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Die Reportage | Beitrag vom 02.02.2020

HawaiiObdachlos im Inselparadies

Von Dominik Schottner

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Abes Zeltverschlag am Fuße eines Vulkankraters.  (Holger Talinski)
Mit Blick auf den Pazifik: Abe lebt unterhalb eines Vulkankraters in einem Zeltverschlag. (Holger Talinski)

Menschen ohne Wohnung auf Hawaii: Viele von ihnen sind auf dem Weg aufs US-Festland hier gestrandet, sie kommen von den Inselstaaten im Pazifik. Für die Touristen sind die Obdachlosen kaum sichtbar, dafür sorgt die Polizei.

Abe geht nach Hause. Seit dem Frühjahr 2018 ist das am Fuße des Diamond Head, einem Vulkankrater am Rande von Honolulu, der Hauptstadt Hawaiis. Ein paar hundert Meter die Straße runter wohnen Menschen in Millionen Dollar teuren Villen, eine halbe Autostunde entfernt urlaubt Barack Obama im Winter in einem Luxusresort. An diesem kargen Hang ist außer Abe aber nur sein Adoptivsohn zu Hause.

"Ich mag das so", sagt er. "Mein Adoptivsohn da unten und ich hier oben. Mein Zeug ist dadurch sicher. Wir haben ja keine Türen."

Ein Leben ohne Türen, Wände, Schränke. Ohne "richtiges" Dach über dem Kopf: Abe ist obdachlos. Wie rund 6500 Menschen in Hawaii, laut der Statistik des Wohnungsbauministeriums in Washington. Oder sind es doch eher 15.000 wie der Vizegouverneur von Hawaii schätzt?

So oder so: Mehr Obdachlose gibt es im Verhältnis zur Bevölkerung gesehen nur im Staat New York und in Washington, DC. Klauen, sagt Abe, sei bei so vielen deshalb an der Tagesordnung. Aber nicht bei ihm.

Zuhause im Igluzelt

Abe ist 58 Jahre alt, gut 1,90 Meter groß, braungebrannt, der Oberkörper muskulös-sehnig, um die dünnen Beine flattern bunte Surfershorts. Er bietet mir einen Sitzplatz an. Abes Zuhause – ein einfaches Igluzelt ohne Außenhaut, das Gestänge offen sichtbar, darüber gespannt ein weißes, etwa acht Meter langes, altes Segel, gegen die Sonne.

Abe in seinem Zelt am Fuße eines Vulkankraters. (Holger Talinski)Abe in seinem Zelt: Früher war er Zimmermann, erzählt er. (Holger Talinski)

Überall liegen Klamotten auf dem Boden. In Taschen, erklärt Abe, würden sie feucht. So aber, auf dem Boden, halte er die Termiten fern. Seien ja gute Klamotten, fast neu. Daneben: Häufchen von Tabak, Tablettenpackungen, Gewürzdosen, Gaskocher, kaputte Kühltaschen, angenagte Isomatten. Und: Fahrradteile. Rahmen, Mäntel, Kurbeln, Sattel, Federgabeln, genug, um daraus mehrere Räder zusammenzubauen.

"Siehst du das Fahrrad da? Das hält mich am Leben", sagt Abe. "Schon immer. Ich bin nie vom Rad abgestiegen seit ich ein Kind bin. Es war immer mein Weg, mich zu erholen, meine Art in die Arbeit zu kommen. Dadurch bin ich gesund geblieben. Es ist meine Meditation, mein Transportmittel, alles. Ohne das Fahrrad wäre ich erledigt."

Früher war Abe mal Zimmermann. Ein sehr guter angeblich, der andere unter seine Fittiche nahm. Sein Zuhause war lange ein Wohnwagen, mit dem er von Job zu Job gefahren ist, vor allem entlang der Sierra Nevada an der Westküste, der Gegend aus der er stammt. Manchmal hat er auch im Zelt oder in seinem Truck geschlafen.

Meth, Kokain und Alkohol  

"Ja, Mann, ich war immer auf der Walz, mehr als 20 Jahre lang." Die einzige Konstante in Abes Leben: Drogen. Meth, Kokain, Alkohol, seit 40 Jahren. Um die Härten des Jobs zu ertragen.

