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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.06.2020

Hans Fricke: "Unterwegs im blauen Universum"Die abenteuerliche Welt unter Wasser

Von Günther Wessel

Das Cover von Hans Frickes "Unterwegs im blauen Universum” vor Deutschlandfunk Kultur Hintergrund. (KiWi / Deutschlandradio)
Hans Fricke: "Unterwegs im blauen Universum”. (KiWi / Deutschlandradio)

Dass er als Jugendlicher fast ertrank, hinderte ihn nicht daran, einer der erfolgreichsten deutschen Taucher und Biologen zu werden. Jetzt erzählt Hans Fricke über seine Forschung ewta zum Quastenflosser - voller Enthusiasmus!

Frickes Leidenschaft für die Unterwasserwelt erwacht als Elfjähriger, ausgelöst durch einen Dokumentarfilm von Hans Haas über das Rote Meer. Er flüchtet 18jährig aus der DDR, auch um Biologie studieren zu können. Doch mehr als die Vorlesungssäle interessiert ihn von Anfang die Unterwasserwelt – vor allem das Verhalten der Meeresbewohner – und so fährt er 1962 während des Studiums mit Taucherausrüstung, allein und ohne viel Geld, aber mit umso mehr Enthusiasmus nach Ägypten, radelt am Roten Meer entlang bis fast an die sudanesische Grenze, um unterwegs immer wieder auf Tauchgänge zu gehen.

Überbordende Neugierde und Abenteuerlust

Schon damals zeigt sich, was Hans Fricke später als Wissenschaftler und Tierfilmer auszeichnet: Überbordende Neugierde und Abenteuerlust treffen auf Risikobereitschaft, Hartnäckigkeit und eine genaue Beobachtungsgabe. Der Biologe arbeitet am Institut des berühmten Verhaltensforschers Konrad Lorenz und an amerikanischen Forschungszentren, promoviert und habilitiert sich. Er entwickelt zwei Tauchboote – Geo und Jago – und eine Unterwasserstation, in der er Tage verbringen kann. 

So beobachtet er jahrelang Seeanemonenfische ("Clownfische") und stellt fest, dass diese eine eigentümliche Geschlechtsumwandlung vollziehen. Die Jungtiere sind alle männlich. Sie bekämpfen einander, und der Sieger wird dann zu einem Weibchen, was dann eine Gruppe männlicher Fische anführt. Stirbt das Weibchen, setzt sich das ranghöchste Männchen an seine Stelle und ändert dabei sein Geschlecht.

Bahnbrechende Forschung

Berühmt wird Hans Fricke vor allem aber, weil dem von ihm geleiteten Forscherteam die 1987 die ersten Filmaufnahmen des Quastenflossers gelingen. In knapp 200 Metern Tiefe wird der Urzeitfisch vom Tauchboot aus gefilmt – in der Folge erforschte Fricke die Lebensraum und seine Lebensweise des lange als ausgestorbenen geltenden Quastenflossers. 

Die von ihm entwickelten Tauchboote setzte Fricke auch im Toplitzse im österreichischen Salzkammergut ein. Dort bergen die Taucher kistenweise von den Nationalsozialisten gefälschte britische Pfundnoten – und entdecken auf ihnen ein bislang unbekanntes Methanbakterium. Im Bodensee bergen sie die Wracks abgestürzter Flugzeuge.

In seinem Buch und in seinem Leben legt Hans Fricke ein spannendes Panoptikum von Unterwasserwelten vor, die Bilanz eines langen Forscherlebens. Nur eines trübt die Lesefreude ein wenig, es fehlt die inhaltliche Stringenz. Was es aber neben allem Fachlichen lesenswert macht, ist die spürbare Begeisterung des Autors für die Unterwasserwelt – ein Enthusiasmus, der ansteckt.

Hans Fricke: "Unterwegs im blauen Universum"
Galiani, Berlin 2020
352 Seiten, 25 Euro

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