Hannelore Kraft: Gradlinig nach vorn spielen

Hannelore Kraft im Gespräch mit Marietta Schwarz · 12.07.2010
Gradlinig nach vorn spielen, sei auch in der Politik der beste Weg, sagt Hannelore Kraft, designierte Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. SPD und Grüne seien eine "Koalition der Einladungen", so die SPD-Politikerin.
Marietta Schwarz: Jetzt ist sie zu Ende, die Fußball-WM in Südafrika, die Spanier sind Weltmeister durch das gestrige 1:0 gegen die Niederlande. Die Niederländer hätten ja gerne im Finale gegen die deutsche Elf gespielt, das erwähnt man natürlich lieber, als wenn es andersherum gewesen wäre. Ja, es steht sehr gut da, dieses Team von Jogi Löw, auch wenn es am Ende "nur" – in Anführungszeichen – für Platz drei gereicht hat, sind die Deutschen eigentlich wieder Weltmeister der Herzen geworden. Jetzt fragt sich natürlich, was können wir von den Kickern lernen, was lässt sich vom Rasen auf die Gesellschaft, die Politik übertragen, und darüber wollen wir sprechen mit der möglicherweise zukünftigen Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen und bekennenden sportbegeisterten Hannelore Kraft. Guten Morgen, Frau Kraft!

Hannelore Kraft: Guten Morgen, Frau Schwarz!

Schwarz: Sie haben ein wichtiges politisches Wochenende hinter sich. Haben Sie trotzdem die Spiele am Samstag und auch gestern Abend gucken können?

Kraft: Ja am Samstag habe ich leider nur die zweite Halbzeit geschafft, aber die war ja auch, glaube ich, noch ein bisschen interessanter und besser, und gestern habe ich das Endspiel gesehen, ja.

Schwarz: Für wen waren Sie?

Kraft: Das war schwierig für mich. Also die Niederländer sind ja hier sehr nah dran, also da guck ich schon immer hin, ob die auch gut spielen, aber sie waren in der ersten Halbzeit aus meiner Sicht ein bisschen zu hart. Die Spanier haben gut gespielt. Am Ende war es ausgeglichen, weil die Niederländer dann doch durch ein paar Schiedsrichterentscheidungen benachteiligt worden sind. Ich fand es schade, dass da so in der Verlängerung dann noch das Tor fiel, ich hätte gern ein Elfmeterschießen gesehen.

Schwarz: Aha! Vier Wochen, Frau Kraft, dauert so eine WM, das ist ja verhältnismäßig kurz im Gegensatz zu einer, sag ich mal, Legislaturperiode. Nehmen Sie von diesem sympathischen deutschen Team jetzt trotzdem etwas mit auf Ihrem neuen Weg in Nordrhein-Westfalen?

Kraft: Na ja, was mich begeistert hat, ist ja, dass sie so nach vorne gespielt haben, dass sie so erfrischend gespielt haben. Ich hoffe, das können wir auch politisch hier umsetzen. Aber ihre Stärke lag darin, dass sie eine große mannschaftliche Geschlossenheit hatten. Da stach ja keiner richtig hervor, auch wenn Thomas Müller jetzt der Torschützenkönig geworden ist und der Jungstar der WM. Trotzdem war die Mannschaft eigentlich als Mannschaft erkennbar. Jeder hat für jeden gekämpft, und das hat den Erfolg dann doch gebracht. Und daran würde ich mich schon gerne orientieren hier in Nordrhein-Westfalen.

Schwarz: Heute unterzeichnen Sie ja den Koalitionsvertrag mit den Grünen. Ihr frisch geschmiedetes Bündnis spielt da ja eher auf Sicherheit. Sie haben das selbst eben extra betont. – Rein defensiv wäre das deutsche Team natürlich nicht so weit gekommen.

