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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 16.04.2020

Hauptstadtstudio-Korrespondent Volker FinthammerCorona: Sind die Lockerungen angemessen?

Moderation: Joachim Scholl

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)
"Das ist auch für die Politik ein Annäherungsprozess, ein Suchprozess", sagt unser Hauptstadtstudio-Korrespondent Volker Finthammer über die Corona-Exit-Strategie.. (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)

Die Kontaktbeschränkungen gehen weiter bis zum 3. Mai, Restaurants bleiben geschlossen, Schulen und Geschäfte werden schrittweise geöffnet. Bund und Länder haben sich auf erste Maßnahmen einer Exit-Strategie geeinigt. Wie werden sie aufgenommen?

Selten hat die Nation so auf eine Pressekonferenz gewartet wie auf die der Bundeskanzlerin zu den Lockerungen der Corona-Einschränkungen. Dass sie nur in sehr kleinen Schritten eingeführt werden, überrascht Volker Finthammer nicht. Allerdings, sagt unser Hauptstadtstudio-Korrespondent, hätte er in punkto Wiedereröffnung der Geschäfte doch eine etwas andere Debatte erwartet:

"Da wurden jetzt 800m² festgelegt – aber eigentlich geht es doch darum: Werden in den Geschäften vor Ort Infektionsregeln eingehalten oder nicht? Und die Abstandsregeln eingehalten oder nicht? Ich glaube, das müsste das zentrale Kriterium sein. Das nach einer Quadratmeterzahl zu berechnen ist ein bisschen widersinnig. Aber so ist es nun einmal mit Kompromissen. Da wird dann eine Formel gefunden, die erstmal für eine Weile gelten muss. Man kann jetzt nur hoffen, dass das beim nächsten Mal nochmal überdacht und dann auch entsprechend den Hygieneregeln verändert wird."

Liebe in Zeiten von Corona

Viele Menschen empfinden es als ungerechtfertigt, dass die strengen Abstandsregelungen nicht für Ehepartner gelten – wohl aber für unverheiratete Paare. Gemäß offizieller Maßgaben dürfen sich unverheiratete Partner, die in verschiedenen Bundesländern leben, eigentlich nicht besuchen – je nachdem, wie strikt das jeweilige Bundesland die Abstandsregelungen gestaltet. Dies hat schon dazu geführt, dass Liebende an Landesgrenzen aufgehalten wurden – verheiratete Eheleute haben solche Hürden nicht zu befürchten.

Vieles müsse noch nachgebessert werden, sagt Finthammer, erinnert aber daran, dass etliche Regelungen in sehr großer Eile getroffen werden mussten:

"Das ist auch für die Politik ein Annäherungsprozess, ein Suchprozess. Es ist ja nicht so, dass die Wissenschaftler oder die Politiker da wirklich ein klares Drehbuch hätten. Wir alle versuchen, mit dieser Situation zurechtzukommen und nach Möglichkeit die besten Entscheidungen zu treffen. Dass die nicht widerspruchsfrei bleiben, damit müssen wir leider im Moment leben."

Die Landpartie muss sein

Ganz wichtig sei es, dass man noch einmal über die derzeitigen Reisebeschränkungen zwischen den Bundesländern nachdenke, sagt der Journalist. Er plädiert für Lockerungen:

"Ich finde es sehr bedauerlich, dass Länder wie Mecklenburg-Vorpommern und auch Schleswig-Holstein den Tagestourismus verbieten. Dass man mit seiner Familie mal einen kleinen Ausflug macht – in Gebiete, die möglicherweise nicht so gut besucht sind, weil sie keine touristischen Highlights sind – das könnte in dieser Situation wirklich schon sehr entspannend wirken. Und da sind die Regeln in diesen beiden Ländern sehr rigoros. Was die touristischen Orte angeht, kann ich das verstehen, aber so kleine Tagesausflüge sollten tatsächlich möglich sein."

Brandenburg beispielsweise würde es so handhaben. Die Berliner, sagt Finthammer, haben die Möglichkeit, "mal rauszufahren". Und genau das schaffe ein klein wenig Freiheit in der angespannten Lage.

Vertrauen in den Föderalismus

Warum gelten in Deutschland nicht für alle dieselben Corona-Regeln? Eine Frage, die häufig gestellt wird – oft verbunden mit dem Vorschlag einer absoluten Ausgangssperre für das gesamte Land, um die Infektionsketten zu stoppen. Unser Hauptstadtstudio-Korrespondent hält solche Lösungsansätze nicht für zielführend. Er vertraut auf die Stärke des föderalen Prinzips:

"Die Lage ist in den Bundesländer nicht einheitlich: In Bayern werden heute beispielsweise über 35.000 Infizierte gemeldet – in Thüringen sind es nur 1600. Das heißt, ich muss nicht überall die gleiche Messlatte anlegen. Und darf den Ländern bis runter zu den regionalen Behörden tatsächlich eine gewisse Flexibilität zugestehen – solange man sich daran hält, dass alles dafür getan wird, die Infektion nicht zu verbreiten. Insofern finde ich es eigentlich gut, dass wir nicht alles über einen Kamm scheren."

Es stelle sich die Frage, ob es nicht sinnvoller sei, verschiedene Maßnahmen an verschiedenen Orten auszuprobieren und sich dann für den jeweils besten Weg zu entscheiden – anstatt mit einer Entscheidung alle in eine Richtung zu lenken.

Kommt die Maskenpflicht?

Sollten wir in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr Masken tragen? In vielen Ländern tun die Menschen dies schon längst – etwa im Nachbarland Österreich. Und so wird der Ruf nach einer Maskenpflicht auch in Deutschland immer lauter.

"Die Diskussion über das Für und Wider des Mundschutzes ist über Wochen geführt worden", sagt Finthammer. "Anfangs hieß es: Der Mundschutz in der Öffentlichkeit bringt gar nix. Aber jetzt spielt er allmählich eine größere Rolle."

Selbst die Kanzlerin empfiehlt inzwischen Schutzmasken für den öffentlichen Raum – die aber sind ein rares Gut. Und solange die allermeisten von uns nur schwer an Masken herankommen, wäre jedes offizielle Gebot sinnlos. Doch auch bei uns werden mehr und mehr Menschen einen Mundschutz tragen, meint Finthammer – das sei nur eine Frage der Zeit:

"Das wird als freiwillige Lösung kommen, sobald die Versorgungslage ausreichend ist, wird das geschehen. In Österreich ging es schneller. Aber Österreich ist, verglichen mit Deutschland, ein kleines Land – da lässt sich das leichter organisieren. Bei uns sehen wir ja, welche Probleme allein der Gesundheitsminister hatte, ausreichende Masken für das Gesundheitssystem zu besorgen."

(tif)

Volker Finthammer ist seit 2016 Korrespondent in unserem Hauptstadtstudio. Davor arbeitete er als Chefredakteur und EU-Korrespondent in Brüssel.

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