Hans Ulrich Gumbrecht: „Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz“

Von der Präsenz des Geistes

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Cover des Buchs "Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz" von Hans Ulrich Gumbrecht
© Suhrkamp

Hans Ulrich Gumbrecht

Sepp. Mein Leben auf HalbdistanzSuhrkamp, Berlin 2026

493 Seiten

30,00 Euro

Von Jörg Magenau |
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Der große Denker Hans Ulrich Gumbrecht legt mit „Sepp“ einen Lebens- und Karrierebericht vor. Berühmtheiten und überraschende Bekenntnisse machen die Geistesgeschichte in eigener Sache überraschend unterhaltsam.
Man könnte das Unternehmen von Hans Ulrich Gumbrecht als Geistesgeschichte bezeichnen oder als Geschichte des Geistes in eigener Sache. Etwas bescheidener formuliert handelt es sich um den Lebens- und Karrierebericht eines Akademikers, der in den 1950er- und 60er-Jahren in Würzburg aufwuchs, um über die Universitäten Konstanz, Bochum und Siegen in die Welt hinaus aufzubrechen, Professor in Stanford und amerikanischer Staatsbürger zu werden. Die „Halbdistanz“ ist der natürliche Aufenthaltsort dieses Weltbürgers, der sich nirgendwo ganz zugehörig fühlt, aber gerade deshalb neugierig bleibt.
Ist so eine universitäre Erfolgsgeschichte interessant? Erstaunlicherweise ja. Das liegt nicht nur an intellektuellen Berühmtheiten von Gadamer bis Luhmann, die Gumbrechts Weg kreuzten, sondern auch an überraschenden Bekenntnissen. Ein leidenschaftlicher Leser sei er nie gewesen; am Unterrichten liege ihm nicht viel; sein Schreibtalent sei bestenfalls mittelmäßig und seinem Berufsfeld „Geisteswissenschaften“ sei zu misstrauen, da es unangebracht scheint, in diesem Zusammenhang von „Wissenschaft“ zu sprechen. Wie konnte so einer zum Literaturwissenschaftler werden?

Skepsis gegenüber dem Konzept „Autobiografie“

Angetrieben habe ihn stets ein „grenzenloser Ehrgeiz“, der aus einem ewigen Minderwertigkeitsgefühl resultierte und sich in einer Fixierung auf Zählbares manifestierte. Demnach kann Gumbrecht auf 2.535 Veröffentlichungen zurückblicken, darunter 60 Buchtitel. Mit „Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz“ versucht er, eine Summe aus all dem zu ziehen – aller Skepsis gegenüber dem Konzept „Autobiografie“ und allem Wissen um die Fragwürdigkeit der Erinnerung zum Trotz.
Anstelle einer chronologischen Erzählung greift er auf den Begriff der „Präsenz“ zurück, den er selbst geprägt hat. Damit ist gemeint, dass das Denken und die Theoriebildung sich nicht im leeren Raum ereignen, sondern in sinnlicher, leiblicher Präsenz des Körpers an einem bestimmten Ort.
Von diesem Gedanken ausgehend ordnet Gumbrecht seine Lebensbilanz nicht chronologisch, sondern nach Städten, die ihn geprägt haben und die für die Geistesgeschichte – die allgemeine und die persönliche – relevant sind. Das funktioniert mal besser und mal schlechter. Manche Abschnitte sind eher dröge Inventurverzeichnisse von Kongressverläufen und Doktorandenseminaren, doch im gelingenden Fall, wie zum Beispiel im Paris-Kapitel, prunktet Gumbrecht mit einer Fülle von Begegnungen und Ideen.

Enorme Spannweite der Interessen

Dort, wo er als Schüler noch Sartre im Café sitzen sah, lernte er später den französischen Philosophen Althusser kennen, besuchte Vorlesungen von intellektuellen Größen wie Lacan und Foucault. Letzterer lud ihn zu seinem Erstaunen in ein vietnamesisches Restaurant ein, um ein internationales Zeitschriftenprojekt zu besprechen.

Ich war pünktlich und für einen Moment beinahe erschrocken, wie sehr der wartende Foucault den vielen Photographien entsprach, die ich von ihm gesehen hatte. Er trug den weißen Rollkragenpullover, wirkte austrainiert und wandte mir das prägnant männliche Gesicht unter dem glatten Schädel zu. Ohne Einleitungssätze erklärte er anschaulich und wie aus weiter Ferne einen Plan, der unseren Treffen seinen Anlass gegeben hatte.

Aus: "Sepp" von Hans Ulrich Gumbrecht

Die enorme Spannweite der Interessen Gumbrechts zeigt sich, wenn danach plötzlich Thomas Tuchel ins Spiel kommt, damals Trainer von Paris Saint-Germain. Gumbrecht, leidenschaftlicher Fußballfan und Autor eines großartigen Buches über Sport, war mit Tuchel schon seit dessen Dortmunder Zeit befreundet. Nun durfte er ein Training besuchen, wo er unter anderem den Spielern Kylian Mbappé und Neymar begegnete.

Neymar verabschiedete sich schnell mit einer leichten und schweißfeuchten Umarmung. Der ernstere Mbappé hatte bloß Zeit, mir kurz die Hand zu schütteln, da seine Mutter vor der Kabine wartete, um ihn nachhause zu bringen. Beim Abendessen berichtete Thomas, dass der Wagen von Mbappé mit Kraftgeräten ausgestattet sei, die sein Jungstar während der halben Stunde Fahrt zur Formstabilisierung nutze.

Aus: "Sepp" von Hans Ulrich Gumbrecht

Sport ist für Gumbrecht deshalb so faszinierend, weil hier die leibliche Präsenz im Raum sichtbar wird, die er auch in geistigen Phänomenen zu erfassen sucht.

Überwindung der Halbdistanz

Als Intellektueller blieb er stets offen für verschiedenste Perspektiven; die selbsterklärte „Halbdistanz“ kennzeichnete nicht nur seine Lebens- sondern auch seine Denkweise.
Als Literaturwissenschaftler setzte er zunächst auf die Hermeneutik, also auf die immerwährende Unabgeschlossenheit der Textinterpretation. Doch bald sehnte er etwas herbei, das über diese Sinnzuschreibung hinausgeht, etwas Sinnlich-Greifbares, das er das „Nicht-Hermeneutische“ und später „Präsenz“ nannte. Damit griff er auf altbewährte Philosophen zurück, auf Husserl und Heidegger vor allem.
Heidegger wurde ihm schließlich auch zu einem Schlüssel für die japanische Kultur während eines Aufenthalts in Kyoto.

So begann ich, meine Sehnsucht nach einer Kultur zu verstehen, in der Geist und Materialität, das Denken und die Gegenstände, Individuum und Gesellschaft nicht in wechselseitigen Distanzen verbleiben mussten, sondern sich berührten und durchdrangen.

Aus: "Sepp" von Hans Ulrich Gumbrecht

Mit Heidegger und dem japanischen Philosophen Nishida gelang es ihm in Japan, die „Halbdistanz“ aufzuheben und sich selbst als erfahrungshungrigen Teil der materiellen Welt zu empfinden. Gumbrechts intellektuelle Biografie ist damit auch eine Suche nach Erlösung und Überwindung des Abstands, der ihn oder vielmehr das Denken von der Welt trennt. Es ist ebenso aufregend wie anregend und unterhaltsam, ihm dabei zuzusehen.
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