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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.05.2020

Hans Joachim Schädlich: "Die Villa"Wohlstand durch Eintritt in die NSDAP

Von Rainer Moritz

Sepiafarbene Ansicht einer alten Villa (Rowohlt / Deutschlandradio)
Geschichte eines sozialen Aufstiegs: Hans Joachim Schädlichs "Die Villa" hinterlässt einen nachhaltigen Leseeindruck. (Rowohlt / Deutschlandradio)

Hans Joachim Schädlich erzählt in "Die Villa" vom Aufstieg einer Familie im Nationalsozialismus. In beeindruckender Kürze entfaltet der autobiografisch grundierte Roman ein historisches Panorama.

Es hat sich eingebürgert, für Hans Joachim Schädlichs neuere Prosa stereotyp das Adjektiv "lakonisch" zu verwenden. Kurz, knapp, auf Andeutungen und Aussparungen setzend – so erzähle Schädlich und schaffe so einen Resonanzraum für die von ihm verhandelten historischen Ereignisse, den der Leser selbst zu füllen habe.

Und ja, lakonisch geht es in gewisser Weise auch in Schädlichs neuem, ohne Gattungsbezeichnung auskommendem Buch zu. Doch anders als in "Kokoschkins Reise" oder "Felix und Felka" bleibt Schädlich dieser Erzähllinie diesmal nicht treu, schiebt bei der Klärung geschichtlicher Sachverhalte Erklärungen ein oder zitiert, ganz unlakonisch, ausführlich aus Briefen. Zu tun hat das, so steht zu vermuten, mit dem autobiografischen Hintergrund des Berichteten, der es wohl nicht erlaubt, konsequent erzählerische Strenge walten zu lassen.

Das Glück währt nicht lang

Der schmale Roman spielt vorwiegend im vogtländischen Reichenbach, wo Schädlich vor knapp 85 Jahren geboren wurde. Ein junges Ehepaar, Hans und Elisabeth Kramer, stehen im Mittelpunkt des Geschehens.

Sie heiraten 1931, bekommen drei Söhne und, endlich, eine Tochter, und sie partizipieren an einem Wohlstand, den Hans nicht zuletzt seinem frühen Eintritt in die NSDAP verdankt. Ohne als verbohrter Ideologe aufzutreten, nutzt er seine politischen Kontakte und trägt die Parteilinie mit, bis er sich, als sich der historische Wind während des Russland-Feldzugs zu drehen beginnt, quasi als "Opfer" begreift.

Schädlich beschreibt die Geschichte eines sozialen Aufstiegs. Hans tritt in die Wollfirma seines Schwiegervaters ein und will auch nach außen ein Zeichen seines Wohlstands setzen: Er erwirbt in Reichenbach eine elegante Gründerzeitvilla, stattet sie großbürgerlich aus und sieht sich am Ziel seiner Wünsche.

Doch sein Glück währt nicht lang: Hans erkrankt und stirbt, sechsunddreißigjährig, im August 1943; Elisabeth kann die Villa nicht halten, versucht sich und ihre Kinder durchzubringen und sieht mit an, wie nach Kriegsende erst die Amerikaner und dann die Russen ins Vogtland einmarschieren. Im hohen Alter – das bildet den Erzählrahmen – reist sie als Achtzigjährige nochmals nach Reichenbach, um "ihre" Villa wiederzusehen.

Unnötige Abschweifungen

Schädlich benötigt auch in "Die Villa" nur wenige Seiten, nur lapidare Sätze und Dialoge, um ein weites Panorama zu spannen. So gelingt es ihm, in schneidender Kürze gleichzeitig die historischen Einschnitte, das Heranwachsen der Kramer-Kinder, das Verschwinden von Juden, die Vergasung von Elisabeths in einer "Irrenanstalt" untergebrachten Bruder Fritz oder den Alltag eines französischen Zwangsarbeiter darzustellen. Für die Ausdruckskraft von Sätzen wie "Für Georg war der Tod seines Vaters wie das Ende seines Lebens" bräuchten andere Autoren ganze Romankapitel.

Nicht immer also hält Schädlich diesmal an seinem kondensiert-konzentrierten Erzählen fest. Aber wenn Georg beispielsweise die Jungvolkprüfung besteht und angehalten wird, sich die Zeitschrift "Der Pimpf" zu kaufen, kommt Schädlich nicht umhin, deren Hauptschriftleiter Herbert Reinecker, der Jahrzehnte später Krimiserienklassiker wie "Der Kommissar" oder "Derrick" schrieb, namentlich zu nennen.

Solche – unnötigen – Abschweifungen stören, ändern jedoch nichts am nachhaltigen Leseeindruck, den "Die Villa" hinterlässt.

Hans Joachim Schädlich: "Die Villa"
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020
189 Seiten, 20 Euro

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