Kraft: Nein, wir spielen ja nicht defensiv, sondern wir spielen offensiv, wir sind ja eine Koalition der Einladungen, wir brauchen die Unterstützung von einer Stimme bei manchen Entscheidungen im Landtag – nicht bei allen – und darum werden wir werben. Wir versuchen, eine gute Politik für Nordrhein-Westfalen zu machen und wir laden jeden ein, dabei auch mitzumachen. Und es gibt viele Anknüpfungspunkte auch in die anderen Fraktionen hinein.

Schwarz: Frau Kraft, wenn wir mal an Personen denken, wer beeindruckt Sie denn am meisten? Philipp Lahm, Sebastian Schweinsteiger oder Jogi Löw?

Kraft: Ja, ich bin nicht so ein Löw-Fan. Also mich hat eigentlich Thomas Müller sehr beeindruckt und Philipp Lahm. Aber Schweinsteiger hat die größte kämpferische Leistung gebracht.

Schwarz: Recht gut auf die Politik übertragen lässt sich derzeit ja vielleicht auch der Fall Ballack, der abrupte Absturz eines Kapitäns, das Ersetztwerdenkönnen – noch ist er ja noch nicht weg vom Fenster –, das Rüttgers-Syndrom, könnte man vielleicht auch sagen. Stößt das Ihnen unangenehm auf oder denken Sie, das ist halt so die normale Härte des Lebens in diesen hohen Gefilden?

Kraft: Nein, ich fühle da schon mit, das ist ja keine einfache Situation, weder für Ballack noch für den Ministerpräsidenten dieses Landes. Menschlich sehe ich das schon, dass das eine schwierige Situation ist.

Schwarz: Werfen Sie da dem Philipp Lahm vielleicht auch was vor, dass er so nach vorne geprescht ist?

Kraft: Nein, er hat Verantwortung übernommen, das war ja auch nicht einfach in der Situation, und er hat das sehr gut gemacht, finde ich. Und ich bin gespannt, wie das weitergeht, wer da weiter Kapitän bleibt.

Schwarz: Was würden Sie Ballack denn jetzt strategisch raten?

Kraft: Na ja, es kommt darauf an, wie gut er auch wieder in Form kommt, das wird man ja sehen müssen. Das ist eine sehr junge Mannschaft, die jetzt gut eingespielt war beim Turnier und die hat eine große Zukunft vor sich. Ballack muss sich dann da auch wieder integrieren. Ob das gelingen wird, das wird die Zeit erst zeigen.

Schwarz: Man hat ja auch im Zusammenhang mit der Nationalelf von deutscher Romantik gesprochen. Ist es allzu romantisch, in diesen Sphären, im Fußball wie in der Politik, von Ethik, von Anstand zu reden?

Kraft: Na ich hätte beim Fußball nicht von Romantik gesprochen, denn Romantik, das waren ja viele Schnörkel, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, und die deutsche Mannschaft hat sehr gradlinig gespielt und den Weg nach vorne gesucht und ich glaube, das ist in der Politik auch der beste Weg.

Schwarz: Und wie verhält es sich in dem Fall Ballack, ist das in Ordnung?

Kraft: Was meinen Sie jetzt?

Schwarz: Na ja, dass man ihm ansehen musste, wie er von der Tribüne in seinem Gesicht sich abgezeichnet hat, dass es ohne ihn auch gut läuft?

Kraft: Ich glaube nicht, dass man ihm das ansehen konnte. Ich habe gesehen, wie er aufs Spielfeld wollte dann und leider nicht drauf konnte. Er hat sich gefreut für seine Mannschaftskameraden und ich glaube, das stand erst mal im Vordergrund. Er ist ein Teamplayer, so habe ich ihn kennengelernt, und ich glaube, dass das auch das Entscheidende ist.

Schwarz: Die designierte Ministerin von Nordrhein-Westfalen Hannelore Kraft war das. Danke, Frau Kraft, und kommen Sie gut durch diese Woche!

Kraft: Danke schön!
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