Laut Schätzungen ist ein Viertel der Obdachlosen in den USA drogenabhängig. Was aber ist Ursache, was Wirkung? Treiben einen Drogen auf die Straße oder die Straße in die Drogen? Oder doch die Mietpreise? Ein Zimmer, Kochnische, 1500 bis 2000 Euro kalt, von Honolulu über San Francisco bis nach New York? Und warum lebt Abe eigentlich überhaupt auf der Straße, von Essensmarken und Spenden, wenn er so ein guter Zimmermann ist?

Er hält sich bedeckt: "Weißt du, ich habe einfach entschieden, mich zur Ruhe zu setzen. Ich habe kein Einkommen. Aber ich brauche und will auch nicht viel. Der Staat hilft mir beim Essen bekommen und ich sammle Spenden, um meine Sucht zu finanzieren."

Ein Schlafsack im Schatten eines Baumes dient als Schlafplätze auf der Waikiki Promenade. (Holger Talinski)Ein Schlafplatz für Obdachlose auf der Waikiki Promenade. (Holger Talinski)

Schwer zu überprüfen. Wie so vieles, was Abe erzählt. Immerhin: Seinen leiblichen Sohn finde ich bei Facebook: ein Fahrradmechaniker in Nevada. Seine Mutter rufe ich an, sie geht aber nicht an ihr Telefon. Fotos von seiner Zeit vor der Obdachlosigkeit besitzt Abe nicht. Nur seine Geburtsurkunde, ein Beweis seiner Existenz:

Spätsommer 2019, US-Präsident Donald Trump hält eine Wahlkampfrede in Ohio. Vor der Rede hatte sich Trump kaum für Obdachlose interessiert. Jetzt macht er auf ihrem Rücken Stimmung gegen die Demokraten, die viele große Städte und Staaten wie Kalifornien regieren.

Über eine halbe Million Obdachlose in den USA

Ja, bestimmte Gegenden in L.A. und San Francisco, aber auch in New York City, Atlanta oder Seattle sind von Obdachlosen gesäumt. 568.000 Menschen in den USA sind offiziell obdachlos, wieder mehr als 2017 und 2018. Was Trump dagegen tun möchte, ist bislang kaum bekannt.

Nur dass er, wie er dem Sender FOX sagte, in den Obdachlosen vor allem ein Problem für die sieht, die an ihnen vorbei zur Arbeit gehen müssen.

Ich teste das und gehe an zwei Dutzend Obdachlosen vor einem Bürogebäude vorbei zu meiner Arbeit, einem Interview. Kein Problem. In dem Gebäude ist eine Notunterkunft des Institute for Human Services, IHS, eine der größten Organisationen in Hawaii, die Obdachlosen hilft, von der Straße wegzukommen.

Die Notunterkunft ist in einem alten Lagerhaus in der Nähe von Downtown Honolulu untergebracht. Hohe Decken, graue Betonwände, Lastenaufzug.

Kimo Carvalho geht durch die Notunterkunft, deren Geschäftsführung er angehörte.  (Holger Talinski)Kimo Carvalho von der Hilfsorganisation IHS arbeitete früher als Sanitäter. (Holger Talinski)

Ich treffe Kimo Carvalho, bis vor kurzem Teil der IHS-Geschäftsführung. Er führt mich in einen hellblau gestrichenen Raum mit Computern. Hier können Obdachlose den Umgang mit dem Computer lernen. Ventilatoren verwirbeln die Hitze.

"Ein Sturm sozialer Probleme" 

Carvalho ist 34 Jahre alt, früher war er mal Sanitäter, jetzt trägt er ein hellblaues Hawaiihemd. Auf einem Tablet zeigt er mir eine Grafik: die Entwicklung der Obdachlosigkeit in den letzten 40 Jahren in Hawaii

"Diese Krise ist ja nicht neu", sagt er. "Nicht die eine Organisation, nicht die eine Partei hat daran Schuld. Es ist im Grunde ein Symptom für viele Entwicklungen, die über einen langen Zeitraum zu einem, wie wir es nennen, perfekten Sturm sozialer Probleme geworden sind."

