Hamburgs Manhattan

Blick auf die Binnenalster in Hamburg © Stock.XCHNG / jacob gerritsen
Von Silke Lahmann-Lammert · 01.06.2007
Als die Grindelhochhäuser gebaut wurden, sorgte das in der ganzen Bundesrepublik für Aufregung. Kritiker schmähten die ersten Hochhäuser Hamburgs als "seelenlose Wohnmaschinen". Ganz anders die Mieter: 1956 standen sie Schlange, um eine der begehrten Wohnungen zu ergattern.
Zu den ersten Bewohnern zählten viele Künstler, die sich in den großflächig verglasten Räumen im Staffelgeschoss Wohnateliers einrichteten. Die Fachwelt feierte die Grindelhochhäuser als Sensation. Aus ganz Europa reisten Architekten an, um "Hamburgs Manhattan" zu bewundern. Zurzeit wird das Ensemble - das seit 1979 unter Denkmalschutz steht - restauriert.

Axel Schildt ist mit dem Fahrrad gekommen. Fünf Minuten fährt der Historiker von der Uni bis zu den Grindelhochhäusern. Vor einem der geklinkerten Giganten – dem sogenannten Behördenhaus - schließt er seinen Drahtesel an, hastet durch die Schwingtür und tritt in den offenen Fahrstuhl.

"Wir sind jetzt im Bezirksamt und sind jetzt zwischen dem vierten und dem fünften Stockwerk. Im Paternoster. Darf heute gar nicht mehr gebaut werden. Es ist nur, glaub ich, weil die Gebäude unter Denkmalschutz sind und auch wohl weil anderes sich nicht so leicht hier rein installieren lassen würde, aber ansonsten gibt es nur noch wenige Orte, wo man überhaupt Paternoster fahren darf. Was ich als Kind immer geliebt habe. Und insofern bin ich sehr froh, dass man das mal wieder machen kann."

Axel Schildt hat sich als Wissenschaftler mit den Grindelhochhäusern beschäftigt und ein Buch über das Ensemble geschrieben.

"Ich selbst fand die Häuser am Anfang nicht schön. Also mein ästhetisches Empfinden haben sie nicht besonders angesprochen. Aber das hat sich geändert in der Zeit, in der ich mich damit beschäftigt habe."

"Jetzt sind wir im zehnten. Und ich glaube, es sind noch zwei Stockwerke. Nein, hier müssen wir aussteigen. Im elften. Upps... "

Eine Stiege führt in den zwölften Stock. Aus dem Treppenhausfenster fällt der Blick auf das Wohnhaus gegenüber. Es überragt das Bezirksamt Eimsbüttel um zwei Etagen. Hellgelb verklinkert - wie alle Bauten des Ensembles. Hier und da haben Mieter die rot-weiß-gestreiften Markisen herunter gelassen. Um alle zwölf Grindelhochhäuser gleichzeitig zu sehen, meint Axel Schildt, müsste man mit einem Hubschrauber übers Viertel fliegen:

"Dann sieht man die Anlage, die ja etwas sehr dynamisches hat. Man hat das auch verglichen mit einem Schiffsgeschwader – wohl noch mit den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Und diese Hochhäuser sind ja sehr langgestreckt, sogenannte Scheibenhochhäuser. Wenn man jetzt direkt vor den Häusern steht, sieht man natürlich sehr wenig, zumal jetzt auch mittlerweile dazwischen alles begrünt ist. Es ist ja wirklich die Art von Parklandschaft quasi entstanden, die die Architekten versprochen haben. Weil sie sagten: Mit einer sogenannten vertikalen Gartenstadt könne man sehr viel Grün schaffen zwischen den Häusern, wenn diese eben sehr hoch sind, dann hat man ja Fläche gespart, um diese zu begrünen. Das ist auch sehr gut gelungen."

Unmittelbar nach dem Krieg beschließen die Briten auf dem Terrain am Grindelberg Unterkünfte für die Besatzungstruppen und ihre Familien zu bauen.

"Das ist ein Teil des Projektes, dass Hamburg die Hauptstadt der britischen Zone werden sollte. Und die Engländer sich ausgerechnet hatten, dass sie doch einige Jahrzehnte hier bleiben würden. Und die Frage war: Wo sollte attraktiver Wohnraum entstehen? Denn die Besatzungsmacht war nicht bereit, in irgendwelche unattraktiven früheren Arbeiterwohnviertel zu ziehen, sondern in die wirklich guten bürgerlichen Gegenden. Und diese Fläche, das war eine sogenannte blitzed area. Das heißt: Die war also weitgehend zerbombt. Und hier konnte man neu bauen."

