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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.10.2013

Hauptsache kein Verwundetenabzeichen!

ARD-Reporter Jörg Armbruster wird für seine Recherchen in den syrischen Kriegsregionen ausgezeichnet

Jörg Armbruster im Gespräch mit Ulrike Timm

Journalist Jörg Armbruster wird für seine mutigen Recherchen in Syrien geehrt. (dpa / pa / Kluge)
Journalist Jörg Armbruster wird für seine mutigen Recherchen in Syrien geehrt. (dpa / pa / Kluge)

Dass Nahost-Korrespondent Jörg Armbruster unter großen Gefahren aus Syrien berichtete, wurde besonders deutlich, als er im März dieses Jahres in Aleppo angeschossen wurde. Für seinen hohen persönlichen Einsatz und seine unabhängigen Berichte bekommt er nun gleich zwei Medienpreise.

Ulrike Timm: Gleich zweimal wird der ARD-Korrespondent Jörg Armbruster für seine Recherchen in Syrien ausgezeichnet, mit dem Preis für die Freiheit der Medien heute in Leipzig und mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus. Gelobt wird Armbruster für seinen hohen persönlichen Einsatz für eine unabhängige Berichterstattung – so kann man das auch nennen! Jörg Armbruster geriet im März in Aleppo in einen Hinterhalt und wurde schwer verletzt. Darüber, wie und wie viel unabhängige Berichterstattung in Krisengebieten tatsächlich möglich ist, darüber reden wir jetzt mit ihm. Schönen guten Tag, Herr Armbruster!

Jörg Armbruster: Schönen guten Morgen!

Timm: Können Sie sich über die Auszeichnung so richtig rundum freuen oder bleibt ein bitterer Beigeschmack?

Armbruster: Wenn ich sicher bin, dass ich die Auszeichnung bekomme, nicht weil ich in Aleppo angeschossen worden bin, sondern weil ich wirklich hoffentlich gute Arbeit geleistet habe, dann kann ich mich gut über die beiden Auszeichnungen freuen. Aber ganz einfach, weil ich ein Verwundetenabzeichen nicht brauche.

Timm: Die Verletzung habe Sie innerlich beschädigt, Sie würden heute über vieles neu denken, haben Sie gesagt. Was sehen Sie denn heute anders?

Armbruster: Mit Sicherheit denke ich mehr über das Risiko nach, das ich einzugehen bereit bin. Obwohl ich die Woche im Norden von Syrien, in dem von Rebellen kontrollierten Land und überwachten Land …, ich bereue diese Woche nicht, weil ich sehr viele neue Erkenntnisse gewonnen habe. Ich war vorher nur in Damaskus gewesen, "nur" in Anführungszeichen, aber man denkt schon mehr darüber nach, welches Risiko man persönlich eingeht und welches Risiko man auch seinen Angehörigen, meiner Frau zum Beispiel zumutet.

Timm: Hoher persönlicher Einsatz für unabhängige Berichterstattung. Lassen Sie uns darüber sprechen, wie unabhängig man wirklich sein kann als Journalist. Denn schon wer ins Land will, muss sich doch offiziell beim Informationsministerium melden. Wie frei kann man denn überhaupt berichten?

Armbruster: Das gilt für Damaskus. Also, nach Nordsyrien sind wir nach Damaszener Vorstellung, also nach Vorstellung des Regimes, illegal über die Grenze gegangen. Zwar mit einem kleinen Stempel, unser Pass wurde mit einem kleinen Stempel versehen der Rebellen, aber in den Augen des Regimes in Damaskus ist es ein illegaler Grenzübertritt. Wenn ich nach Damaskus will, um über das Regime selber zu berichten, dann brauche ich in der Tat ein Visum, ein Arbeitsvisum, das dann meistens auf fünf Tage begrenzt ist, und da kann ich mich dann in Damaskus überhaupt nicht unabhängig und frei bewegen, weil ich alles, was ich will, beim Informationsministerium anmelden muss. Wir sind begleitet von Mitarbeitern des Informationsministeriums, wenn wir zum Beispiel in der Stadt Straßenumfragen machen, auf Marktplätzen nach der Situation der Lebensmittelversorgung zum Beispiel fragen, dann hört natürlich dieses Ohr des Regimes immer mit. Und die Menschen, egal, was sie denken, geben dann die Antworten, die dieses Ohr hören will.

