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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.12.2008

Hanseatische Wurzeln

Die Kunstsammlerin Ingvild Goetz

Von Carsten Probst

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Fotografien sind eine der Leidenschaften von Ingvild Goetz, Deutschlands einflussreichste Sammlerin. Die Veranstalter von Kunstmessen, auf denen sie auftaucht, können sich entspannt zurücklehnen.

Im Gegensatz zu so manchem Sammler, der die große, repräsentative Geste sucht, strahlt die Sammlung Goetz nach außen zunächst nur Diskretion aus. Zur Straße hin im Münchner Villenviertel Oberföhring ist nur ein hoher Zaun zu sehen und dahinter die Rückseite des Sammlungshauses. Ein edler, minimalistischer Bau der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron aus einer Zeit, in der sie noch keine Superstars waren.. Erst wenn man an den Seiten dieses Sammlungshauses vorbei ist, befindet man sich auf einem weitläufigen Parkgrundstück, an dessen anderer Seite das Privathaus von Ingvild Goetz steht. Auch hier herrscht edle Sachlichkeit des Designs. Vielleicht liegt das ja irgendwie doch an den hanseatischen Wurzeln der Sammlerin. Sie selbst als Person wirkt jedenfalls so: freundlich und zuvorkommend, ohne jede Selbstgefälligkeit, dabei immer sachlich und mit einem bemerkenswerten Interesse an Selbstauskunft.

Goetz: "Also ich hab in den sechziger Jahren angefangen und in den Achtzigerjahren wieder eine andere Generation, in den Neunzigern eine andere, und jetzt diese jüngste Generation. Und da stelle ich eben auch fest, also jetzt nicht nur die Künstler, sondern auch die Generation selber, was sie interessiert, ich seh das auch an meinen Kindern: Malerei interessieren die gar nicht mehr, sondern wenn, dann ist es Film oder Fotografie, auch in der Kunst, nicht. Und so geht es den Künstlern auch. Also heute einen jungen Künstler zu sehen, wie der mit dem Film umgeht, und noch einen, der digital angefangen hat vor circa 15 Jahren oder so, das ist schon ein großer Unterschied, und da ist eine Fertigkeit und auch eine Kreativität, die ich sehr faszinierend finde. Alles andere wirkt dagegen tatsächlich altmodisch, nicht."

Das ist eines ihrer großen Themen. Ingvild Goetz sagt von sich, dass sie nie eigentlich Kunst nur um der Kunst Willen gesammelt habe, sondern weil sie sich für die jeweils neue Generation interessiert, für deren Themen. Es wirkt fast, als sei das auch ein Qualitätsmaßstab für die Kunst, die sie für ihre Sammlung auswählt – durch welche Werke sie am besten versteht, was die jeweiligen jungen Künstler beschäftigt.

"Es ergab sich eigentlich, dass ich feststellte, dass es immer schwieriger wird, noch interessante Dinge in der Malerei zu tun. In der Malerei ist eigentlich alles gemacht worden, es gibt von der abstrakten über das monochrome über das gegenständliche Bild – und das meiste, was ich in der Malerei sehe, ist noch mal ein Aufguss von dem, was schon da gewesen ist bis hin zum Epigonalen. Und dann hab ich mir manchmal überlegt, wo geht’s denn hin, wohin geht der nächste Schritt, wo man sagen kann, die Kunst geht weiter."

Nein, angesprochen auf die Malerfürsten, die das deutsche Feuilleton so gern auf den Thron hebt, verzieht Ingvild Goetz lächelnd das Gesicht. Baselitz, Lüpertz, Immendorf, Neo Rauch – gute Geldanlagen vielleicht für eine bestimmte Zeit, aber nichts, wodurch sie etwas Neues sehen und erfahren könnte. Wichtiger als die Repräsentation ist Goetz, die von Hause aus zunächst Politische Wissenschaften studiert hat, die Reflexion auf die Gesellschaft, auf die Kunst als ein Medium sozialer Konflikte. Die Anfänge ihrer Sammlung reichen zurück in die sechziger Jahre, als sie begann, die Vertreter der Arte Povera zu sammeln, die das Erbe der klassischen Moderne in einen neuen politisch-ironischen Kontext setzten, mit neuen Konzepten, in den Kunst-Raum einzugreifen.

"Installationen sind auch nach wie vor noch interessant, da gibt’s noch Möglichkeiten. Aber das Video, was ja in den sechziger Jahren schon angefangen hat, da gab’s dieses Video auf den Monitoren, hat sich unglaublich weiterentwickelt, und zwar in der Form, dass man das natürlich sehr groß projizieren kann, das man als Künstler auf die Idee gekommen ist, das in Installationen mit einzubinden, ganze Räume mit Drei-, Vierfachprojektionen zu bespielen und auch zu kreieren, also man schreitet wirklich durch Landschaften, man ist Teil von diesen großen Videowerken, das fing an mich zu faszinieren."

Als Galeristin in Zürich hat Goetz früh in den siebziger Jahren versucht, Mischformen zwischen alten und neuen Medien zu finden und ist dabei gerade in der Schweiz ziemlich angeeckt. Zeichnungen und Gemälde von Cy Twombly, Videos und Installationen von Bruce Nauman, Aktionen von Wolf Vostell – das waren gezielte Konfrontationen mit dem gutbürgerlichen Geschmack, die zu derart heftigen Reaktionen führten, dass Goetz ihre Galerie 1973 nach München verlegte und dort schließlich die Seiten wechselte. Als eine Art Befreiungsschlag aus der ständigen Zwickmühle, dass sie als Galeristin stets Werke verkaufen musste, die sie am liebsten selbst gekauft hätte, entschloss sie sich, selbst nur noch Sammlerin zu sein. Inzwischen gilt sie als Deutschlands bedeutendste Sammlerin für Gegenwartskunst.

Goetz: "Am spannendsten finde ich natürlich Künstler, die in allen Bereichen arbeiten, und die gibt’s natürlich auch, die machen Filme, Bilder, Skulpturen und verknüpfen das miteinander."

Ihren neuen Sammlungsschwerpunkt – Fotografie und Video einschließlich aller ihrer digitalen Erweiterungsmöglichkeiten – sieht Ingvild Goetz auch als heutige Fortsetzung der klassischen Kunstgenres, Malerei, Grafik und Skulptur, nur eben mit der Computermaus als Werkzeug. Aber zugleich sieht sie die Gründung ihrer Sammlung in München auch als eine Art Korrektiv zur bisherigen, ähnlich wie einst in Zürich doch recht gutbürgerlichen Kunstszene. Mit einem geradezu aufklärerischen Ansatz möchte Goetz einen Kontrapunkt setzen und den Kunstbegriff der zuweilen ein wenig selbstzufriedenen Münchner erweitern helfen. Die Leute kommen mit Neugier zu ihr, auch wenn sie hier Zumutungen erwarten, wie etwa die Ausstellung mit den düster-sexuellen Trickfilmen der jungen schwedischen Künstlerin Nathalie Djurberg dieses Jahr. Immer wieder muss Ingvild Goetz sich überlegen, wie sie die herausragenden Positionen der Gegenwartskunst aus ihrer Sammlung ihren Münchnern beibringt:

Goetz: "Für viele Menschen wird es sicherlich ein Schock sein, vielleicht auch zuviel sein. Deswegen werden wir auch auf dem Informationsblatt die Leute auch drauf aufmerksam machen, dass das für viele Gemüter vielleicht nicht zu ertragen ist. Die sollen sich selber vorher überlegen, ob sie sich das antun wollen oder nicht, ne?"

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