Der Sturm kommt aus allen Richtungen: horrende Mieten, ausbaufähige Sozialpolitik, schlechte Versorgung psychisch Kranker, die Finanzkrise 2008, fehlender sozialer Zusammenhalt, Drogen. Carvalhos Organisation IHS kriegt von der Regierung Geld, um sich dem Sturm entgegenzustellen.

"Aber die Regierung hat seit zwölf Jahren ihre Zahlungen nicht erhöht, mit denen wir unsere Unterkünfte, die Verpflegung und Dienstleistungen finanzieren", erzählt er. "Deshalb muss ich privates Geld einwerben, nur um unseren Laden am Laufen zu halten und unseren Mitarbeitern konkurrenzfähige Löhne zu bezahlen. Und jetzt ist auch noch der Mindestlohn erhöht worden, das heißt wir müssen ihnen mehr zahlen. Die Regierung investiert einfach nicht in uns. Das ist so ein Beispiel, als ich vorhin meinte, der Regierung fehlt der politische Wille. Das Wohnungsbauministerium HUD gibt auch kein Geld für den Kampf gegen Obdachlosigkeit aus, keines für den sozialen Wohnungsbau. Der Status Quo ist unverändert."

Gar nichts stimmt zwar nicht – 2018 hatte das Ministerium angekündigt, mehr als zwei Milliarden Dollar zusätzlich bereitzustellen für Organisationen wie IHS. Aber Kritiker bemängeln, dass die Trump-Regierung das Geld zu langsam auszahle und so zeige, wie unwichtig ihr das Thema in Wahrheit ist.

Tagsüber schlafen, nachts arbeiten 

Wir sind im Familienschlafsaal der Notunterkunft. Eine blonde, schlanke Frau in ihren 50ern weckt die Langschläfer auf. Sie war früher selbst obdachlos, arbeitet jetzt für IHS. Es ist zehn Uhr morgens. Gut 100 Menschen können hier schlafen, Kinder, Frauen, auch Männer, solange sie zur Familie gehören.

"Du siehst hier einen offenen Schlafsaal, wo wir die Betten je nach Familiengröße so zusammenschieben können", sagt sie.

Der Saal erinnert mich an Unterkünfte für Geflüchtete. Wenig Privatsphäre, grelles Licht, laute Ventilatoren. 94 Tage leben die Menschen hier im Schnitt. Gehen arbeiten, zur Schule, navigieren mithilfe von Kimos Kollegen durch den Behördendschungel.

"Hier, direkt neben uns, ist eine Familie mit einem Mann, der nachts als Wachmann arbeitet. Für ihn lassen wir den Schlafsaal offen, damit er tagsüber schlafen und nachts arbeiten kann. Wir sichern ihm auch einen Teller mit Essen, damit er das essen kann, wenn er nach Hause kommt. Weil das ist hier ihr Zuhause. Hier können sie Post erhalten, ihre Sachen lagern. Viele Betten sind jetzt gerade leer, weil unsere Klienten daran arbeiten, der Obdachlosigkeit zu entkommen."

Ein Mädchen sitzt in einem Bett in einer Notunterkunft.  (Holger Talinski)Ein Mädchen in der IHS Notunterkunft nahe Downtown Honululu. (Holger Talinski)

Der extrem stattliche Wachmann fläzt in Shorts und T-Shirt auf einer Matratzenlandschaft und kratzt sich am Allerwertesten. Er ist stark tätowiert, sein Blick skeptisch-aggressiv. Kimo sagt, besser nicht ansprechen, Gangmitglied! Auch die anderen Bewohner wollen oder können nicht mit mir sprechen, auch nicht fotografieren werden.

Hawaii ist für viele der erste Stopp  

Etwa 1800 Menschen verhilft IHS pro Jahr zu einer Wohnung oder einem Haus, weitere 1300 kommen in den "Shelter" genannten Notunterkünften unter. An dieser Unterkunft hier besonders: Drei Viertel der Bewohnerinnen und Bewohner stammen aus sogenannten COFA-Ländern, winzigen Inselstaaten im Pazifik, mit denen die USA das COFA-Abkommen geschlossen haben.

