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Sein und Streit | Beitrag vom 12.07.2020

Hans Blumenberg zum 100. GeburtstagMeister der Metaphern-Deutung

Von Michael Reitz

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Der Philosoph Hans Blumenberg (Peter Zollna / Suhrkamp Verlag)
"Bekanntester Unbekannter" - Philosoph Hans Blumenberg (Peter Zollna / Suhrkamp Verlag)

Er hat ein Gesamtwerk von mehreren tausend Seiten hinterlassen, trotzdem gilt er nach wie vor als großer Unbekannter. Doch es lohnt sich, Hans Blumenberg neu zu entdecken - auch weil er aktuelle Begriffe wie Konsumverzicht oder Nachhaltigkeit vordenkt.

Hans Blumenbergs Buchtitel klingen harmlos: "Schiffbruch mit Zuschauer", "Die Vollzähligkeit der Sterne" oder "Die Verführbarkeit des Philosophen". Doch Hans Blumenberg serviert keine leichte Kost. Es ist sperrig. Aber wer sich nicht abschrecken lässt, lernt einen originellen Denker kennen, sagt Felix Heidenreich, Autor einer Monografie zu Hans Blumenberg:

"Blumenbergs Denken wirkt hier in gewisser Weise wie so ein bisschen Sand im Getriebe, indem er uns eben daran erinnert, dass das genuin Menschliche darin besteht, nicht immer sofort zu reagieren und sich eben auch mal die Zeit zu nehmen, die Dinge erst mal wirken zu lassen. In diesem Sinne ist Blumenbergs Denken vielleicht auch aus der Zeit gefallen."

Verfolgt durch die Nationalsozialisten

Hans Blumenberg wird am 13. Juli 1920 in Lübeck geboren. Nach dem Abitur 1939 will er studieren, was ihm die Nazis verwehren: Seine Mutter ist Jüdin. Deshalb studiert er an kirchlichen theologisch-philosophischen Hochschulen Theologie. Sie sind noch nicht der Kontrolle der nationalsozialistischen Machthaber unterworfen. Doch bald macht ihm die braune Diktatur auch dieses Studium unmöglich. Er muss 1942 zum Arbeitsdienst.

Als "jüdischer Mischling" eingestuft, wird er Anfang 1945 in das Zwangsarbeiterlager Zerbst verschleppt. Aufgrund der persönlichen Intervention des Industriellen Heinrich Draeger kann Hans Blumenberg das Lager verlassen. Er studiert nach dem Krieg Philosophie, in Hamburg wird er 1958 Professor. Nach Stationen an den Universitäten Gießen und Bochum lehrt er bis zu seiner Pensionierung 1985 in Münster.

Metaphern als Wegweiser unseres Weltverständnisses

Zu seinen bekanntesten Büchern gehört die 1960 veröffentlichte Arbeit "Paradigmen zu einer Metaphorologie". Denn Metaphern, also sprachliche und gedankliche Bilder, so Hans Blumenbergs These, haben gegenüber den Begriffen einen großen Vorteil. Er schreibt: "Ihre Wahrheit ist pragmatisch. Sie geben einer Welt Struktur, repräsentieren das nie erfahrbare, nie übersehbare Ganze der Realität. (…) Metaphern sind in diesem Sinne Leitfossilien (…) der theoretischen Neugierde."

Metapher – das heißt, ein Wort wird ersetzt durch ein anderes, in der Bedeutung verwandtes: "Quelle" für Ursache, "kaltes Herz" für Gefühlsarmut, "fauler Zauber" für Betrug. Hans Blumenberg schreibt: "In den großen Metaphern und Gleichnissen schlägt sich nieder, wird abgewandelt und ausgebaut, was an (…) Orientierung gewonnen wurde. Eine der immer präsenten Prägungen ist die vom Leben als Seefahrt. Sie umspannt Ausfahrt und Heimkehr, Hafen und fremde Küste, Ankergrund und Navigation, Sturm und Windstille, Seenot und Schiffbruch, nacktes Überleben und bloßes Zuschauen."

Sprachbilder, die die Wahrheit verdunkeln

Hans Blumenbergs Metaphernlehre ist keine philosophische Spitzfindigkeit. Sie sensibilisiert für merkwürdige Sprachkonstruktionen, wie sie auch in der Politik vorkommen. Denn manche metaphorischen Vereinfachungen vernebeln eher, als dass sie verdeutlichen. Das Wort "Klimawandel" beispielsweise suggeriert einen langsamen Vorgang – und damit die Möglichkeit, während des Verwandelns noch genügend Zeit zu haben, ihn aufzuhalten.

Eine wahre Flut von verdunkelnden Metaphern entstand mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise um das Jahr 2008/09 herum. Banken oder ganze Staaten sind nicht etwa hoffnungslos pleite, sondern nach inoffizieller Lesart lediglich "in Schieflage geraten". Angesichts der Corona-Pandemie ist des Öfteren die Rede von einer "Herdenimmunität": Das Bild einer schützenden Rotte stellt sich ein.

