Heidelberger Stückemarkt

Großes Theater aus Spanien

08:28 Minuten
Zwei Frauen und vier Männer in wahnwitzigen Kostümen stehen auf einer Bühne. Ein Mann trägt Stöckelschuhe und Glitzerrock, die Frau neben ihm Glitzerweste, kurze Hosen und Schnürstiefel.
Othello auf spanische Art, in der Inszenierung von Marta Pazos auf dem Heidelberger Stückemarkt. © Estrella Melero
Marie-Dominique Wetzel im Gespräch mit Eckhard Roelcke · 08.05.2022
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Das Gastland Spanien konnte in Heidelberg überzeugen. Die Themen sind ähnlich wie hierzulande: Klimakrise, Kampf um sexuelle Selbstbestimmung. Aber die Theatersprache unterscheidet sich deutlich. Auch aus Deutschland gab es Spannendes zu sehen.
Nach zehn Tagen Theater stehen beim Heidelberger Stückemarkt nun die Auszeichnungen fest. Der auf 10.000 Euro dotierte Autor:innenpreis geht an Ivana Sokola für "Pirsch". Das Stück handelt von sexuellem Missbrauch: Marinka kehrt nach Jahren in ihren Heimatort zurück. Auf dem Dorffest kommen Erinnerungen an ein ähnliches Fest vor Jahren auf, seit dem sie nicht mehr tanzen mag.
Was genau passiert ist, bleibt unausgesprochen. Ihr Bruder meint, es sei nur ein Traum. Die Polizistin findet die Vorwürfe zu vage. Da Marinka kein Opfer sein will, wird sie zur Jägerin. Mit einem Rudel Jagdhunde macht sie sich daran, in dem Dorf die Männer zu jagen. Dabei sind die Hunde eine Art griechischer Chor, die das Geschehen brutal kommentieren.

Guter Text, aber sehr leise

Präsentiert werden die Werke beim Heidelberger Stückemarkt als szenische Lesung. Der Text steht also im Vordergrund. "Es ist zweifelsohne ein guter Text", sagt Theaterkritikerin Marie-Dominique Wetzel. Sokola habe eine sehr kunstvolle, eigenwillige Sprache: "Sehr poetisch, sehr theatral."

Die Preise beim Heidelberger Stückemarkt:

  • Autor:innenpreis: Ivana Sokola "Pirsch"
  • Internationaler Autor:innenpreis: María Velasco "Ich will die Menschen ausroden von der Erde"
  • Jugendstückepreis: Schauspiel Hannover"Vater unser"
  • Nachspielpreis: "Ode" von Thomas Melle in der Inszenierung am Schauspiel Köln
  • Publikumspreis: Leo Meier "zwei herren von real madrid"
  • SWR2 Hörspielpreis: Leo Meier "zwei herren von real madrid"

Im Programm des Stückemarkts gab es auch ein weiteres Stück, das sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt auseinandersetzt: "Judith Shakespeare - Rape and Revenge" von Paula Thielecke. "Es geht nicht nur um einen konkreten Übergriff von Männern an Frauen, sondern die patriarchalen Machtstrukturen werden aufgegriffen. Thieleckes Sprache ist sehr viel wuchtiger, wütender, direkter, zeitgenössischer", sagt Wetzel. Wurde mit Sokola die richtige Dramatikerin geehrt? Hier fühlt sich die Theaterkritikerin "hin und her gerissen".

Starke Stücke aus Spanien

Gastland in Heidelberg war in diesem Jahr Spanien. Die gezeigten Stücke fand Wetzel stark. Aus Spanien komme "eine andere Theatersprache. Der Internationale Autor:innenpreis geht an María Velascos "Ich will die Menschen ausroden von der Erde". Darin geht es um eine Frau, die im Angesicht der ökologischen Krise um ihre Selbstermächtigung kämpft.
Und es gab eine Othello-Inszenierung von Marta Pazos aus Galicien zu sehen. Erzählt wird dabei konsequent aus der Perspektive von Othellos Frau Desdemona. Und nicht nur das: Sie spricht auch fast alle Texte. Die anderen Schauspieler bewegen dazu nur ihre Lippen. "Das war ein raffinierter Kunstgriff und eine lebendige Inszenierung mit sehr viel Drive", sagt Wetzel.
(beb)

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