Das Abkommen erlaubt den USA, in der Gegend Atomtests durchzuführen und Militär zu stationieren. Im Gegenzug dürfen die Bewohner der Staaten ohne Visum in die USA reisen, dort studieren und leben. Viele von ihnen verlassen ihre Heimat, weil sie keine Arbeit und Perspektive mehr sehen.

Wie wir später noch hören werden, trägt auch der Klimawandel dazu bei. Viele stranden in Hawaii, dem ersten Stopp auf dem Weg aufs US-Festland. Die hawaiianische Kultur und das Klima sind sehr ähnlich wie in der Heimat: familienorientiert und warm. Probleme, Jobs und Wohnungen zu finden haben die COFA-Migranten trotzdem.

Englisch lernen mit "Rosetta"

"Eine der größten Herausforderungen dabei ist Englisch", sagt Kimo Carvalho. "Wir haben zuerst mit Englischlehrern angefangen. Das war interessant zu sehen, weil die Leute den Lehrern überhaupt nicht zugehört haben. Sie wollten sich nicht wie in der Schule fühlen. Also haben wir uns andere Tools angeschaut und sind schließlich bei Rosetta Stone gelandet, so einem Sprachlerncomputer. Und das lieben die! Die lieben Technologie und damit lernen viele COFA-Migranten bei uns jetzt Englisch. Eine Dienstleistung nur für diese Gruppe."

Neben jedem Bett im Schlafsaal steht eine graue Plastiktruhe. Eine Art Safe für die Habseligkeiten. Das, regelmäßiges Essen, sanitäre Einrichtungen und der direkte Kontakt zu Hilfe – das ist der Unterscheidet zu Obdachlosen wie Abe, die unter freiem Himmel leben.

"Sheltered", also mit Dach, das nicht das eigene ist, und "unsheltered" – ohne festes Dach - das sind die zwei Kategorien, in denen Obdachlosigkeit in den USA betrachtet werde, sagt Kimo Carvalho.

"In einer Notunterkunft obdachlos zu sein bedeutet, nur die halbe Last zu tragen, im Vergleich zu unter freiem Himmel", erklärt er. "Dort wird dir in neun von zehn Fällen alles geklaut, Du gerätst eher in Streit oder Kämpfe, kriegst schneller Infektionen oder Wunden, die dann zu noch schlimmeren Krankheiten führen."

Ein Essen kostet zwei Dollar  

Später werden wir sehen, dass es auch noch eine dritte Kategorie von Obdachlosigkeit gibt, zumindest in Hawaii: in Camps mit Kirche, Gefriertruhen und einer Bürgermeisterin. Jetzt aber erst einmal: Mittagessen. Ehrenamtliche Helfer teilen Tabletts aus.

Darauf liegen labberige Sandwiches, Chips, Instantnudeln, ein bisschen Gemüse, ein Schokoriegel. Nicht lecker, aber für den Moment macht es satt. An der Zahl der ausgegebenen Essen lässt sich außerdem ein Trend ablesen. "Vor sechs Jahren haben wir jeden Tag etwa 650 Essen ausgegeben. Jetzt sind es etwa 900. Unser Budget für Essen beträgt etwa 650.000 Dollar pro Jahr."

Zwei bis drei Dollar, rechnet Carvalho, kostet ein Essen hier. Ein Euro fünfzig bis zwei Euro, für die Kinder zahlt der Staat. Teile des Essens bauen die Bewohner der Unterkunft aber auch selbst an: Auf dem Dach ziehen sie Salat und züchten Tilapia-Fische in Wassertanks. So erwerben sie vielleicht Fähigkeiten für einen neuen Job. Und vor allem: Selbstbewusstsein.

Ein Kind mit seiner Mutter bei der Essenausgabe in der Notunterkunft.  (Holger Talinski)Essenausgabe in der IHS Notunterkunft. (Holger Talinski)

Der nächste Tag auf Oahu: Auf der bevölkerungsreichsten der acht Inseln des US-Bundesstaates lebt knapp eine Millionen Menschen, auf einem Gebiet doppelt so groß wie Hamburg. Eine Stunde fährt man von Honolulu im Süden zur Kawela Bay nach Norden, meinem Ziel heute. Es ist heiß, 30, 31 Grad, nachts waren es deutlich über 20. Für Obdachlose endlich einmal ein Vorteil.

