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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.08.2009

Handke meets Beckett

Premiere "Das letzte Band" bei den Salzburger Festspielen

Von Christoph Leibold

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Nina Kunzendorf als Frau, André Jung als Krapp (Arno Declair)
Nina Kunzendorf als Frau, André Jung als Krapp (Arno Declair)

Auf der Basis des Textes von Samuel Beckett erzählt Peter Handke in "Das letzte Band / Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts" von Erinnerungen an eine Liebesgeschichte auf Tonband.

Es ist alles da, was Becketts alter Krapp seit jeher braucht: ein altmodisches Tonband und auch eine schwere Kiste, aus der er jene berühmte Schachtel drei mit der Spule fünf hervorkramt, mit der er tief in seine eigene Vergangenheit eintaucht, als er noch ein junger Mann und Liebe noch möglich war. In Jossi Wielers präzise-dichter Inszenierung bei den Salzburger Festspielen gibt André Jung den Krapp als eigenbrötlerischen Umstandskramer mit melancholischen Zügen.

Wenn Jungs Krapp jener Aufnahme lauscht, die von einem intimen Moment der Zweisamkeit mit einer namenlosen Frau auf einem Ruderboot erzählt, klammert er sich an die Bandmaschine. Traumverloren streift eine Hand zärtlich über den Apparat. Nein, diesem Krapp glaubt man es nicht, wenn er sagt, er wünsche sich die Zeit von damals nicht zurück. Da trauert einer einer verpassten Lebenschance nach!

Und so bleibt André Jung denn auch auf der Bühne und hört aufmerksam und sichtlich deprimiert zu, als nach der Hälfte des Abends Nina Kunzendorf als jene Frau aus dem Ruderboot auftritt, der Peter Handke in seinem Echo-Monolog eine Stimme gegeben hat; und die vielleicht die Liebe von Krapps Leben hätte werden können.

Opposites attract, heißt es. Und tatsächlich ist Nina Kunzendorfs namenlose Frau schon rein äußerlich das glatte Gegenteil von André Jungs Krapp: er verwahrlost, in sich zusammengesunken, barfuß, mit zersaustem, schütterem Haar. Sie aufrecht, elegant, die lange Mähne sorgfältig zum Zopf gebunden. Ihr Monolog ließe sich durchaus als Abrechnung mit Krapp spielen. Doch nichts davon bei Nina Kunzendorf.

Beinahe lässig schlendert sie herein und zieht unaufgeregt ihre Bilanz, die der Krapps diametral entgegengesetzt scheint. Wo Krapp in die Vergangenheit blickt und sich damit der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit aussetzt, vergegenwärtigt sie das Gestern und macht es so unvergänglich: "Im Schilf dort, im Boot dort waren wir unsterblich, sind wir unsterblich." Diesen zentralen Satz in Handkes Monolog spricht Nina Kunzendorf ganz lakonisch. Frei von allem Kitsch behauptet sie so die Liebe als sinnstiftende Kraft in einer von Krapp als unsinnig angenommenen Existenz.

Spätestens hier wird klar: Handke lässt nicht nur seine Protagonistin auf Krapp antworten; sein Echo ist ein doppeltes: "Bis das der Tag euch scheidet" ist auch ein Reaktion des Dichters Peter Handke auf die Dramatiker-Ikone Samuel Beckett. Und was für eine! Erfreulicherweise fast ohne die sonst bei Handke üblichen artifiziellen Sprach-Pirouetten. Dafür hoch poetisch, fast romantisch im Kern und mit dem unbedingten Willen, Becketts absurder Welt Lebenssinn entgegenzustellen.

Dass der ausgerechnet in der Liebe zwischen zwei Menschen liegen könnte, ist zwar kein besonders neuer Gedanke. In einer Zeit aber, da Becketts Nihilismus fast schon Common Sense ist, wirkt Handkes altmodisches Bekenntnis mutig - und aberwitzigerweise moderner als Krapps Welt mitsamt ihren verstaubten Tonbändern.

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