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Buchkritik | Beitrag vom 18.10.2019

Harry Bingham: "Fiona – Das tiefste Grab"Tatwaffe Excalibur

Von Tobias Gohlis

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Buchcover zu  "Fiona - Das tiefste Gab" von Harry Bingham (Rowohlt)
Für Fans von mythologischen Verschwörungen: "Fiona - Das tiefste Gab" von Harry Bingham. (Rowohlt)

Auf der Suche nach dem Schwert von König Artus: Der britische Schriftsteller Harry Bingham verknüpft im neuen Fiona-Griffiths-Krimi "Das tiefste Grab" Feminismus mit Polizeiarbeit und historischem Rätselspiel. Eine gelungene Kombination.

Die Serie um Fiona Griffiths zählt zum Aufregendsten, was gegenwärtig an internationaler Kriminalliteratur zu haben ist. Fiona ist Detective Sergeant, Anfang 30, superschlau und hat klare Ansprüche an ihre Vorgesetzten. Sie haben ihr gefälligst eine möglichst ausgefallene Leiche zu servieren, bevor sie sich vom Fall zurückziehen, um sodann Fiona den Job zu überlassen. Sie ermittelt in den abwegigsten Gebieten von Wales und Verschwörungen, die so abartig sind, dass nur sie dahinterkommen kann.

Als Jugendliche hat Fiona unter dem Cotard-Syndrom gelitten. Das ist eine seltene psychische Krankheit, in der man sich oder Körperteile von sich als abgestorben und tot erlebt. Daher hat Fiona eine besondere Beziehung zu Toten – sie fühlt sich ihnen näher als den Lebenden.

Mord an Artus-Forscherin

In Band sechs – "Das tiefste Grab" – führt Harry Bingham Fiona und ihre Leser mitten in den Mythos von König Artus. Bis heute wird ausgiebig darüber spekuliert, ob der König, der im sechsten Jahrhundert die heidnischen Sachsen bekämpft haben soll, eine historische Figur war. Kein Wunder also, dass bei Fiona alle Alarmsirenen schrillen, als eine Artus-Forscherin ermordet aufgefunden wird. Ihr wurde der Kopf abgeschlagen, in ihrer Brust stecken drei eisenzeitliche Speerspitzen.

Um diesen Fall zu lösen, muss Fiona selbst zur Artus-Forscherin werden. Denn wo die Wahrheit so zweifelhaft ist, steigt der Wert jedes faktischen Beweises in die Millionen. Hier geht es um die Wahrheit über einen, ja: den walisischen – nicht englischen – Nationalhelden. Und nicht zuletzt um die Existenz seines Schwertes, das wohl das berühmteste aller Zeiten ist: Excalibur. Dessen walisischen Namen können nur Waliser aussprechen.

Zwischen Hardboiled und Romantik

Die Leser von Harry Binghams "Das tiefste Grab" müssen ein bisschen Begeisterung für lateinische Dokumente und mythologische Verschwörungen aufbringen, um Fiona, ihrer neuen todkranken Freundin Katie und ihrem Vater in die Abgründe der Geschichte auf die Kante zwischen Fakten und Fälschung zu folgen. Doch es lohnt sich: Bis in die feinsten Verästelungen des Plots versteht es Harry Bingham in diesem Pageturner, Feminismus mit Polizeiarbeit, Spannung und Abenteuer, historische Wahrheit und Imagination zu verknüpfen.

Weil Bingham seine Leser liebt, wendet er sich stets mit einem Nachwort an sie. Im Nachwort zu "Das tiefste Grab" erklärt er, dass er einen dritten Weg zwischen dem Realismus der Hardboiled-Novels eines Chandler und den romantischen Rätseln in der Tradition von Arthur Conan Doyle sucht. Mir scheint, mit Fiona hat er ihn schon gefunden.

Harry Bingham: "Fiona - Das tiefste Grab" 
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien und Kristof Kurz
Rowohlt, Hamburg 2019
542 Seiten, 10 Euro

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