Während der Fahrt sehe ich neben der Straße viele Zelte. Daneben Menschen mit Angeln, Kühltruhen und Grills. Erst denke ich: Obdachlose! Doch dann, beim etwa 20. sehr ordentlich aufgestellten Zelt, wird klar: Das ist meine Reporterbrille, die mich das sehen lässt.

Denn in Wahrheit ist es Labor Day, ein Feiertag, den, wie ich später lerne, viele Familien am Strand verbringen. Mit Angeln und Zelten, die sie später wieder einpacken und zurück in ihre Häuser fahren.

"Keiner mag damit zu tun haben"

Auf die Sache mit dem Feiertag weist mich Rieka hin. Rieka Marzouki kommt aus Deutschland. Genauer gesagt: aus dem Ruhrgebiet. Seit 16 Jahren lebt die Enddreißigerin in Hawaii, mit ihrem Mann, einem Surflehrer, und ihrem gemeinsamen Sohn.

Zehn Jahre lang hat Rieka für "Helping Hands" gearbeitet, eine Organisation aus Honolulu, die auch Obdachlose betreut. Ihre Hauptklientel waren psychisch Kranke.

"Schwer Geisteskranke werden manchmal ausgesondert von der Familie", erzählt sie. "Müssen sie vielleicht auch, denn die Familie muss sich schützen, selber klarzukommen. Ja, unsere Gesellschaft sondert die halt auch ein bisschen aus, keiner mag da hingucken, keiner mag damit zu tun haben. Das ist natürlich auch ein schwerer Standpunkt, so zu leben. So ein Aussätziger zu sein, mit dem keiner zu tun haben will, den keiner sehen will. Hier in Hawaii ist es sehr offensichtlich. In Waikiki, wo all die Touristen sind, da werden sie weggescheucht, es ist nicht schön genug für die Touristen. Das ist natürlich sehr traurig."

Zehn Millionen Touristen in 2018 

Rund zehn Millionen Touristen kamen 2018 nach Hawaii, 46.000 davon aus Deutschland. Ihr Urlaubserlebnis soll clean sein, instagrammable. Dafür fegt die Polizei in sogenannten "sweeps" wie mit einem Besen die Obdachlosen von der Straße, konfisziert und vernichtet einen Großteil ihres Besitzes.

Und das wirkt: Während ich in Hawaii bin, ist auch eine Kollegin aus Berlin da. Auf Instagram postet sie Sonnenuntergangs- und Surffotos, alles ist gut. Nur auf einem Bild erahne ich Obdachlose: Meine Kollegin steht am Rande des Vulkans, an dem auch Abe wohnt, der Zimmermann mit dem Faible für Fahrräder. Aber wer ihn nicht sehen will, wird das auch nicht.

Rieka Marzouki sitzt in ihrem Garten.  (Holger Talinski)Aus dem Ruhrgebiet nach Oahu: Rieka Marzouki in ihrem Garten (Holger Talinski)

"Wenn es mir möglich war, sie überhaupt zu treffen: Es ist nicht unbedingt einfach, die Obdachlosen, die keine Adresse haben, zu finden", sagt Rieka Marzouki. "Sie können sich vielleicht auch Termine nicht merken, weil sie geisteskrank sind, weil sie kein Handy haben. Man kann sie nicht anrufen, sie haben keinen Terminplan. Auf der Straße, werden ihnen Sachen geklaut, kein Portemonnaie. Die haben, was sie am Leibe haben. Wenn man dann so einen trifft, dann ist vielleicht doch gerade wichtiger, Schuhe und etwas zu essen zu geben und ihn vielleicht zum Obdachlosenheim zu fahren. Anstatt sich da hinzusetzen und diesen blöden Behandlungsplan zu schreiben, um den dann einreichen zu können. Das hat mich genervt!"

Und deswegen hat Rieka den Job auch aufgegeben. Vorerst, denn: "Those are my folks! Ich kann mir die Leute angucken, ich kann ihnen auch die Hand schütteln, und ich nehme die ernst und das gibt mir was. Und das kann, glaube ich, nicht jeder."

