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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.04.2016

"Heidelberger Romantik" einst und jetzt Immer noch ein Ort der Phantasie und Magie

Von Matthias Kußmann

Einer der bedeutendsten Vertreter der Romantik - der Schriftsteller Achim von Arnim. (pichture alliance )
Einer der bedeutendsten Vertreter der Romantik - der Schriftsteller Achim von Arnim. (pichture alliance )

Um 1810 lebten viele Autoren in Heidelberg: etwa Achim von Arnim und Clemens Brentano. Die Aufbruchsstimmung der "Heidelberger Romantik" ging in die Literaturgeschichte ein. Für viele zeitgenössische Schriftsteller ist die Stadt auch heute noch ein magischer Ort.

 "Alt Heidelberg, du feine, / du Stadt an Ehren reich / am Neckar und am Rheine, / kein´ andre kommt dir gleich …"

Ja, "Alt Heidelberg" … Joseph Victor von Schef­fel schrieb das Gedicht 1852, es wurde vertont und ist das wohl bekannteste Heidelberg-Lied. Scheffel hatte dort ein paar Semester studiert, aber später ist er kaum zurückgekehrt. Merkwürdi­g: Viele Autoren, die Hei­del­berg bejubelten und zum Mythos der Stadt beitrugen, lebten dort nur kurz oder waren auf Durch­reise. Heidelberg sehen, jubeln und dann nix wie weg.     

"Die Stadt in ihrer Lage und mit ihrer ganzen Um­gebung hat, man darf es sagen, etwas Ideales, das man sich erst recht deutlich machen kann, wenn man mit der Landschaftsmalerei bekannt ist und wenn man weiß, was denkende Künstler aus der Natur genommen und in die Natur hineingelegt haben. Ich ging in Erinnerung früherer Zeiten über die schöne Brücke und am rechten Ufer des Neckars hinauf. Etwas weiter oben, wenn man zurücksieht, sieht man die ganze Stadt und die ganze Lage in ihrem schönsten Verhältnisse ..."

… schreibt Geheimrat Goethe 1797 ins Tagebuch – und zieht weiter, auch er bleibt nicht in Heidelberg. Aber er hat recht. Die Alte Brücke aus rotem Sand­stein, der Neckar, die Alt­stadt, da­hin­ter Wald, Hügel und Schlossruine: Das ist, wenn auch tot-­fotografiert, im­mer noch schön. 11 Millionen Touristen im Jahr. Früher rauschte der Fluss, heute rasen die Autos links und rechts der Ufer, so ist das.

Ankunft Clemens von Brentanos

Sieben Jahre nach Goethe kommt ein junger Herr aus Göt­tin­gen in die Stadt, Clemens von Brentano. Er wird mit Achim von Arnim die "Heidel­berger Romantik" be­gründen. Brentano überquert die Brücke und geht erst mal in den "Hecht", das erste Haus am Platz.

 "Er war ja auch wohlhabend, er konnte in den "Hecht" gehen, der normale Student vielleicht nicht un­be­dingt. 400 Studenten in Heidelberg 1805, 50 Do­zen­ten. Die Uni war eine Zwergschule, wenn man so will."

Der Heidelberger Schriftsteller Michael Buselmeier ist einer der besten Kenner der Stadt, in der er fast das ganze Leben verbrachte. Nach `68 war er einer der führenden Köpfe der dortigen Studenten­bewe­gung. Gerade sind im Heidelberger Morio-Verlag seine lesenswerten Kindheitserinnerungen erschie­nen, "Ende des Vogelgesangs" heißt das Buch. Wir treffen uns, wo sonst, an der Alten Brücke. Busel­meier macht seit Jahrzehnten lite­rarische Füh­run­gen durch Heidelberg, allerdings ohne jede Verklärung. Wie war das da­mals um 1800, als Brentano den Kollegen Arnim in die Stadt holte?

"10.000 Einwohner, 400 Studenten. Zur selben Zeit gab es 400 Pferde, 400 Schweine, 400 Kühe. Das Kleinvieh war nicht 400, das war viel mehr. Alles in die Altstadt, in die Straßen, die nicht gepflastert wa­ren, meistenteils nicht gepflastert waren. Den Leu­ten ging´s nicht gut. Dieser Lärm und die Geräusche, die Ge­­­­ruchskulisse waren sicher hoch. Heute ist alles viel reinlicher und letztlich im Schnitt auch leiser. Es war eminent laut in der Stadt. Die Karren, die Wagen machten Lärm, die Tiere machten Lärm, die Altstadt-Buben machten Lärm, viele Kinder der verarmten Leute. Den Leuten ging´s nicht gut, nein."

