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Buchkritik | Beitrag vom 20.08.2020

Han Kang: "Weiß"Emotionale Selbstbefragung mit Hang zum Pathos

Von Dirk Fuhrig

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Das Buchcover "Weiß" von Han Kang vor einem grafischen Hintergrund (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)
Der Ton von "Weiß" sei betulich und bemüht, man könnte auch sagen: kitschig und allzu innerlich, meint unser Kritiker. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)

"Weiß" lautet der Titel des neuen Buches von Han Kang, die seit ihrem Besteller-Roman "Die Vegetarierin" hierzulande als wichtigste literarische Stimme Südkoreas gilt. Nun setzt sie sich mit dem Tod ihrer Schwester auseinander.

"Weiß" ist ein ausgesprochen persönliches Buch, das tief in frühkindliche Erlebnisse und psychische Verletzungen eintaucht. Der Text kreist um eine ältere Schwester, die nach ihrer Frühgeburt nur wenige Stunden gelebt hat.

Dieses Ereignis ist autobiografisch. Han Kangs Mutter hat den Tod ihrer Erstgeborenen - und später noch eines zweiten Säuglings - nie überwunden. Die Erzählerin trägt das Gefühl mit sich herum, dass sie nur deshalb in der Welt ist, weil die beiden ersten Kinder ihrer Eltern diese Welt nur kurzzeitig erblickt haben.

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Diese schmerzhafte Urerfahrung ist für die Schriftstellerin mit der Farbe Weiß verknüpft - beginnend mit den weißen Tüchern, in die Neugeborene gewickelt werden und dem Totenhemdchen, gleichfalls in der klinischen Farbe, in dem die Leiber beerdigt werden.

Von der Milchstraße bis zu Proust

Weiß wird nun in allen Varianten durchdekliniert. Von banalen Alltagsdingen wie dem Streichen einer neuen Wohnung über Reis und Salz bis zu kosmischen Phänomenen wie der Milchstraße.

Wabernde Nebel, die eine winterliche Stadt einhüllen, gelten ebenso als weiß wie Kieselsteine oder das "Porzellanlächeln", das es "vielleicht nur in ihrer Muttersprache" gibt und bedeutet, dass jemand "seelischen Ballast" abwerfen will.

Lilienmagnolien als Todesblumen, weiße Tabletten, also Medikamente, das Skelett in einer Röntgenaufnahme, aber auch etwa klinisch reine Zuckerwürfel - als eines der reinsten und wertvollsten Dinge, an die sich die Erzählerin aus ihrer Kindheit erinnert. Man denkt hierbei natürlich an eine Form des Madeleine-Erlebnisses im Sinne der Proustschen Erinnerungs-Theorie.

Erinnerung und Krankheit

Han Kang packt ihre Farb-Reflexionen in Dutzende von Kurzkapiteln. Die nur 150 Seiten sind gefüllt mit knappen Sequenzen - eine Art Lang-Gedicht, das in seiner Gesamtheit ein ausgefeiltes Sprachkunstwerk bildet. Zunächst wirkt vieles davon ungeordnet, impressionistisch. Am Ende ist die Botschaft jedoch überdeutlich: Weiß ist die Farbe der Unschuld und der Erinnerung, aber auch der Krankheit und des Todes.

Schwerer zu ergründen ist der Rahmen, in den Han Kang ihre Weiß-Reflexionen einbettet: der mehrmonatige Aufenthalt der Erzählerin in einer fremden Stadt. Warschau, das nach dem Aufstand 1944 von den Nazis fast vollständig zerstört und alsbald originalgetreu wieder aufgebaut wurde. Inwieweit die Erinnerung an den Krieg mit den psychischen Verwüstungen durch den frühen Tod der Geschwister bzw. mit der Rekonstruktion von Erinnerung zusammenhängt, bleibt der Assoziationskraft des Lesers überlassen.

Hoch poetisch, aber auch hoch pathetisch

"Weiß" ist eine stark emotional geprägte Selbstbefragung - der Schmerz der Erinnerung, das Leiden am familiären Schicksal wird plastisch und sehr eindringlich geschildert. Han Kang schreibt in einem zwar hoch poetischen, oft aber sehr pathetischen Gestus. Das wirkt mitunter dick aufgetragen.

Der Ton ist betulich und bemüht, man könnte auch sagen: kitschig und allzu innerlich. Bisher kannten wir Han Kang als letztlich eher kühle Beobachterin mit Sinn für skurrile Situationen und feine Ironie. An ihre erfolgreichen Romane "Menschenwerk" oder "Die Vegetarierin", in denen so viel über die südkoreanische Gesellschaft, über politische, soziale und familiäre Zustände aufblitzte, reicht dieser neue Text - der bereits 2016 entstand - jedenfalls nicht heran.

Han Kang: "Weiß"
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Aufbau Verlag, Berlin 2020
151 Seiten, 20 Euro

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