Ein Dach über dem Kopf, dann der Rest 

Zurück nach Honolulu. Kimo Carvalho zeigt mir noch eine Notunterkunft: Hale Mauliola, umgebaute Überseecontainer auf Sand Island, einer Insel mitten in der Stadt. Aber: Die nächste Bushaltestelle ist zwei Kilometer entfernt, nach Downtown braucht man eine Stunde. Früher war hier ein Internierungslager der US-Armee, heute dominiert die Kläranlage.

"Ja, das hier fühlt sich sehr ab vom Schuss an", sagt Kimo Carvalho. "Und dafür haben wir viel Kritik bekommen. Aber es war halt verfügbar. Und wissen Sie, das hat viel verändert in Hawaii. Endlich konnten wir einer ganz bestimmten Klientel etwas anbieten, was es anders nie gegeben hätte."

Hale Mauliola ist auf obdachlose Tier- und/oder Autobesitzer ausgerichtet, mit dem Ziel, sie schnell in reguläre Wohnungen zu transferieren. "Housing first" - erst das Dach über dem Kopf, dann der Rest. Eine in den USA erprobte Methode.

Der zum Wohnen umgebaute Überseecontainer Hale Mauliola auf Sand Island. (Holger Talinski)Der zum Wohnen umgebaute Überseecontainer Hale Mauliola auf Sand Island. (Holger Talinski)

Eine der Bewohnerinnen in Hale Mauliola ist Honey. Ihren richtigen Namen verrät die etwa 50 Jahre alte, stämmige Afroamerikanerin nicht. Aus Angst vor Identitätsdiebstahl. Honey ist seit Februar 2019 obdachlos. Sie sitzt im Gemeinschaftsbereich unter einem Sonnensegel, um sich herum ein paar Plastiktüten mit ihrer Kleidung. Ich frage, ob ich sie aufnehmen darf.

"2015 wurde ich geschieden", erzählt sie. "Dann hat mich 2017 ein Auto angefahren und ich wurde behindert. Davor bin ich unter einen Bus gekommen. Da fing es an mit der Behinderung und ich konnte nicht mehr arbeiten. Und von der Regierung habe ich auch nur ein begrenztes Einkommen erhalten."

350 Dollar bekomme sie vom Staat, erzählt mir Honey, dazu Essensmarken, mit denen sie sich ihr eigenes Essen kaufen könne. Früher stand Honey oft im Mittelpunkt, erzählt sie: Radio, Bühne, auch mal Fernsehen. Unterhaltung könne sie einfach. Und dann sei da ja noch Gott.

"Ich glaube, mein geliebter himmlischer Vater ist meine Stärke und mein Zentrum", sagt sie. "Er und ich haben beschlossen, dass ich den Rest meines Lebens dem Schutz der Tierwelt widme. Und das Gute ist: Da kann ich alles, was ich im Radio, im Fernsehen, beim Sprechen gelernt habe, anwenden. Und selbst hier mit Ihnen, diesem Mikrofon und der Kamera, müssen Sie immer noch Daten aufzeichnen von Vögeln und Tigern und so. Und ich liebe Raben und Krähen. Ich versuche herauszufinden, welche Botschaft Gott uns durch Vögel sendet."

Zweifel an Honeys Geschichte 

Nicht zum ersten Mal als Reporter frage ich mich:  Muss ich mein Gegenüber vor sich selbst schützen und die Aufnahme beenden? Oder verstehe ich hier bloß etwas nicht richtig?

Mir fällt ein Satz von Rieka ein, der Psychologin: "Ja, sie sind obdachlos. Aber sie haben auch immer noch ein Selbstwertgefühl. Wenn ich jetzt interviewt werde als Obdachloser, würde ich euch auch nicht gerne sagen wollen, hey, ja, ich war obdachlos und hier kann ich überleben. Sondern dann erzähle ich euch eine schöne Story, die in dem Moment mir sogar gut tut, wenn ich das erzählen kann. Und für den Moment, den ich dir das erzähle, glaube ich das sogar selber. Und diese Minute geht es mir dann sogar gut, weil ich das selber auch glaube."

