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Rang I | Beitrag vom 20.04.2019

Hannah-Arendt-Challenge in HannoverDas Theater als Gegengift zur Lüge

Alexander Karschnia im Gespräch mit Janis El-Bira

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Lügner mit sehr langer Nase (imago stock&people / Derek Bacon)
Vom Lügen langgezogen: die Fake-News-Nase (imago stock&people / Derek Bacon)

Das Performance-Kollektiv andcompany&Co hat junge Hannoveraner*innen aufgerufen, sich von Hannah Arendts Credo "Ich will verstehen!" anstecken zu lassen. Eine der Arbeitshypothesen für ihr Stück "Fake Youth" lautete: "Lügen, bis sich die Balken biegen."

"Niemand hat das Recht, zu gehorchen" – so lautet eines der berühmtesten Zitate der Philosophin und Politologin Hannah Arendt. Ein Satz, der es inzwischen schon auf Poster und Postkarten geschafft hat.

Aber funktionieren Hannah Arendts durchaus komplizierte Texte auch als Grundlage für einen Theaterabend? Vor allem: Für einen Theaterabend mit Jugendlichen? Auf jeden Fall, sagt das postdramatische Performance-Kollektiv andcompany&Co und erarbeitet deshalb gerade eine Performance am Jungen Schauspiel Hannover auf Grundlage von Arendts Hauptwerk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft".

Die Philosophin Hannah Arendt mit Zigarette in der Hand (imago/ AP Photos)Die Philosophin Hannah Arendt (imago/ AP Photos)

Im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur sagt Alexander Karschnia von andcompany&Co, dass ihn vor allem die ungebrochene Aktualität dieses beinahe 70 Jahre alten Textes fasziniert habe: "Der Aspekt, der uns zunächst daran interessiert hat, warum wir auf das Buch gestoßen sind, war die Frage des Umgangs mit Flüchtlingen. Da kann man das fast eins zu eins lesen, wenn man seit 2015 die Debatten verfolgt.

Das war der Einstieg in dieses Buch und jetzt hat sich das enorm verschoben in der Zwischenzeit. Das Buch hat ja auch so ein globales Comeback erlebt nach der Vereidigung von Donald Trump als US-Präsident. Da war Amazon plötzlich in der Verlegenheit, dass sie das Buch gar nicht mehr schnell genug ausliefern konnten. Also es war plötzlich zurück in den Bestseller-Charts. Auch das berühmte Gespräch von Hannah Arendt mit Günter Gaus ist ein YouTube-Hit geworden. Und das liegt natürlich an der politischen Großwetterlage."

Dabei ähneln für Karschnia insbesondere die Diskurse aus der Entstehungszeit des fast 1000-seitigen Buches auf verblüffende Weise unserer Gegenwart:

"Es gibt so einige Stellen, wo man sich fragt: Okay, wann ist das geschrieben worden, war das in den 40er Jahren oder gerade eben? Sie beschreibt da Auflösungen von Milieus, von Bindungen, sie beschreibt ein Phänomen, was wir seit zwanzig Jahren als Politikverdrossenheit diskutieren, dass die Parteien es nicht mehr schaffen, vor allem die Jugend anzusprechen, weswegen Parteizugehörigkeiten erodieren. Das sind alles Phänomene, die wir eins zu eins eigentlich gerade auch erleben."

Leben mit einem ungebrochen aktuellen Buch

Für "Fake Youth", so der Titel des Projekts am Jungen Schauspiel Hannover, wollen andcompany&Co die Aktualität des Textes vor allem hinsichtlich der neuen Technologien und sozialen Medien weiterdenken. Schließlich wird Facebook, Twitter und Co. aufgrund der durch sie scheinbar unaufhaltsam verbreiteten Fake News immer wieder nachgesagt, sie begünstigten den Aufstieg totalitärer Machthaber und Systeme, betont Alexander Karschnia.

"Das Ganze wird spielerisch dadurch aufgezogen, dass wir sozusagen eine Hannah-Arendt-Challenge begonnen haben, so wie man sie vielleicht auch im Internet machen würde. Wir haben als Requisiten für alle dieses dicke Buch bestellt, das ja auch wirklich sehr schön ist, liegt gut in der Hand und ist auffällig. Und wir haben gesagt: 'Okay, dieses Buch nehmt ihr jetzt überallhin mit – außer unter die Dusche!  - und lebt mit diesem Buch. Und das hat dann so ein Eigenleben entwickelt. Die Jugendlichen haben plötzlich angefangen, auf Instagram diese Geschichte zu dokumentieren, haben sich selber dazu verabredet, Fotos zu machen und haben aus dem Buch gemeinsam gelesen. Und natürlich haben wir die ganze Zeit gesagt: Ihr müsst das Buch gar nicht ganz gelesen haben. Und das hat sie natürlich provoziert – und viele haben angefangen, wirklich viel in diesem Buch rumzulesen."

Die zwei Seiten des Fakes

Für Karschnia soll sich dabei das "Als ob" des Theaters, also sein besonderes Verhältnis zur Lüge im Spiel, als ein mögliches Gegengift zur Lüge in der Politik erweisen:

"Das war sozusagen unsere Arbeitshypothese. Wir haben gesagt: Wenn das in der Politik passiert, ist das brandgefährlich, also gehört das eigentlich auf die Bühne. Wir können lügen, bis sich die Bretter, die die Welt bedeuten, biegen. Und es gibt natürlich auch die zwei Seiten des Fakes: Es gibt auch ein Fake, das empowernd wirken kann. Musiker sagen sich immer: 'Fake it until you make it.' Und das gilt natürlich auch gerade für junge Leute, die Theater spielen. (…) Und das hat Hannah Arendt auch selber gesehen: Die Wurzel der Lüge und des politischen Handelns, das ist dieselbe."

Die Uraufführung von "Fake News" findet am 24. April im Jungen Schauspiel Hannover statt. Die weiteren Termine: 26. April, 28. April, 3. Mai, 18. Mai und 21. Mai. 

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