Im Bürgertum sind "Spießer und Philister"

Brentano und Arnim, beide adlig, wenden sich ge­gen das Bürgertum, das um 1800 selbst­be­wusst wird und zu Reichtum kommt – für die jungen Herren sind es Spie­ßer und Philister. Sie kriti­sie­ren die Auf­klärung, zu verkopft, kein Gefühl, vor allem: keine Poe­sie. Wo bleiben die Mythen, die Mär­chen, das Ir­ratio­nale? Als dann auch noch Napoleon das "Heilige römische Reich deut­scher Nation" be­endet, reicht es Brentano und Arnim. Ab 1806 geben sie die Sammlung "Des Kna­ben Wunder­horn" he­raus – deutsche volkstüm­liche Texte, die damals nicht zum lite­ra­­ri­schen Kanon zählen, heute schon.

"Wir retten die alten Dinge, wir retten die alten Häu­ser, die alten Literaturquellen! Und dann machen sie ne Zeitung, "Zeitung für Einsiedler", das ist das zweite Werk. Die erschien 1808 ein paar Monate lang, zwei oder drei Mal in der Woche. Sie wollten ne un­glaublich super romantische Zeitung machen, das heißt Gedichte, Lieder, alte Sachen, vergessene Sachen, mittelalterliche Sachen. Immer Mittelalter, Mit­tel­alter. Alte Bilder, lauter alte schöne Sachen, die nichts mehr gelten in dieser verkomme­nen Zeit, in der wir leben. Ein unglaubliches Unbe­hagen an der Gegenwart – so wie ich´s heute auch an der hiesigen Gegenwart empfinde. Aber damals war das das Ge­­gen­programm: die Tradition, unsre Tradition, deut­sche Tradition! Das wollten sie machen."

Der Heidelberger Romantik geht die sogenannte Früh­romantik in Jena voraus. Auto­ren und Philo­so­phen wie Schlegel und Schelling wollen, dass Le­ben und Dichtung ineinander aufgehen. "Romantisch" bedeutet damals einfach "ro­man­haft" und hat nichts mit dem Kitsch zu tun, der heute als "romantisch" gilt, Stich­wort Son­nen­­unter­­­gang ... Alle literari­schen Gat­tun­gen sollen zu­sammengeführt werden, Prosa, Ly­rik, Drama, auch Phi­lo­sophie, Kritik, Kunst und Wis­­sen­­schaft – eine "Univer­sal­­poesie".

Die Heidelberger fol­gen ihren Vor­gängern, haben aber nicht mehr deren Schwung. In der "Zeitung für Ein­siedler" be­kriegen sie sich zu­nehmend mit Professor Johann Hein­rich Voß, einem Anhänger der Klassik und der Französischen Revo­lution. Der Schriftsteller Buselmeier:

"Es war ne schöne poetische Zeitung eigentlich, aber irgendwie auch schräg und verrückt. Und nach ich glaube 40 oder 37 Nummern war aus, hat keiner mehr Lust ge­habt. 1808, der letzte geht. Arnim ver­lässt Heidel­berg, November 1808, verlässt das "kalte Neckar­loch", heißt es anklagend, niemand will hier mehr blei­ben. Nur diese Aufklärer sind noch da, die­se wi­der­lichen, die haben den Platz nicht geräumt – die haben gewonnen, die blieben da. Die romanti­schen Geister gingen."

Friedrich Hölderlin sieht sich als "vertriebenen Wanderer" 

Auch Joseph von Ei­chen­­dorff zählt zur Heidelberger Romantik, obwohl er nur kurz dort studiert. Doch er wird stark von den Volksliedern des "Knaben Wun­der­­­horn" geprägt; später schreibt er sehnsüchtig über die Stadt. Der junge Friedrich Hölder­lin aus dem schwä­bischen Nür­tingen ist offenbar noch kürzer da, nur zwei Mal, durch­reisend, beschreibt Buselmeier:.

"1795 ist er auf dem Rückweg von Jena, da war er wohl gescheitert, er wollte wohl in Jena landen und war gescheitert, geht zurück nach Nürtingen zu seiner Mamá."

