Hans Koller zum 100.

    Der Vater des Cool Jazz

    10:13 Minuten
    Die Jazz-Sängerin Ella Fitzgerald und der Saxophonist Hans Koller zu Gast bei Fatty George im Wiener "Tabarin", um 1960.
    title: Die Jazz-Sängerin Ella Fitzgerald und der Saxofonist Hans Koller zu Gast bei Fatty George im Wiener "Tabarin", um 1960. © picture alliance / IMAGNO/Franz Hubmann
    Stephan Wuthe im Gespräch mit Mascha Drost · 12.02.2021
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    Seine Wurzeln lagen im Swing. Der 1921 geborene Österreicher Hans Koller war schon in seiner Jugend ein musikalischer Überflieger. Nicht zuletzt durch den Zweiten Weltkrieg kam er in Kontakt mit dem US-Jazz, von dem er sich später emanzipierte.
    Mascha Drost: Hans Koller war nicht nur Jazz-Saxofonist und Komponist, er war auch ein Avantgardekünstler, ein Klangmaler. Seine Wurzeln lagen wie bei vielen Musikern seiner Generation im Swing. Hans Koller schlug dann aber ganz andere Wege ein. Wie begann seine Karriere?
    Stephan Wuthe: Koller machte bereits als Jugendlicher eine fundierte Ausbildung auf dem Saxofon. Dem Vater, der auch Musiker war, gelang es sogar, ihn mit 14 Jahren an der Wiener Musikakademie als Überflieger in der Klasse des 5. Semesters unterzubringen.
    Mit 20 wurde Koller in den Kriegsdienst einberufen und geriet in US-amerikanische Gefangenschaft. Aufgrund seines Talents und seiner Affinität zum Jazz konnte er eine Jazzband im Lager gründen, deren Leiter er wurde.
    Dazu ist überliefert, dass er erst spät entlassen wurde: Seine Musik war so packend und inspirierend, dass die US-Offiziere einen so guten Saxophonisten nicht so schnell gehen lassen wollten.
    So konnte er Einflüsse der in der Kriegszeit unbekannten US-amerikanischen Musik aufnehmen. Dies sollte für Koller bei seiner Rückkehr nach Wien eine große Rolle spielen. 1946 gründete er mit dem Wiener Jazzmusiker Ernst Landl den Hot Club Vienna, der sich immer noch an einem swingenden, doch vor allem progressiven Musikstil orientierte.

    Die kleine Combo klang wie ein Orchester

    Drost: Was unterscheidet denn den Hot Club Vienna von anderen Bands der Zeit?
    Wuthe: Der Hot Club Vienna war modernistischer. Die Band spielte nur in kleiner, wechselnder Combobesetzung von in der Regel sieben bis neun Musikern. Die waren aber so geschickt gesetzt, dass es wirkte, als würde ein großes Orchester spielen.
    Dazu kamen Soli, die den gewünschten Kontrast in einem coolen riff-artigen Stil zeigten – also etwas Cooles - und Instrumentierungen, die den beginnenden Modern Jazz prägen sollten. So scheute man zum Beispiel auch nicht vor einem Vibraphon zurück.
    Drost: Koller verließ schon 1950 Österreich und ging nach München. Kurz darauf gründete er ein eigenes Quartett mit etwas jüngeren Musikern. Was war denn das für eine Truppe?
    Wuthe: Diese kleine Formation, der auch die Pianistin Jutta Hipp und der Posaunist Albert Mangelsdorff angehörten, widmete sich tatsächlich dem Modern Jazz. Man hat ab 1950 bereits bekannte Titel aufgegriffen – wie zum Beispiel so einen Swingklassiker wie "Stompin’ At The Savoy" oder "Honeysuckle Rose" – und in Rhythmik und Melodie komplett zerklüftet.
    Es wurden immerzu kontrapunktische Akzente in Rhythmik und Harmonie gesetzt. Die Musik näherte sich damit als Klangideal der damaligen Malerei eines Picasso und Dali an, lieferte quasi die akustische Interpretation der modernen bildenden Kunst.

    Aufnahmen für das US-Label Discovery

    Drost: Konnte Koller damit die deutsche Hörerschaft überzeugen, schließlich begann auch die Zeit der Heimatfilme und des sentimentalen Schlagers?

    Wuthe: Der Jazz von Koller sorgte - das ist interessant - international für Aufsehen: So konnte das Quartett 1953 eine Reihe von Titeln für das US-amerikanische Plattenlabel "Discovery" aufnehmen. Damit hatten die Münchner Musiker einen unglaublichen Erfolg. Das US-Musikmagazin "Downbeat" hat die Aufnahmen in höchsten Tönen gelobt. Dadurch konnte Koller mit US-Amerikanern, die nach Europa kamen, auf Tournee gehen.
    Koller entwickelte in den folgenden Jahren eine Reputation, die es ihm ermöglicht hätte, als gefeierter Star in die USA auszuwandern. Doch er zog es vor, in Europa zu bleiben und den europäischen Jazz zu emanzipieren, ihn vom Ursprungsland USA abzunabeln und eigene Richtungen zu entwickeln.
    Drost: 1970 nach Wien zurückgekehrt, zog er sich in den 90er-Jahren immer mehr zurück und widmete sich in erster Linie seiner Malerei. Wie profitiert denn die jüngere Generation von Koller?
    Wuthe: Obwohl der Name Hans Koller unverdienterweise heute leider nur noch Insidern bekannt sein dürfte, steht er als Vater des Cool Jazz und des Abstrakten hoch im Kurs. Er hat die Basis des heutigen Modern Jazz gelegt und prägte ihn mit seinem Talent der perfekten Improvisation, die punktgenau einen kompromisslosen eigenen Sound ermöglicht.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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