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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 30.06.2016

Haptik-Labor in LeipzigDas Geheimnis der Selbstberührungen

Von Dörte Fiedler

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Ein England-Fan mit englischer Flagge als Gesichtsbemalung hält die Hände ins Gesicht. (imago sportfotodienst)
Eine typische "Selbstexploration" zur Regulierung der Emotionen: Ein englischer Fußballfan trauert um das EM-Aus seiner Mannschaft (imago sportfotodienst)

Immer wieder berühren wir uns selbst, meistens im Gesicht - bis zu 800 Mal am Tag. Schon Föten im Mutterleib tun das. In Leipzig werden diese Selbstberührungen erforscht - und sie scheinen tatsächlich eine Funktion zu erfüllen.

"Ja, hallo, hier ist Dörte Fiedler. Ich sitze hier schon vorm Haus..."

Ich treffe Martin Grunwald, er ist Leiter des Haptik-Labors das an der Uni Leipzig am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung angesiedelt ist.

"Sehr gut. Bis gleich. Tschüss."

Der promovierte Psychologe kommt Pfeife rauchend aus der Mittagspause und nimmt mich mit ins Subterrain des Gebäudes in die Räucherbude, wie er sein Labor nennt.

"Das ist mein Labor, sozusagen mein Büro, eine Kombination aus Werkstatt und Büro, das hat den Vorteil, weil wir ja auch viel bauen müssen und selber bauen und ich da einige Aufgaben übernehme in dem Bereich und dann ist relativ kurzer Weg vom Schreibtisch an die Werkbank. Und dann kann man hier sofort seinen Kram bauen den man braucht."

Grundwald forscht zum Tastsinn. Man könnte auch sagen, er hat sich dem Tastsinn verschrieben und das leidenschaftlich.

"Es genügt wirklich, nicht die Welt durch zweidimensionale Projektionen zu verstehen, also wir sind räumliche Wesen, der Mensch entspricht einer räumlichen Biologie und insofern ist auch seine Aneignung der räumlichen Außenwelt, muss also etwas Körperliches sein. Es genügt nicht, wie im Höhlengleichnis von Platon Schattenbilder zu beobachten und dann zu glauben, dass man irgendwas verstehen könnte von dieser Welt. Man hat vielleicht Ideen und Interpretationen, aber der Vorgang des Begreifens setzt das Greifen voraus."

Ein körpereigenes Messsystem

Der Tastsinn ist unser körpereigenes Messsystem, über ihn erfahren wir die physikalischen Eigenschaften der äußeren Umwelt. Wann ist etwas kalt oder heiß, weich oder hart. Wir müssen in Kontakt treten, um das zu erfahren. Um Menschen und die Einzelprozesse, die im Gehirn stattfinden, bei der ihrer tastenden Erkundung von Oberflächen und Objekten zu analysieren, brauchen die Forscher und Forscherinnen des Haptik-Labors speziell zugeschnittene Experimentalanordnungen und die bauen sie dann eben selbst.

Da gibt es dann zum Beispiel Haptik-Pads, kleine runde Platten in denen Tiefenreliefs eingeprägt sind, die dann verdeckt werden und mit denen man prüfen kann, wie genau man blind Strukturen unterschiedlicher Tiefe erspüren und zuordnen kann. Als Trainings- und Prüfinstrument ist das interessant für Physiotherapeuten, Osteopathen oder auch Veterinärmediziner, also sogenannte Vollkontaktberufe, die für ihre Diagnosen und Therapien auf das genaue Ertasten angewiesen sind.

Seit 1996 existiert das Haptik-Labor, es ist ziemlich einzigartig in Europa und beschäftigt sich neben Grundlagenforschung auch noch mit zwei weiteren großen Forschungsbereichen:

"Zweite wichtige Fragestellungslinien, die wir hier bearbeiten, sind Störungen der Tastsinneswahrnehmungen, also es gibt viele psychische und neurologische Erkrankungen bei denen die Tastsinneswahrnehmung an sich gestört ist, verändert ist. Und die dritte Achse unseres Labors ist die Industrieforschung."

An der Nase kratzen, an der Stirn berühren 

Die Liste der Unternehmen, für die Grunwald und sein Team versucht haben herauszufinden wie Dinge, Objekte, Geräte verändert werden müssen, damit sie hinsichtlich des Tastsinnessystems optimal sind für den Nutzer, ist lang. Die ist Anfrage groß und steigend. Aber allein für die Industrie zu arbeiten wäre ihm zu eindimensional.

