zu kontrollieren und den Blutdruck."

Der Patient, nennen wir ihn Klaus Müller, leidet seit rund zehn Jahren an schweren Depressionen. Als dann auch Medikamente und Psychotherapien wirkungslos blieben, ist die Magnetkrampftherapie seine letzte Hoffnung. Jetzt liegt er entspannt auf der Liege, während Sarah Kayser, Fachärztin für Psychotherapie am Bonner Universitätsklinikum, ihm die Sensoren anlegt. Dann bekommt Klaus Müller ein muskelentspannendes Mittel und wird für nur wenige Minuten in eine Vollnarkose versetzt.

"Jetzt trete ich an den Kopf des Patienten und setzte ihm die Micky Maus-Ohren auf."

Was Sarah Kayser als Micky Maus-Ohren beschreibt, sind zwei große schwarze kopfhörerähnliche Spulen, die sie oben auf den Schädel des Patienten legt.

"'"Jetzt stelle ich das Gerät ein. Achtung ist ziemlich laut.""

Einhundert mal pro Sekunde erzeugen die Spulen nun ein so starkes Magnetfeld, dass im Gehirn des Patienten ein Krampfanfall ausgelöst wird. Sechs Sekunden lang, dann ist die Behandlung vorbei und der Patient erwacht aus seiner Narkose.

"Seit über hundert Jahren weiß man, dass solche generalisierten Krampfanfälle eine Heilwirkung bei Depressionen haben können","

sagt Professor Thomas Schläpfer, stellvertretender Direktor der Uniklinik für Psychiatrie und Physchotherapie in Bonn. Derzeit werden die heilenden Krämpfe weltweit jedoch noch mit der sogenannten EKT, der Elektrokrampf-Therapie ausgelöst, bei der über Elektroden am Kopf des Patienten ein schwacher elektrischer Strom in das Gehirn geschickt wird. Obwohl rund 80 Prozent der Patienten erheblich von der EKT profitieren, hat diese Behandlung ein schweres Imageproblem. Schuld ist der Film "Einer flog über das Kuckucksnest" in dem der Schauspieler Jack Nicholson mit einer Elektrokrampf-Therapie behandelt wurde. Und zwar ohne Narkose und ohne muskelentspannende Medikamente.

""Und das sieht wirklich sehr unschön aus. Das ist eine uralte Form der Anwendung, die seit vielen, vielen Jahren nicht mehr so gemacht wird. Heute macht man das unter Vollnarkose und Muskelrelaxation. Und von dem kriegt der Patient selber nichts mit und seine Umgebung, die das beobachtet, auch nicht."

Zusätzlich zu den bis heute bestehenden Vorbehalten gegen die Elektrokrampf-Therapie, hat sie einige unschöne Nebenwirklungen. So klagen viele Patienten über Schwindel und kurzzeitige Gedächtnisstörungen. Nebenwirkungen, die die Magnetkrampf-Therapie nicht aufweist. Die Bonner Mediziner sind weltweit führend bei der Behandlung schwer depressiver Menschen mit der sogenannten MKT, bei der der gewünchte Krampf nicht mit elektrischem Strom sondern mit starken Magnetfeldern ausgelöst wird.

Bislang wurden rund 30 Patienten so behandelt, sagt Sarah Kayser:

"Und das wirklichTolle ist, dass es genauso gut antidepressiv wirkt wie die EKT. Wobei wir bei dieser geringen Patinetenzahl noch sehr sehr vorsichtig sein müssen. Aber wir können bei unserer doch geringen Zahl von Patienten sagen, es wirkt genauso gut, ist aber besser verträglich und ist besser akzeptiert."

Doch was genau bei einem solch bewusst ausgelösten Krampf im Gehirn des Patienten geschieht, ist nach wie vor ein Rätsel. Vermutlich ist es ähnlich wie bei einem abgestürzten Computer, erklärt Thomas Schläpfer, der nach dem Neustart wieder einwandfrei funktioniert.

"Und vermutlich ist das genau das Gleiche mit dem Hirn: Gleich nach dem Krampf sehen wir eine Unterdrückung der normalen Hirnaktivität, die wir mit der Hirnstromkurve messen, die sich dann langsam innerhalb einer Minute oder so wieder auf eine normale Aktivität einstimmt."

Klaus Müller hat inzwischen zwölf MKT-Behandlungen hinter sich. Damit ist seine Magnetkrampf-Therapie vorerst abgeschlossen. Mit sehr gutem Erfolg, wie er meint:

"Die beiden anderen Bahnen, die wurden auch beschritten: Psychotherapie und die Behandlung mit Psychopharmaka. Aber ich würd doch sagen, die Hauptauswirkungen hatten die MKT. Es hat sich sehr gelohnt. Die Stimmung hat sich aufgehellt und auch der Antrieb hat sich gesteigert. Und das war ja beides bei mir auf nahezu Null. Es ist einfach wieder Leben im Vollsinne."

Erfahrungsgemäß hält die postive Wirkung der Krampftherapie jedoch nur rund ein halbes Jahr. Dann muss sie wiederholt werden, sagt Thomas Schläpfer.

"Und es gibt in der Tat Menschen, die alle sechs Wochen eine Anwendung brauchen und dafür sympthomfrei bleiben. Man nennt das Erhaltungstherapie."
Noch stehen die Bonner Mediziner zwar am Anfang ihrer Studie, doch aufgrund der guten Erfolge hoffen sie, dass die gut verträgliche Magnetkrampftherapie in Zukunft die Elektrokrampf-Therapie ablösen wird.
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