 "Ein vertriebener Wanderer, der vor Büchern und Menschen floh …"

 … notiert Hölderlin. Doch dann schreibt er eine Ode mit dem schlichten Titel "Heidelberg". Eine Ko­pie der Handschrift liegt heute feierlich in einer Vitrine im Ger­ma­nistischen Institut der Uni, Haupt­straße 207.

 "Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust, / Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied, / du, der Vaterlandsstädte / Ländlichschönste, so viel ich sah …"

Michael Buselmeier beugt sich über die Vitrine.

"Er kannte Heidelberg im Grunde kaum, eigentlich gar nicht. Erstaunlich, dass der ein der­ma­ßen groß­arti­ges Gedicht gemacht hat. Das beste Heidelberg-Gedicht wahrscheinlich immer noch, für alle Zeiten."

 "… Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal, / an den Hügel gelehnt, oder dem Ufer hold, / deine fröhlichen Gassen / unter duftenden Gärten ruhn."

Es ist heute kaum nachzuvollziehen, wo Arnim und Brentano in Heideberg wohnten. Sie waren meist "möblierte Herren" und wechselten oft die Zim­mer. Sicher ist, dass sie 1808 ein paar Monate in der Haupt­­straße 151 wohnten, in der heutigen Fuß­gän­ger­­zone. Schräg gegenüber biegen wir in einen ver­­­winkelten Hof.

 "Wir sind jetzt im Innenhof des Hauses Hauptstraße 146, in dem sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Verlag Mohr und Zimmer befunden hat, wo auch immer. Es war auch ein berühmtes Hotel "Zum König von Portugal" da drin, das hat wohl, würd ich mal annehmen, die größeren Teile bewohnt, das war ein großes Hotel. In diesen Räumen wurde der erste Band von "Des Knaben Wunderhorn" zusammen­gestellt. Das dauerte ewig, sodass Arnim und Bren­tano immer neue Gedichte einschleusen konn­ten ... Dröhnendes Geräusch unterbricht."

 Ein Flugzeug fliegt über uns hinweg. So was gab´s damals noch nicht.

"Ja gut, wir haben´s ja auch mit der Gegenwart zu tun, also auch mal ein kleines Flugzeug. Jedenfalls, Arnim und Brentano haben dauernd neue Gedichte noch eingeschleust in die Bände 2 und 3 von "Des Knaben Wunderhorn" …"

… die 1808 erschienen.

"Romantik ist ein abgenudelter Begriff"

Aber "wir haben´s ja auch mit der Gegenwart zu tun", genau. Wie steht es heu­te mit der Heidelberger Romantik, was ist von ihr geblie­ben?

"Romantik ist natürlich ein furchtbar abgenudelter Begriff, es ist auch ein Klischee: Romantik-Hotels, romantische Ferienwohnung an der Costa Brava, romantisches Dinner für zwei und solche Sachen …"

 … meint der Schweizer Schriftsteller und Übersetzer Ralph Dutli.

 "Dieses Erbe der Romantik ist natürlich da, es wird natürlich touristisch vermarktet, es ist eines der Etiketts, die Heidelberg eben trägt, die "Wiege der Romantik" oder die "Stadt der Romantik". Das ist aber eher der touristische Begriff und meint nicht diese geistige Revolution, die die Romantik bedeu­tete."

Die Romantik sei heute leider eine "verschüttete Epoche" deut­scher Kulturgeschichte, sagt Dutli.

"Wir sind von der Schule eher an Goethe und Schiller, an die Klassik, die Weimarer Klas­sik ge­wöhnt. Diese jungen Romantiker waren halt un­geheuer neugierige Leute, die wollten das Le­ben "poetisieren", berei­chern, auch eben die litera­ri­schen Genres erweitern, es war eine sehr ex­peri­men­­telle Epoche."

 Die romantische Romantheorie wirkt sogar in Dutlis neuem Roman fort, der im Wallstein Verlag erschie­nen ist.

"Mein neuer Roman "Die Liebenden von Mantua" ist inspiriert von einem romantischen Romanbegriff, von der Romantheorie Friedrich Schlegels. Dieser Ro­man träumt von einem neuen Romangenre, einer Mischgattung, die im Sinn Friedrich Schlegels alles umfassen würde: Traumprotokoll, Essay, natürlich auch einen Krimiplott, wie er vorhanden ist in mei­nem Roman."

