Heesters ist der liebe Gott

Johannes Heesters © AP
Von Christian Gampert · 11.06.2009
Johannes Heesters steht auch mit 105 Jahren noch auf der Bühne - im Alten Schauspielhaus in Stuttgart, als "Gott der Herr" in Hugo von Hofmannsthals "Jedermann". Wie gehen Theaterleute mit dem Tod um? Das ist das geheime Thema der Inszenierung von Klaus Hemmerle - sie ist handwerklich sauber, aber ohne Avantgarde-Ansprüche.
Johannes Heesters ist auf der Bühne noch sehr präsent, und wenngleich sein Auftritt als lieber Gott nur zehn Minuten dauert, so scheint das Theater doch ein Lebenselixier für den 105-Jährigen zu sein. Sagt jedenfalls Carl Philip von Maldeghem, Intendant des Stuttgarter "Alten Schauspielhauses". Er hat Heesters auf den Proben beobachtet und ist guten Mutes, dass der alte Herr auch die anstrengenden Ensuite-Vorstellungen des Hauses bewältigt – trotz Gebrechlichkeit und Todesnähe, die Heesters auch auf der Bühne nicht versteckt.

Theaterleute haben ständig ja mit dem Tod zu tun, denn dauernd wird auf der Bühne gestorben; nur der eigene Tod bleibt ein schwieriges Kapitel. Manche gehen mit der eigenen Krankheit eher bescheiden und diskret um wie der gerade gestorbene große Regisseur Jürgen Gosch; der frühere Aktionskünstler und Filmer Christoph Schlingensief dagegen versucht, die eigene Krankheit theatralisch zu bearbeiten, sich theateranalytisch in die eigene Angst hineinzuwühlen, und weil Schlingensief Kunst und Leben nie wirklich getrennt hat, ist das traurig und auf rührende Weise konsequent.

Ganz anders der einstmals geniale Peter Zadek, der sich kürzlich in Zürich, nach einer ziemlich altbackenen Shaw-Inszenierung, in schmuddeligem T-Shirt und Schlabberhose am Stock auf die Bühne führen ließ wie ein Clochard. Zadek ist 83 und sehr krank, und man hatte das Gefühl, hier will sich jemand verabschieden, er inszeniert ein Stück seiner Jugend und sagt Adieu.

Bei Johannes Heesters dagegen muss man befürchten, dass er auf offener Bühne sterben wird. Wer mit 105 Jahren und fast blind noch eine Premiere ansetzt, der will es wissen. Der Körper ist hinfällig und der Mann kann nur mühsam abgehen, aber die Stimme ist kräftig noch, mit viel Pathos und rrrollendem R, und man weiß nicht recht, kommt das nun aus den 30er- oder aus den 50er-Jahren, aus der Nazizeit oder aus dem deutschen Stadttheater. Auf alle Fälle ist Theatergeschichte präsent. Heesters geht nun nicht mehr ins Maxim zur lustigen Witwe, sondern beugt sich als Gottvater gleich zur ganzen Menschheit herab – in Hofmannsthals "Jedermann", also in einem sehr altmodischen und sehr allegorischen Stück, das den Fluch des Geldes und die Angst vor dem Tod zum Thema hat.

Regisseur Klaus Hemmerle setzt in Stuttgart den lieben Gott auf eine Bank und den Jedermann in ein Mercedes-Cabriolet, mit dem er dann an den Baum fährt und in dem er geläutert wird. Zwar ist es anfangs etwas seltsam, wie Jungmanager Jedermann Metren ins Handy bellt, aber insgesamt ist das eine handwerklich saubere Inszenierung ohne Avantgarde-Ansprüche - mit klarer, wenngleich konventioneller Schauspielerführung: Der Tod ist eine direktive junge Frau aus der Gruftie-Ecke, die Buhlschaft ein laszives blondes Vollweib und der Jedermann des begabten Matthias Hermann ein gehetzter Jungschnösel, der ziemlich bald um sein Leben bettelt, um einen letzten Aufschub.

Dass Johannes Heesters, dem Tode nahe, ausgerechnet den lieben Gott mimen darf, ist ein schöner Trick: sich selbst zum Richter machen, das ist es. Es dient der Angstreduktion. Und selbst die Atheisten unter uns wissen, dass der liebe Gott ein alter Mann ist. Einer wie Heesters.

Jedermann von Hugo von Hofmannsthal
Altes Schauspielhaus in Stuttgart
Regie: Klaus Hemmerle