Sieben Architekten, die als nationalsozialistisch unbelastet gelten, sollen einen Plan für die Bebauung vorlegen. Federführend in der Gruppe sind Rudolf Lodders und Bernhard Hermkes. Ihre klar strukturierten, parallel angeordneten Blöcke knüpfen an Hochausvisionen der 20er Jahre an und sind in ihrer Leichtigkeit und Eleganz eine bewusste Abkehr von der Monumental-Architektur der Nationalsozialisten.

"Diese Architekten haben wirklich sehr eng zusammengearbeitet und hatten einen unglaublichen Druck von Seiten der Besatzungsmacht, doch sehr, sehr schnell Pläne vorzulegen."

Die Fundamente sind bereits gegossen, als Briten und Amerikaner beschließen, ein gemeinsames Hauptquartier in Frankfurt einzurichten. Zwei Jahre liegt die Hamburger Baustelle brach. Nach heftigen Diskussionen, was mit dem Gelände zu machen sei, fällt der Senat 1948 die Entscheidung, wie geplant weiter zu bauen. Und damit mehr als 2000 Wohnungen zu schaffen. Als dann Mitte der 50er Jahre auch das letzte der zwölf Hochhäuser bezugsfertig ist, fühlt Hamburg sich als Weltstadt. Das Abendblatt titelt:

"'Unser Hamburger Manhattan'. Wo dann gesagt wurde, andere müssten nach New York fliegen und hier brauchte man gar keine Flugkarte. Man hätte also das eigene Hochhausviertel mitten in der Stadt. Also es war etwas, worauf man Fremde hinwies. Busse fuhren hier hin, es war eine Sehenswürdigkeit. Es kamen auch viele Architekturstundenten mit ihren Professoren, um das zu studieren. Also es war schon etwas besonderes, zumal noch ein Faktor hinzukam: In der Zeit der frühen 50er Jahre war es ansonsten ja noch relativ kärglich um Einkaufsmöglichkeiten bestellt. Und hier – jeweils im Erdgeschoss der Häuser – waren große Einkaufsflächen. Also man konnte hier so flanieren, shopping gehen und sich sozusagen modern fühlen."

Die schillernden Geschäfte von damals sind verschwunden. Büros und Restaurants teilen sich heute die Ladenzeilen im Parterre. In Hochhaus Nummer 5 an der Hallerstraße, nur wenige Schritte vom Bezirksamt entfernt, gibt es noch einen Tabakladen und einen Bäcker.

In diesem Gebäude wohnen der Maler Diether Kressel und seine Frau Dorothea. Ein neuer, silberglänzender Fahrstuhl fährt bis in die 13. Etage. Von dort aus geht es über eine Treppe ins Staffelgeschoss. Diether Kressel wartet schon in der Tür. Durch den schmalen Flur führt er ins geräumige Wohnzimmer.

"Bitte nehmen Sie Platz!"

Helles Sonnenlicht dringt durch die umlaufenden Fenster in den Raum.

"Dies ist eine Fensterwand, die ist zehn Meter lang. Und rechts und links sind zwei Fensterwände von vier Metern jeweils."
Kressel blickt über die Dächer der Stadt bis zum Horizont. Aus dem Meer von Häusern ragen einzelne Gebäude wie Leuchttürme hervor:

"Das ist ja überhaupt der Traum der Wohnung. Dieser Blick hier raus! Also wo wir jetzt stehen, blicken wir genau auf den Fernsehturm und den Michel, der nen Stück weiter weg ist. Die Köhlbrandbrücke kann man sehen und die Hafenkräne können wir auch sehen, da ist ja richtig so’n bizarres Bild."