Ralph Dutli: "Ich schätze diese Stadt ungemein"

Ralph Dutli lebte zehn Jahre in Paris, bevor er 1994 nach Heidelberg kam: Auf den Spuren des großen rus­si­schen Dichters Ossip Mandelstam, dessen Werk er ins Deutsche übertrug. Dutli gefiel es so gut in der Stadt, dass er bis heute geblieben ist. Mandel­stam dagegen war 1909-10 nur einige Monate dort, 100 Jahre nach der "Heidelberger Romantik".

"Ich hatte ein Humboldt-Stipendium, um die hier ent­standenen Jugend-Gedichte zu erforschen. Ich hab sie dann aber nicht in meine zehnbändige Mandel­stam-Aus­gabe aufgenommen, weil sie der russische Dichter selbst auch nicht in seine Bände aufnehmen wollte. Ich bin ihm da gefolgt und habe erst spät ge­merkt, dass ich einen Fehler begangen habe, in dem ich diese Jugendgedichte unterschätzt habe."

Jetzt hat er die Übersetzungen unter dem Titel "Man­delstam Heidel­berg" bei Wall­stein herausgegeben. - Für Hölder­lin war Heidelberg "der Vaterlands­städte Ländlich­schön­ste". Doch vom deutschen Pathos der Ro­mantik ist bei den heutigen Autoren nichts ge­blie­ben. Schon gar nicht bei Ralph Dutli, denn der ist Schweizer. Aber: 

"Hier sind meine beiden Kinder aufgewachsen, meine fran­­­­zösische Frau fühlt sich auch wohl in dieser Stadt, warum soll ich in nächster Zeit wieder um­ziehen? So lang ich hier gut schreiben kann, bleibe ich hier und schätze diese Stadt ungemein."

Ein Grund zu bleiben: Der wunderbare Sonnenuntergang

Ähnlich geht es der Schriftstellerin Jagoda Marinic. Als Kind kroatischer Einwanderer in Schwaben auf­gewachsen, kam sie 1997 nach Hei­del­­berg, nach dem Abitur. 

 "Einen Sommer durch Baden-Württemberg bin ich ge­reist, da gab es dieses Baden-Württemberg-Ticket, und hab mir alle möglichen baden-württem­bergi­schen Städte angeguckt. Und hab dann Heidel­berg gesehen bei einem wunderbaren Sonnenunter­gang spätabends, und hab gedacht: Könnte sein, dass es die Stadt wird, in der ich studieren möchte."

Jagoda Marinic studierte tatsächlich dort, lebte dann aber in verschiedenen Städten und Ländern, Berlin und New York waren auch dabei – und kehrte an den Neckar zurück.

"Weil ich dort sehr viel leichter geschrieben hab. Ich hab viel mehr geschrieben als in anderen Städten, und ich kam nicht so richtig weg."

Die Autorin liebt die Altstadt rechts des Neckars.   

"Dass man durch die Altstadt geht und immer die ähnlichen Menschen trifft. Dass ich weiß, wenn ich nachts dort und dort hin gehe, treffe ich den und den Mensch. Ich gehe in die MAX-Bar und es ist immer noch der Mann an der Bar, der mir den Kaffee bringt. Ich liebe dieses Leben von gestern, das sich da im­mer wieder abspielt – was einen an andren Tagen auch wieder nervt, man kann ja nicht immer das Le­ben von gestern leben. Aber es gibt eine ge­wisse Wiederholung, die mit die­ser Altstadt vor allem ein­hergeht, so ein eingespielter Mikrokosmos, den ich sehr schätze fürs Schreiben, aber auch fürs Le­ben. (…) An sich hat die Altstadt für mich tatsächlich vor allem nachts etwas eher Verzau­berndes."

Auf den Spuren des Irrationalen

In einem Aufsatz spricht Marinic von einem geradezu "magischen Denken", das Heidelberg präge.

"Ich konnte in dieser Stadt mir die Realität so ma­chen, wie ich es wollte. In einer Zeit wie heute ist so was wahr­schein­lich pathologisch, gleichzeitig hat es etwas sehr Schönes – dass man sich einwickeln kann in seine Phantasie, dass man Dinge behaupten kann, dass sie so geschehen, weil man sie vielleicht so gedacht hat und nicht anders. Heidelberg hatte eine Wechselwirkung zwischen dem, was in meinem Kopf stattfindet und dem, was außen stattfindet. Sei das, wenn ich für Geschichten oder Figuren Ant­wor­ten gesucht hab, dass ich sie dann in der Stadt fand. Oder sei das, dass mir manchmal, wenn ich mir Dinge gewünscht hab, sie mir aus der Stadt ent­ge­gen gebracht wurden, was mir in Berlin so nie pas­siert ist."