1966 erweitert Hans Blumenberg seine Kulturkritik. Sein Buch "Die Legitimität der Neuzeit" wird zwar bei Erscheinen wenig beachtet, es gilt heute jedoch als eine der treffendsten Analysen der Moderne. Er schreibt: "Der in der Verborgenheit Gottes seiner metaphysischen Garantien für die Welt beraubte Mensch konstruiert sich eine Gegenwelt von elementarer Rationalität und Verfügbarkeit."      

Als Gott zum Willkürherrscher wurde

Der Philosoph Franz Josef Wetz ist Autor einer umfassenden Einführung in das Denken Hans Blumenbergs. Sein Urteil: "Er sagt, am Ende des Mittelalters hat man Gott eine solche Machtvollkommenheit zuerkannt, dass er willkürlich herrschen könne. Gott ist so etwas wie ein absolutistischer Souverän. Wenn Gott ein absolutistischer Souverän ist, dann ist er für uns Menschen eben nicht mehr kalkulierbar. Wir können uns nicht mehr auf ihn verlassen. Seine Logik ist nicht unsere Logik. Das heißt, wir müssen jetzt als Antwort auf diesen Willkür-Gott des Spät-Mittelalters unser Geschäft selbst in die Hand nehmen, woraus dann die Neuzeit entsprang als Selbstbehauptung des Menschen gegenüber einem Gott, auf den man sich nicht mehr verlassen kann."

Diese Grundidee Hans Blumenbergs hat weitreichende Folgen. Denn der Wegfall Gottes, der Verlust des letzten Sinns oder des Erlösungsgedankens hinterlässt eine Leerstelle. Ein Sinnvakuum, das der Mensch auf Dauer nicht aushalte.

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Für Hans Blumenberg sind viele politische Katastrophen des 20. Jahrhunderts durch dieses Vakuum zu erklären. Denn wenn wir Ideologien absolute Gültigkeit beimessen, rennen wir in unser eigenes Verderben. Das "Tausendjährige Reich" der Nazis kostete Millionen von Menschen das Leben. Der realexistierende "Sozialismus" bedeutete Deportationen, Arbeitslager und Massenerschießungen. Was heißt das für unsere Zeit?

Mit Blumenberg gedacht, lässt sich sagen: Auch Konsum und Fortschrittsdenken unserer Spätmoderne sind über weite Strecken nichts anderes als die Kompensation einer Fremdheit und Orientierungslosigkeit des modernen Menschen.

"Höhlenausgänge": Geschichten als Zähmung der Wirklichkeit

Die Konsequenz, die Hans Blumenberg daraus zieht, beschreibt Franz Josef Wetz: "Die Leerstellen sollen wir streichen. Wie können wir sie streichen? Indem wir die Ansprüche und Erwartungen herabsenken. Das heißt mit anderen Worten, er verordnet uns eine Sinn-Diät." Damit ist Hans Blumenberg ein Denker, der heute aktuelle Begriffe wie Konsumverzicht oder Nachhaltigkeit vordenkt.

In  seinem  Buch "Höhlenausgänge", 1989 veröffentlicht, beschreibt  Hans Blumenberg den Menschen als ein Wesen, das sowohl Schutz sucht als auch das Bedürfnis verspürt, auf die Jagd zu gehen. Er stellt sich die Situation unserer Ahnen folgendermaßen vor: Die Stärkeren und Mutigeren gingen auf die gefährliche Suche nach Nahrung. Die anderen, die weniger Mut und Kräfte hatten, blieben in den Höhlen zurück. Salopp formuliert, so Franz Josef Wetz, sorgten die einen für den Unterhalt, die anderen für die Unterhaltung: 

"Das Zentrale ist, dass die Höhle ein Ort der Geborgenheit ist. Sie wird zum Inbegriff der Kultur. Sie ist sozusagen der Vorläufer der Kultur. Die Personen in der Höhle entwickeln Geschichten, sie entwickeln dann die Mythen, sie entwickeln die Religionen, sie entwickeln die Kultur, in der sich die Menschen die Wirklichkeit da draußen durch Geschichten vertraut und gefügig machen."

Hans Blumenberg war kein Philosoph der lauten oder kritischen Töne, wie beispielsweise seine Frankfurter Kollegen Theodor W. Adorno oder Jürgen Habermas in seinen jungen Jahren schon. Er sprach weder vor Kameras, noch nahm er Einladungen zu Kongressen an. Seine Ideen und Gedanken sind eine intensive Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Zeit, ihren zahlreichen Ideologien und ihrem Beschleunigungsimperativ. Hans Blumenberg ist ein Denker, der heute mehr denn je gebraucht wird.

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