Donnerstag, 18.07.2019
 

Interview | Beitrag vom 18.04.2019

HandystrahlungIst 5G gefährlicher als gedacht?

Philip Banse im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Auf einem Protestschild steht: Keine Mobilfunksender in unserem Dorf! Sie gefährden unsere Gesundheit! (imago images / Michael Eichhammer)
Mit der nächsten Mobilfunkgeneration 5G kommen viele Sender hinzu, die mit mehr Energie strahlen. (imago images / Michael Eichhammer)

Haben die vermeintlichen Hysteriker am Ende recht? Im Zuge der Versteigerung der 5G-Lizenzen ist die alte Debatte wieder aufgeflammt, ob Handystrahlung gesundheitsschädlich ist. Neuen Studien zufolge kann das durchaus der Fall sein.

Liane von Billerbeck: Gerade werden ja die Frequenzen für den neuen Mobilfunkstandard 5G versteigert, und für 5G müssen wahrscheinlich viele neue Mobilfunkmasten aufgestellt werden. Und da ist eine alte Debatte wieder neu aufgeflammt, die sich um die Frage dreht: Sind elektromagnetische Strahlen, wie sie für das WLAN, aber vor allem für Mobiltelefone genutzt werden, gesundheitsschädlich? Darüber möchte ich jetzt mit meinem Kollegen Philip Banse reden. Wer sich über Elektrosmog beklagt, der wird ja oft ausgelacht – zu Recht?

Philip Banse: Würde ich nicht sagen. Es gibt einfach Menschen, die auf elektromagnetische Strahlung sensitiver und empfindlicher reagieren als der Durchschnitt. Aber es ist durchaus für den ganzen Rest der Menschen nicht wirklich geklärt und verlässlich wissenschaftlich nachgewiesen, wie elektromagnetische Strahlen verschiedener Frequenzen auf sie wirken. Vor allem nicht langfristig, also wenn Menschen über Jahrzehnte elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt sind und wenn immer mehr Strahlenquellen hinzukommen.

Es gibt einfach jüngere Studien, die einige Wissenschaftler auf der ganzen Welt fordern lassen, auch in öffentlichen Appellen: Stoppt den Ausbau dieser Mobilfunktechnik 5G, bis wir wissen, was vor allem höhere Frequenzen beim Menschen bewirken können.

Die neuen Studien sind umstritten

Billerbeck: Was sagt denn die Wissenschaft, was sagen denn neueste Studien?

Banse: Also im Kern werden da drei, vier Studien debattiert. Die eine ist die schon etwas ältere Interphone-Studie, die hat gezeigt, dass bei sehr intensiver und langer Mobilfunknutzung Gehirntumore vermehrt auf jener Seite des Kopfes auftreten können, an dem Mobiltelefone gepresst werden. Das basiert allerdings auf Patientenbefragungen und ist schwer zu wiederholen. Auch aufgrund dieser Forschung hat aber die Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation Mobilfunkstrahlen als "möglicherweise krebserregend" eingestuft.

Dann gibt es diese Langzeitstudie des National Toxiology Programs der US-Regierung, die hat letztes Jahr gezeigt, dass männliche Ratten Herztumore entwickeln können. Allerdings wurden diese Ratten mit viel höheren Dosen elektromagnetischer und Mobilfunkstrahlung ausgesetzt, als das bei üblicher Mobiltelefonie heute auftritt. Dagegen hat die italienische Krebsforscherin Fiorella Belpoggi gezeigt, dass Ratten auch Krebs bekommen können, wenn sie mit realistischen Dosen von Mobilfunkstrahlung bestrahlt werden.

All diese Studien haben Schwachstellen und sind nicht oft einfach auf den Menschen übertragbar und werden von der EU und dem Deutschen Bundesamt für Strahlenschutz auch nicht als Beleg gewertet, dass Mobilfunkstrahlen innerhalb der geltenden Grenzwerte als gefährlich gelten.

Grenzwerte beruhen auf der "Erwärmungsthese"

Billerbeck: Dann will man natürlich wissen, wer die Grenzwerte eigentlich festsetzt?

