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Zeitfragen | Beitrag vom 04.08.2020

Handwerker-VideosDas geheime Wissen der Hobbykeller

Von Ralf Bei der Kellen

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Autor Ralf Bei der Kellen beim Basteln am Küchentisch (Deutschlandradio / Ralf Bei der Kellen )
Wie schrumpft der Schrumpfschlauch? - Autor Ralf Bei der Kellen beim Basteln am Küchentisch. (Deutschlandradio / Ralf Bei der Kellen )

Handwerker-Videos im Internet haben ihren ganz eigenen Charme – und bieten neben Basteltipps zu Schrumpfschläuchen oder Aderendhülsenzangen bisweilen auch erstaunliche Lebensweisheiten, hat Ralf Bei der Kellen herausgefunden.

Immer wieder sage ich den Kindern: Lesen bildet, Youtube-Videos angucken sicher auch irgendwie, aber: Man muss sich auch bewegen. Und: Man muss was mit seinen Händen machen. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, repariere ich seit neuestem alte Plattenspieler.

Da die Mutter der Kinder nun woanders wohnt, kann sich das Projekt hemmungslos auf dem Küchentisch ausbreiten. Zum Essen reicht für drei Leute eine kleine Ecke. Oder es gibt Fingerfood auf dem Sofa. Dabei kann man dann auch wieder Youtube-Videos gucken.

Es wird nicht gelötet, es wird gecrimpt

Da ich handwerklich unbegabt bin und wegen Physik schon mal ein Schuljahr in den Kamin schreiben musste, hole ich mir für alles Rat aus dem Internet. Und siehe da: Kabel, so erfahre ich, werden heute nicht mehr gelötet oder in Lüsterklemmen brutal zwangsverheiratet, nein, heute wird "gecrimpt".

Da auch ich mit der Zeit gehen will, besorge ich mir das entsprechende Werkzeug, das offiziell den Namen "Aderendhülsenzange" trägt, ein Name, der die Sprache des deutschen Hobbykellers geradezu in die Zwangsanglisierung treibt. Verbunden werden die beiden mit Kabelendhülsen versehenen Kabel dann in einem sogenannten "Stoßstück". Schließlich muss das Stoßstück doppelseitig gecrimpt werden.

Handwerker-Videos über den Schrumpfschlauch

Um dem nach einigen missglückten Versuchen erhaltenen, noch immer etwas suboptimal anmutenden Konstrukt nun noch einen Anschein von Professionalität zu geben, besorgte ich mir einen Schrumpfschlauch. Den steckt man über die Kabel und erhitzt ihn – woraufhin er schrumpft. Man erhält: ein doppelt gecrimptes, hauteng in schwarzes Plastik eingepacktes Stoßstück.

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Was nach einem Begriff aus dem Handbuch für den fortgeschrittenen SM-Fan klingt, muss aber vor Vollendung noch erhitzt werden. Der Fön muss her. Der wird nicht heiß genug. Also im Netz nachgesehen. Schlecht gemachte Videos, in denen von Nikotin und allerlei Lacken schwer verfärbte und von vielen handwerklichen Notlösungen gezeichnete Hände mit Feuerzeugen hantieren, genießen vielleicht in gewissen gesellschaftlichen Segmenten eine Form der Street Credibility, mir aber reicht das nicht.

Ein gewisser Harry Vielwisser, in dessen Videos im Hintergrund immerzu ein Kanarienvogel zwitschert, benutzt zum Schrumpfen eine kleine Gasbrennerpistole.

Flammbieren, Gasherd oder Feuerzeug

Und: Hatte ich nicht neulich erst eine solche, die die Ex-Frau zum Flammbieren von Crème brulée angeschafft hatte, als überflüssigen Tand verdammt und ihr zu treuen Händen, also zur Belastung ihres eigenen Küchenschranks, mit Nachdruck übergeben? Ich habe keinen Platz für so etwas, meine Küche ist schließlich voller Plattenspieler. Egal, Harrys Schlauch schrumpft, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ich versuche es über dem Gasherd. Ergebnis: eine Brandblase und ein angesengtes Kabel.

Ein gewisser Kai gehört dagegen der Feuerzeugfraktion an. Die Auswahl der richtigen Schrumpfschlauchs kommentiert er so: "Man muss gucken, was man braucht, für was man das braucht und dann kann man das auswählen." Ein schlichter Satz, der nicht nur für das ausufernde Schrumpfschlauch-Sortiment auf Amazon gilt, sondern für das ganze Leben. Also verwende ich entgegen meiner Überzeugung nun doch ein Stabfeuerzeug und siehe da: Das Ergebnis sieht nun doch recht manierlich aus.

Manchmal sind es eben doch die Notlösungen, die am besten funktionieren. Und genauso manchmal gelingt die Vermittlung tiefer Einsichten nicht nur mit grammatikalisch ausgefuchsten Apercus – Handwerkervideos tun es auch.

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