Nur: Was bedeutet das für meine Gespräche mit Honey und den anderen etwa 30 Menschen, die ich für diese Reportage interviewe? Welchen Einfluss hat eine mögliche psychische Erkrankung auf die Geschichten? Ich entscheide: Ich nehme, natürlich, erstmal alle ernst, glaube erstmal alles, was sie mir erzählen. Bei Honey aber kommen mir schnell Zweifel.

Kimo Carvalho und Reporter Dominik Schottner auf dem Dach der Notunterkunft. (Holger Talinski)Kimo Carvalho und Reporter Dominik Schottner auf dem Dach der Notunterkunft. (Holger Talinski)

"Prince war mein Lieblingskünstler – schon immer", erzählt sie. "Vor vielen Jahren hat er in Marbella in Spanien eine Villa gekauft und ich wollte da auch hin, um ihm zu folgen und mir den Bauch mit dem Paradies vollschlagen. Aber dann habe ich mit dem spanischen Konsulat gesprochen und die haben gesagt: 'Ihr Kind kann in Spanien nicht in die Schule gehen, außer ein Elternteil ist aus Spanien.' Da habe ich mir gedacht, wo kann ich noch hingehen? Paradies, warm, amerikanischer Boden? Und so kam ich nach Hawaii, erst für einen Urlaub, um vorzufühlen. Ein Jahr später bin ich dann umgezogen."

Wann das genau war und wo ihr Kind jetzt ist, erzählt Honey nicht. Aber da Prince die Villa tatsächlich 1998 gekauft hat, lebt Honey wohl ungefähr seit dem Jahr 2000 in Hawaii. Wahrscheinlich. "Das ist mein Zuhause, mein Paradies. Ich gehöre hierher", sagt sie.

Organisationen wie Kimo Carvalhos IHS oder auch die Regierung wissen nicht, wer nach Hawaii gekommen ist, um hier obdachlos zu sein. Wer würde das auch erzählen? Doch vielleicht wird sich das ändern, auch wegen der Klimakrise. Sie könnte, das untersuchen Forschende der Uni Hawaii gerade, auch zur Obdachlosigkeit beitragen.

Dann nämlich, wenn Menschen zum Beispiel aus den Inselstaaten im Pazifik nach Hawaii auswandern, weil sie zuhause nicht mehr arbeiten und leben können, da ihr Haus und Grund überschwemmt oder vertrocknet sind. Das gibt es jetzt schon – nur der wissenschaftliche Beweis für den Zusammenhang fehlt noch.

Die Wissenschaft ist an diesem Ort sehr weit weg. Überhaupt: Das konventionelle Leben ist sehr weit weg. Und doch träumen hier viele davon.

Wie ein Campingplatz in Frankreich  

So wie Twinkle Borge, Ur-Hawaiianerin, graue Shorts, streng nach hinten gekämmte Haare, hellgraues Tanktop. Auf Twinkles kräftigem linken Arm prangt ein Tattoo: eine Art Drache mit Wolfsspuren. In der rechten Hand hält die 50-Jährige eine Zigarette und erzählt von ihrem Einzug in das berühmteste Obdachlosencamp Hawaiis im Jahr 2003: Puʻuhonua O Waiʻanae.

Twinkle zeigt auf den Pazifik. Der angeblich "allerschönste Ort der Welt" ist ein acht Hektar großer Wald aus schrumpeligen Bäumen und Sträuchern an der Westküste Oahus, eine Stunde nördlich von Honolulu. Eine Gegend, vor der in Reiseforen gewarnt wird: Arme-Leute-Küste, Gewalt, Obdachlose, solche Sachen. Abgesehen von Müll und ein paar Schrottkarren hier und da wirkt das hier aber fast wie ein Campingplatz an der französischen Atlantikküste.

Zelte am Strand Oahus, in denen Obdachlose leben.  (Holger Talinski)Ein Obdachlosencamp an der Westküste Oahus. (Holger Talinski)

Das Camp liegt zwischen einem Hafen für kleine Motorboote und der High-School des Ortes Wai’anae. 250 Menschen wohnen hier, darunter etwa 25 Kinder, ein paar Hunde und Hühner. 2003 haben Obdachlose das Stück Land besetzt. Twinkle war die sechste, die einzog. In einer Phase, als es in ihrem Leben drunter und drüber ging: mit Drogen, unerfüllter Liebe, Jobverlust.