Banse: Ja, und das ist so ein bisschen der umstrittene, letztlich, Knackpunkt, auf den man schon noch mal hinweisen kann: Das sind meist de facto letztendlich nationale Behörden wie zum Beispiel das Deutsche Umweltministerium. Allerdings fußen diese Grenzwerte auf der These, dass Strahlen, elektromagnetische Strahlen nur dann gefährlich sind, wenn sie unser Gewebe um mehr als ein Grad zusätzlich erwärmen, was im Alltag so eigentlich nie auftritt und deswegen zum Beispiel für die Telekomindustrie auch kein problematischer Grenzwert ist. Diese Erwärmungsthese aber wurde von ICNIRP, einem privaten Wissenschaftlerverein, und zwar schon vor über 20 Jahren in die Welt gesetzt.

Mittlerweile ist diese These unter Wissenschaftlern sehr umstritten, auch wegen dieser oben genannten Studien. Diese Kritiker sagen, Mobilfunkstrahlen können schon Schaden anrichten, bevor sich das Gewebe um mehr als ein Grad zusätzlich erwärmt, und diese Wissenschaftler monieren vor allem, dass Grenzwerte in der EU und auch in Deutschland de facto von diesem privaten Verein ICNIRP maßgeblich mitbestimmt werden und dass dieser Verein aber nur 13 Mitglieder hat im Kern, die alle diese Erwärmungsthese vertreten und Studien, die ein bisschen ein anderes Licht draufwerfen, beiseite wischen.

Die neue Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Inge Paulini, steht am 26.04.2017 am Tag ihrer Amtseinführung vor dem Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter (Niedersachsen). (picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte)Hält die Widerlegung der Erwärmungsthese für wissenschaftlich nicht gesichert: Inge Paulini, Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz. (picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte)

Billerbeck: Wie lautet denn nun die Einschätzung des Bundesamtes für Strahlenschutz? Das ist ja hierzulande die höchste Behörde dieses Thema betreffend.

Banse: Genau, das Bundesamt für Strahlenschutz stellt diesen ICNIRP-Verein sogar mietfrei Räume, eine Angestellte des Bundesamtes leitet das wissenschaftliche Sekretariat dieses privaten Vereins, und das Umweltministerium überweist diesem Verein jedes Jahr 100.000 Euro. Ich habe die Präsidentin des Bundesamts für Strahlenschutz, Inge Paulini, gefragt, warum sie denn keine transparente Wissenschaftlerkommission beruft, in der wirklich, sagen wir mal, alle wissenschaftlichen Standpunkte zu diesem Thema vertreten sind und die dann demokratisch legitimiert abwägen können, was als gesicherter Stand der Forschung gilt und welche Grenzwerte daraus abzuleiten sind.

Sie sagte, es gäbe keine Forschung, die diese Erwärmungsthese gesichert infrage stellten, diese These gelte, das sei der Standard, und die Richtlinien dieses ICNIRP-Vereins seien nur ein, wenn auch wichtiger Baustein für ihre amtlichen Strahlenschutzempfehlungen. Die Langzeitwirkungen elektromagnetischer Strahlen, sagt sie, müssten jedoch noch besser erforscht werden, vor allem, wenn bei dieser neuen Mobilfunktechnik 5G jetzt irgendwann auch mal höhere Frequenzen zum Einsatz kommen, als sie heute schon im Mobilfunk üblich sind. Die Präsidentin plädierte für mehr Forschung und für einen behutsamen stufenweisen Ausbau von 5G.

Was der Einzelne tun kann, um sich zu schützen

Billerbeck: Kurze Frage zum Schluss: Was kann ich als einzelner Mensch tun, um mich weniger Strahlung auszusetzen?

Banse: Nicht so furchtbar viel. Also das ist ja auch so ein bisschen das Problem, warum diese Debatte so hochkocht. Menschen sind überall elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt und in wachsendem Maße. Und das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt einfach zum Beispiel, mit einem Headset zu telefonieren, damit man das Mobiltelefon nicht an den Kopf hält, und auch dann nicht zu telefonieren, wenn der Empfang schlecht ist, weil dann das Mobiltelefon mit maximaler Leistung strahlt. Aber wahnsinnig viel mehr kann man eigentlich nicht machen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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