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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.02.2010

Hart aber fair?

Über die deutsche Islam-Debatte

Von Rolf Schneider

Die Hände betender Muslime  (AP)
Die Hände betender Muslime (AP)

Ein Wissenschaftler vertritt die Meinung, die Islamkritik der Gegenwart sei vergleichbar mit dem deutschen Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Alsbald wird er verdächtigt, die Shoah zu verharmlosen und zu den Holocaustleugnern zu gehören. Jemand äußert die Ansicht, die Meinungsvielfalt, die unser Gemeinwesen konstituiere, müsse auch Platz haben für den Islam und dessen Spielarten. Sofort wird er verdächtigt, einer totalitären Ideologie gegenüber zu kapitulieren.

Jemand vertritt die Meinung, die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands Posten seien eine dumme Provokation gewesen und ästhetisch misslungen. Umgehend wird er beschuldigt, die Meinungsfreiheit zu verraten und sich mit Selbstmordattentätern zu solidarisieren.

Das durch eine Volksabstimmung beschlossene Bauverbot von Minaretten in der Schweiz verteidigen die einen als eine nachvollziehbare demokratische Entscheidung, andere sehen darin einen Verstoß gegen die in Demokratien selbstverständliche Religionsfreiheit. Manche wollen die muslimische Religionspraxis samt ihren Bauten in Deutschland tolerieren, sofern sich die Türkei entschlösse, den christlichen Kirchen ihrerseits die gebotenen Freiheiten zu gewähren.

Dagegen wird eingewendet, Islam in Deutschland werde nicht bloß durch türkische Immigranten praktiziert, außerdem verstoße ein solcher Handel gegen das Toleranzgebot. Betreffend das Kopftuchtragen weiblicher Muslime in Mittel- und Westeuropa gibt es ebenso viele feministische wie antifeministische Argumente.

Dies alles miteinander bewegt die deutschen Feuilletons; ein Ende ist nicht abzusehen. Bemerkenswert zunächst der schneidende Ton, in dem sich das vollzieht. Das Wort Hassprediger wird geschleudert, dazu das Wort Fundamentalismus, dazu die Worte Appeasement und Feigheit. Es scheint an der Zeit, über die Sache ein paar grundsätzliche Gedanken zu äußern.

Zunächst fällt auf, dass sich hier allenthalben persönliche Eitelkeiten blähen. Man schelte das nicht. Die Streithähne sind sämtlich prominent, was ihrem Vortrag Gewicht verleiht. Ein Nährstoff von Prominenz ist die Eitelkeit.

Dann fällt auf, dass man, etwas Gelassenheit und Abstand vorausgesetzt, mit fast allen vorgetragenen Position übereinstimmen kann - sicher nicht völlig, doch in vielen Einzelheiten, was bedeutet, dass die mit verbaler Gehässigkeit vorgetragenen Gegensätze sich einer übergreifenden Gemeinsamkeit zuordnen lassen. Die trägt einen Namen. Er lautet Aufklärung. Alle Disputanten bekennen sich zu ihr, und dies ausdrücklich.

Nun ist der Begriff Aufklärung mehrdeutig, da er sowohl eine geistesgeschichtliche Epoche als auch eine intellektuelle Grundhaltung benennt. Beides gehört insofern zueinander, als das eine ohne das andere nicht gut denkbar ist.

Aufklärung heißt, geschichtlich wie aktuell: Rationalität, was die Religionskritik ebenso einbegreift wie die Trennung von Religionsausübung und Staat, sodann Toleranz, als die Voraussetzung vom republikanischem Denken und Handeln. Hinzu kommt, dass die historische Aufklärung ideelle Voraussetzung der Französischen Revolution war, die das bürgerliche Zeitalter samt parlamentarischer Demokratie befördert hat, aber außerdem die Jakobinerdiktatur samt ihrer Blutherrschaft. Unsere modernen Aufklärer möchten gelegentlich auch darüber nachdenken.

Schließlich noch: Es geht bei der Sache vornehmlich um den Islam. Ein paar Millionen Menschen in Deutschland hängen ihm an. Die Abgrenzung des Islam vom Islamismus ist ebenso schwierig wie die Abgrenzung der Religionskritik von der Islamophobie.

Die gegenwärtig weltweite Wirkung der vom Kaufmann Mohammed gestifteten Religion hat vermutlich damit zu tun, dass durch sie die transzendenten Bedürfnisse vieler Menschen besser befriedigt werden als durch andere Glaubensbekenntnisse. Wie auch immer: Fast jeder, der sich hier und heute über den Islam äußert, weiß von diesem Islam herzlich wenig. Ich schließe mich da ausdrücklich ein. Inzwischen habe ich mir die einschlägigen Lektüren verordnet.


Rolf Schneider, Schriftsteller und Publizist (Therese Schneider)Rolf Schneider, Schriftsteller und Publizist (Therese Schneider)Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller. Wegen ‘groben Verstoßes gegen das Statut’ wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem zuvor mit elf Schriftstellerkollegen in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. Veröffentlichungen u. a. "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Rolf Schneider schreibt gegenwärtig für eine Reihe angesehener Zeitungen und äußert sich insbesondere zu kultur- und gesellschaftspolitischen Themen.

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