Aus allem was Grunwald erzählt, spricht seine Faszination für den Tastsinn, die vielen offenen Fragen die durch ihn produziert werden, die vielen Perspektiven die sich durch ihn eröffnen... Die aktuellste Studie untersucht ein Alltagsphänomen: Selbstberührungen.

"Sie freuen sich über etwas, oder sind erschrocken oder sind sehr traurig und ohne, dass ihnen das selbst bewusst ist, berühren sie ihr eigenes Gesicht mit den Fingern."

Klar, kennt man, man kratzt sich an der Nase, fasst sich an die Stirn, streicht sich übers Kinn... An die 800 Mal am Tag machen wir das. Selbstexplorationen nennt Grunwald diese Berührungen auch.

"Wir wissen nicht warum und wieso wir das machen und was das Gehirn da für eine Rolle spielt und wofür es eigentlich gut ist und da haben wir schon vor einigen Jahren angefangen uns mit diesem Verhalten näher zu beschäftigen und herauszukriegen, was eigentlich der Profit für unseren Organismus ist, wenn wir uns selbst im Gesicht berühren."

Eine winzige Geste mit großen Auswirkungen. Schon Föten im Mutterleib tun das. Über ein EEG, also eine Elektroenzephalografie, das ist eine neurologische Methode um Hirnstromwellen an der Kopfhaut zu messen und aufzuzeichnen, haben die Forscher und Forscherinnen des Haptik-Labors Erstaunliches herausgefunden:

"In den hirnelektrischen Aktivierungsmustern kann man sehen, dass nach einer Selbstberührung, die ja nun sehr kurz ist, also eine bis zwei Sekunden dauern die ja nur, das sich nach solchen Stimulationen die Hirnaktivität massiv verändert. Man kann das kaum glauben, aber es ist so dass sich die Hirnaktivität kurz bevor so eine Selbstberührung ausgelöst wird, in einem ganz anderen Zustand befindet als kurz danach."

Regulation von Emotionen

Die kleine Berührung der eigenen Wange ist dann dafür zuständig, dass Hirnbereiche aktiviert werden, die für die Regulation von Emotionen zuständig sind. Sehr kurze, aber extreme emotionale Entgleisungen werden so quasi wieder auf ein mittleres Niveau geregelt.

"Also man kann sich das so vorstellen, als würde unser Organismus die Selbstberührungen auslösen immer dann, wenn die Emotionen zu stark werden, sowohl die positiven als auch die negativen Emotionen."

Die minimale Selbstberührung hilft uns also dabei handlungsfähig zu bleiben und nicht nur das, auch das Arbeitsgedächtnis profitiert davon. Denn immer dann, wenn störende Reize von außen auftreten und der Inhalt des Arbeitsgedächtnisses verloren zu gehen droht, immer dann wird eine Selbstberührung ausgelöst.

"Das ist so als würden wir verhindern, durch solche Selbstexplorationen verhindern, dass uns ein wichtiger Gedächtnisinhalt nicht verloren geht."

Die Forschungen zu spontanen Selbstberührungen sind allerdings längst nicht abgeschlossen, momentan wird wieder anhand von EEG-Messungen untersucht, ob das überlastete Gehirn jetzt eigentlich von der gesamten Bewegung - also Finger wandert zur Nase - oder von der Berührung an sich profitiert. Auf die Frage nach dem praktischen Sinn dieser ganzen Forschungen hat Martin Grunwald natürlich auch eine Antwort:

"Ja, Warum machen die denn das eigentlich? Haben die nichts Besseres zu tun. Äh - Wir könnten uns ja auch im Hochwasserschutz engagieren - nee, es ist so, wir glauben das therapeutische Interventionen, also Psychotherapie und auch Psychiatrie kann vielleicht von solchen Analysen - vielleicht können wir diese Art der Selbstexploration, als eine Art der Sprache dekodieren, so dass wir als Therapeuten, als Behandler als Behandlerinnen besser verstehen was diese Zeichen zu bedeuten haben für den Organismus."

Als wir uns nach gut zweieinhalb Stunden Gespräch mit einem festen Händedruck verabschieden, ist mir völlig klar, warum Martin Grunwald beim Tastsinn hängen geblieben ist. In seinen Worten: Man dreht sich drei Mal um und hat schon weitere 100 Fragen vor sich.

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