"Damals bekam ich eine Depression", erzählt sie. "Ich hatte eigentlich zwei Jobs: Bei TJ Mahoney’s, einer Organisation, die Häftlingen bei der Wiedereingliederung hilft, und als Chefsekretärin bei der Stiftung Big Brothers and Sisters. Ich war da Sekretärin, Fahrlehrerin, ich habe eigentlich alles gemacht. Ich habe richtig gutes Geld verdient."

Anführerin, Familienoberhaupt, Bürgermeisterin 

Daran hat sich bis heute nicht viel verändert. Twinkle ist immer noch die Chefin, die das Geld ranschafft. Aber eine, die seit mehr als zehn Jahren keine Drogen mehr nimmt. Die Bewohner des Camps akzeptieren sie ohne Wahl als ihre Anführerin, als Familienoberhaupt, als Gouverneurin. Genau wie die, naja, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der neun "Bezirke".

"Ich habe neun Anführerinnen hier", sagt sie. "Jede und jeder von ihnen ist verantwortlich für ihren Bezirk, der so 25 bis 30 Leute umfasst. Wenn was passiert, ist es ihre Aufgabe, das zu lösen. Ich will kein Gejammer hören, nur Lösungen. Und wenn da eine direkte 1-zu-1-Ansprache nötig sein sollte – lass es mich wissen!"

Das Camp ist straff organisiert. Es gibt Straßen und Zäune, einen Wachdienst, eine Kleiderkammer, einem Umsonstladen für Lebensmittel. Und bald auch eine Kirche. Pastor Jay aus Honolulu zimmert seit Wochen alleine an einer Holzkonstruktion herum. Twinkle und er kennen sich seit der Schule, da sei es ihm eine Ehre, hier mitzumachen, sagt er. Das Holz ist gespendet, die Glaubensrichtung egal, Hauptsache, es sei Liebe da. Straight Forward Ministry nennt Jay sein Projekt, Geradeaus-Kirche.

Twinkle und ihre Mitstreiterinnen – es sind fast nur Frauen – sind bekannt in Hawaii. Politik, Behörden, Polizei, NGOs – mit allen redet Twinkle, um die Lage im Camp zu verbessern. Einmal sollte sie an der Ostküste der USA eine Rede halten, wurde eingeflogen - und dann von einem Chauffeur am Flughafen erwartet. Den hat sie direkt wieder nach Hause geschickt. Passte einfach nicht zu der Frau, die ihre Notdurft bislang im Eimer verrichtet und zum Duschen zur Bootswaschanlage geht. Bald gibt es immerhin Dixieklos.

Tiny Homes für 300 Menschen

Twinkle führt uns durch ihr Zuhause. Eine Art Nomadenzelt mit Teppich, Sofa, Fernseher  – und einer Kühltruhe. Fast fühlt es sich wie ein Haus an. Fast. Deswegen sagt Twinkle auch, sie sei nicht "homeless", sondern "houseless". Aber mit Lieblingszimmer.

"In meinem Zimmer kommen mir all meine Ideen", sagt sie. "Da habe ich meinen Computer und so. Was auch immer wir hinkriegen müssen, welche Behörde ich kontaktieren kann – das mache ich alles in meinem Schlafzimmer."

Twinkles aktuelles und wichtigstes Projekt ist, das Camp abzuschaffen und es auf einem eigenen Grundstück mit Tiny Homes für bis zu 300 Menschen neu aufzubauen. Dafür haben sie eine Nichtregierungsorganisation gegründet, eine Website programmiert – und eine Spendenkampagne gestartet. 1,5 Millionen Dollar brauchen sie, eine Million haben sie bereits. Noch 2020 könnten die ersten umziehen.

Twinkle, die Gouverneurin, geht als letzte: "Ich will sehen, dass unsere Leute in ihre Häuser gehen und ihre Türen abschließen können und wissen, dass alles, was sie verdient und gemacht haben, immer noch da ist, wenn sie nach Hause kommen. Ich möchte sehen können, dass unsere Kinder schön warm duschen können. Ich glaube, mein Job wird nie zu Ende sein."

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