Ohne Kamera zu den Oppositionellen

Timm: Das heißt, auch wenn man als Journalist Kontakt zur Opposition bekommen möchte, muss man seinen Begleitern entfleuchen?

Armbruster: Muss man sie abhängen, und als Fernsehjournalist ist das selten möglich, mit einer Fernsehkamera Kontakt zur Opposition zu bekommen in Damaskus. Wir haben es ein-, zweimal versucht, es ist auch in einigen Fällen gelungen, aber immer ohne Kamera, sodass wir dann, oder ich dann mit meinem Notizblock bewaffnet alles aufschreiben musste, was der Oppositionelle mir erzählt hat. Aber das ist unglaublich wichtig, weil man doch dann einen anderen Blickwinkel bekommt, den das Regime selber versucht einzuschränken.

Timm: Anderer Blickwinkel heißt aber auch – und das macht die Berichterstattung aus Syrien ja zurzeit so schwierig, und das Verständnis dieses zerrissenen Landes so schwierig –, jede Seite präsentiert dann ihre Zeugen. Das Regime präsentiert seine Opfer und die Oppositionellen präsentieren auch ihre Opfer. Wie weiß man da überhaupt, wo man balanciert?

Armbruster: Was richtig und falsch ist, das weiß man oft nicht. Man kann sich da oft nur damit behelfen, indem man beide Seiten versucht darzustellen und auch die Umstände versucht zu erklären, unter denen diese Informationen zustande gekommen sind. Ich habe mich immer bemüht, auch darzustellen, dass ich von einem Begleiter des Informationsministeriums überwacht werde, dass wir vom Geheimdienst überwacht werden, dass, selbst wenn wir im Informationsministerium Drehgenehmigung bekommen, dass wir dann häufig trotzdem nicht drehen dürfen, weil irgendein Offizier sagt, das ist hier verboten. Also, diese Umstände darzustellen, ist für den Zuschauer, denke ich, sehr wichtig. Das Gleiche gilt nebenbei auch für die Opposition, dass man da genau darstellt, unter welchen Bedingungen man die Information bekommen hat und unter welchen Bedingungen man da arbeitet. Denn gerade, was die Opposition angeht im Norden Syriens, da ist man so quasi auch "embedded".

Timm: Nun waren Sie ganz viele Jahre im Nahen Osten. Wie lange, würden Sie sagen, hat es für Sie persönlich gedauert, bis Sie einigermaßen sicher unterscheiden konnten, was wahrscheinlich ist und was man Ihnen erst mal so erzählt? Vielleicht können Sie uns dafür auch mal ein Beispiel erzählen!

Armbruster: Das ist in der Tat eine sehr schwierige Frage. Ich will mal aus meiner Anfangszeit ein Beispiel nennen, das mir gerade in den Kopf kommt: Da waren wir in Jordanien in einem Flüchtlingslager gewesen und plötzlich stürzte sich ein Coca-Cola-Händler war er, glaube ich, oder hat jedenfalls so einen kleinen Kiosk gehabt, unter anderem Coca-Cola verkauft dort, auf uns, und beschimpfte uns ganz fürchterlich. Das war damals während der Vorbereitung der Invasion in den Irak, als Saddam Hussein Kuwait besetzt hatte. Und beschimpfte uns fürchterlich und seine Beschimpfung endete mit der Drohung, uns alle umbringen zu wollen. Das hat mich natürlich erst einmal sehr erschüttert. Dann ist er zurückgegangen, dann bin ich in seinen Kiosk, ich bin ihm nachgegangen und sagte, ‚sag mal, können wir nicht mal zusammen eine Cola trinken und uns über die Sache ruhig unterhalten, du wolltest mich gerade umbringen!‘ Da guckt der mich ganz verwundert an und sagte, ‚ich meine doch dich nicht! Du bist mir sympathisch, das war mehr allgemein gemeint!‘ Also, solche Dinge auseinanderzuhalten, was ist Lärm, was ist nur laut und was ist wirklich wahr gemeint, das ist schwer und da braucht man sehr lange, um das unterscheiden zu können. Nicht jede Drohung, die ausgestoßen wird, ist so wörtlich gemeint, wie wir sie vielleicht manchmal wahrnehmen.