Da folgt Marinic durchaus der Heidelberger Ro­mantik mit der Neigung zu Phantasie und Ma­gie, zum Ir­rationalen. Deren Texte bleiben ihr dagegen eher fremd – "zu wenig Leben". 

 "Ich wusste nicht, wie viel die noch von der Gesell­schaft erwartet haben, oder von der Welt. Wie viel sie glaubten, dass sie tatsächlich verändern könnten, was über das Poetische hinaus ging."

Die literarische Romantik war von Gemeinschaft geprägt, so Ralph Dutli:.

"Die Romantiker, das war auch eine Freundschafts­kultur, eine Kultur des starken Austauschs, des gegenseitigen Befruchtens mit neuen Ideen, mit Experimenten."

 Gibt es derlei Austausch heute unter Heidel­berger Autoren? Die Antwort Dutlis:

 "Ich bin eher ein Eigenbrötler, ich mache zuhause meine Bücher und Projekte, ich reise durch Deutsch­land, die Schweiz und Österreich zu Lesungen, bin öfter unterwegs. Aber ich brauche jetzt kein kollek­tives Schaffen in dieser Stadt Heidelberg. Ich habe hier Lesungen, ich habe hier ein aufmerksames Publikum, das zu meinen Lesungen kommt und neugierig ist auf das neue Buch – aber ich bin nicht geeignet für irgendwelche kollektiven Initiativen, für Arbeitsgruppen wie sie gerade jetzt entstehen, nach­dem Heidelberg eine neue "City Of Literature", eine UNESCO-Literaturstadt geworden ist. Da gibt es diverse Initiativen, Autoren gruppieren sich und be­sprechen sich. Aber das ist nicht so ganz mein Ding, ich bin vielleicht zu sehr Eigenbrötler, mach meine Bücher und treib meine Projekte voran."

UNESCO-Titel "City of Literature" für Heidelberg

Im März 2014 bewarb sich Heidelberg bei der UNESCO um den Titel "City Of Literature", im De­zember `14 bekam sie ihn, als bisher einzige deut­sche Stadt. Bislang hat die UNESCO 20 Städte welt­weit als besonders "literarisch" erachtet, und die sollen sich, wie es so heißt, "ver­net­zen". Wie das geschieht und was es letztlich der Literatur bringt, nicht dem Stadtmarketing, bleibt abzu­war­ten.

Michael Buselmeier war von Anfang an gegen die Bewer­bung – weil die Geschichte Heidel­bergs darin kaum vorkomme, ebenso wenig wie das Buch, für ihn immer noch das litera­rische Medium.

"Das waren lauter Internet-Projekte! Zum Teil Prosa­-Sammlungen, in Englisch! Irgendwelche studenti­schen Anthologien und "Vernetzungen". Jedes dritte Wort war Vernetzung, Vermarktung, Verwurstung. Man will den aktuellen Schrott vermarktet und ver­netzt ..."

Jagoda Marinic, die nicht nur Schriftstellerin ist, son­dern auch das Heidelberger Interkulturelle Zentrum leitet, hat die Bewerbung unterstützt.

"Was ich jetzt sehen kann ist, dass es die Menschen unglaublich elektrisiert hat, dass ich merke, dass Ver­anstaltungshäuser sich alle jetzt ein literarisches Profil zulegen, dass man um Literatur wieder kämpft, dass auch das literarische Format einen hippen, coo­len Rahmen braucht, dass man junge Leute er­rei­chen will. Dass man da nen Weg zum Publikum sucht, den man, bevor man sich in diesen Bewer­bungs­prozess begeben hat, in diesem Ausmaß einer Stadt nicht mehr zugetraut hat."

Ob es aber dazu führt, dass sich plötzlich auch die Heidel­berger Autoren miteinander "vernetzen" und eine neue, zweite Heidelberger Romantik gründen? Die Meinung von Jagoda Marinic:

"Die Autoren heute – da glaube ich nicht, dass wir so ein starkes Netzwerk hätten. Das baut sich jetzt viel­leicht auf, durch die Aktivitäten der "Literaturstadt". Aber bis jetzt machen wir alle auf ne schöne Art jeder so sein Ding ..."

(Ende des Liedes "Alt Heidelberg du Feine")

"… geb ich dem Ross die Sporen / und reit ins Neckartal / und reit ins Neckartal!"

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