Besser eingebettet als gar nicht berichten

Timm: Wir sprechen im "Radiofeuilleton" mit dem ARD-Korrespondenten Jörg Armbruster, er hat viele Jahre aus dem Nahen Osten berichtet und wurde im März bei Dreharbeiten in Syrien schwer verletzt. Herr Armbruster, bei Ihnen fiel vorhin auch das Stichwort "Embedded Journalism". Im Irak-Krieg sprach man erstmals davon, dass Journalisten also praktisch in die kriegsführende Berichterstattung eingebettet sind. Das wurde sehr kritisiert, was halten Sie davon?

Armbruster: Das kommt darauf an. Ich bin kein 100-prozentiger Gegner dieser Methode der Recherche. Es kann durchaus eine Methode der Recherche sein, dann nämlich, wenn alle anderen Methoden versagen. Ich war einmal "embedded" bei der US-Marineinfanterie, die Falludscha belagert hat, und ich konnte da mit Patrouillen durch Falludscha, eine kleine Stadt, sunnitische Hochburg, Rebellenhochburg in der Nähe von Bagdad, die sich gegen die Besetzung des Irak zur Wehr gesetzt hatte. Da konnte ich dann mit amerikanischen Patrouillen durch die Stadt fahren und konnte dann selber sehen und mit Leuten, Menschen dort reden, und sie haben sehr offen mit mir da über ihre Sorgen, über ihre Nöte und über ihre Feindschaft gegenüber den Amerikanern geredet. Also, man bekommt auch, wenn man eingebettet ist, Dinge raus. Also, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, irgendwo hinzufahren und zu recherchieren, dann halte ich "embedded" für durchaus legitim. Aber, nur um über einen Krieg zu berichten und die Sensationen eines Krieges wiederzugeben und darzustellen, da habe ich dann doch meine großen Zweifel, ob das sehr sinnvoll ist.

Timm: Hat Ihnen Ihre Erfahrung in Nahost denn eine Idee vermittelt, wie man dieses Fiasko derzeit in Syrien, diesen Konflikt beenden kann?

Armbruster: Oh, das ist eine große Frage, da plagen sich die großen Außenpolitiker dieser Welt damit herum! Ich denke, wichtig ist der nächste Schritt, dass es zu dieser Konferenz in Genf im November kommt und versucht wird, dort zu verhandeln. Wichtig ist auch, ich habe heute in der Zeitung gelesen, dass sich die Opposition gegen eine Teilnahme des Iran wehrt. Wichtig ist, dass der Iran teilnimmt, denn er ist ein ganz wichtiger Unterstützer von Assad. Wichtig ist, dass Assad teilnimmt, dass wirklich alle Beteiligten an diesem Konflikt an einem Tisch sitzen und versuchen, einigermaßen irgendwie einen Waffenstillstand hinzubekommen. Wichtig ist, dass Russland und Ägypten – Pardon! –, Russland und die USA eng zusammenarbeiten und ihre Interessen vielleicht auch zurückstellen, und dass beide gegenseitig ihre Interessen an dem Land anerkennen. Dann könnte es vielleicht zu einem Waffenstillstand kommen oder zum Beginn einer Konfliktlösung kommen. Denn ich bin überzeugt, militärisch lässt sich dieser Konflikt nicht lösen.

Timm: Rund 100 Journalisten sind in Syrien im beruflichen Auftrag bislang zu Tode gekommen. Nicht zu berichten ist natürlich auch keine Alternative. Was würden Sie einem Kollegen raten, der jetzt hinfährt?

Armbruster: Nach Damaskus würde ich immer zu raten, wenn man das Visum bekommt. Nach Damaskus kann man auf alle Fälle fahren und dort unter den schwierigen Umständen der Regimeüberwachung versuchen zu recherchieren und darzustellen, was er dort sieht. Denn wir sehen ja sehr viel mehr, als das Regime das sich vorstellen kann, und das dann auch darzustellen. Im Norden ist es im Augenblick sehr, sehr schwierig. Dort haben die Dschihadisten, die Al-Kaida-Gruppen Überhand genommen und kontrollieren die Länder. Ich glaube, da kann man nicht empfehlen im Augenblick, dort hinzufahren. Ich hoffe, das ändert sich wieder!

Timm: Dank an Jörg Armbruster! Er wird für seine Berichterstattung aus Syrien gleich zweimal ausgezeichnet und hat gerade auch ein Buch veröffentlicht: "Brennpunkt Nahost" heißt es, "Die Zerstörung Syriens und das Versagen des Westens". Vielen Dank, Herr Armbruster, und alles Gute!

Armbruster: Gerne, danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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