Auf der anderen Seite der Centercourt am Rothenbaum, weiter hinten der Stadtpark und die Kuppel des Planetariums.
1956 gehören die Kressels zu den ersten Mietern in der Hallerstraße 5. Bei der SAGA gibt es lange Wartelisten für die Neubauwohnungen. Aber als Maler ist Diether Kressel im Vorteil:

"Und zwar hatte die SAGA damals diese oberen Etagen-Wohnungen in der 14. Etage als Ateliers Künstlern angeboten. Es erwies sich dann natürlich mit der Zeit, dass die Räume im Grunde als Ateliers kaum zu gebrauchen sind. Weil sie einmal zu niedrig sind und zum andern auch die Lichtverhältnisse nicht günstig sind. Viel zu viel Sonne, nen Atelier muss eigentlich Nordlicht haben. Und so sind die Künstler zwar hier wohnen geblieben, aber sie haben sich die Ateliers dann woanders gesucht."

Elf Jahre nach dem Krieg Jahre fehlt es in Hamburg an Wohnraum. Ganze Familien müssen zur Untermiete in engen Zimmern leben. Eine Wohnung in den Grindelhochhäusern erscheint den meisten wie der Schlüssel zu einer neuen, besseren Zeit:

"Es war damals – glaub ich - sensationell diese Modernität schon mal dieser Häuser. Und wer hier einzog – im Allgemeinen – war sich dessen auch bewusst.
Müllschütte und eingerichtete Küche. Wir fanden das luxuriös.
Das war auch nicht so, dass wir das alles geschenkt bekamen, sondern wir mussten damals nen gewissen Abstand bezahlen. Das war ein zinsloses Darlehen. Und ich glaube, wir haben 1500 Mark bezahlt, damals. Das war normalerweise 3000 und wir konnten die Hälfte in Form eines Bildes zahlen. Und das ist kürzlich noch mal ausgestellt worden. Ich hab’s fast nicht wiedererkannt, dann aber schließlich doch."

Drei Kinder haben die Kressels in ihrer Wohnung großgezogen.

"Damals waren wir ja alle ganz junge Familien. Und es gab sehr viele Kinder. Und das verband auch. Das war für uns damals sensationell, dass man auch die Kinder losschicken konnte, ohne dass sie über die Straße laufen mussten."

Allerdings gibt es auch gefährliche Situationen: Eines Tages krabbeln die Nachbarsjungen im Flur des 14. Stocks aus dem Fenster und steigen auf den schmalen Mauervorsprung der Fassade.

"Und dann einmal rum. Als Mutprobe. Und das waren die Söhne von Christa Siems. Das war eine bekannte Volksschauspielerin am Ohnsorg Theater."

An die vielen prominenten Bewohner erinnert sich auch noch Ursula Seifert. Sie wohnt – zwei Aufgänge weiter – im achten Stock.

"Also Rechtsanwälte, Ärzte, ach so, und die oberen Wohnungen, Künstler, dann hatten wir hier unsere Herrn Malborg, der Komponist und Pianist, dann hatten wir hier unsere Edith Lang, unsere Opernsängerin, also wir hatten hier wirklich was. Ja, die Marianne Koch unter anderem, also ganz viele Schauspieler, auch Professor Haber zog ein."

Am Wohnzimmertisch neben Ursula Seifert sitzt ihre Freundin, Gerti Guhlke, aus der dritten Etage.

"Wir haben sogar bei der Sanierung eine WG gemacht, wir beide. Wir haben acht Wochen zusammen in einer anderen Wohnung gewohnt. Ich find, das sagt schon was aus, nich."

Wie die Kressels ziehen die beiden Frauen 1956 mit ihren Familien ins nagelneue Hochhaus an der Hallerstraße.

"Zuerst als ich die Häuser sah, da hab ich gedacht: Da ziehst du nie rein! Und heute ist das so: Ich träum, dass ich raus muss und bin furchtbar traurig. Es ist wirklich toll hier so zu wohnen. So mitten in der Stadt. Verkehrsmäßig, nicht."

"Ich hab mir das aus meinem ersten Mietvertrag rausgesucht. Für unsere Dreizimmerwohnung mit 73 qm zahlten wir 104 DM 55 Pfennige Kaltmiete. Und dann machte es am Ende 159 DM 33. Also knapp 160 Mark. Damals war ja der Durchschnitt, dass man so 65 Mark zahlte für eine Wohnung. Unsere Freunde und Familie haben gesagt: Um Gottes willen, Ihr arbeitet nur für die Miete. Und das war auch anfangs wirklich so."

Dafür gibt es in den ersten Jahren auf dem Gelände alles, was das Wirtschaftwunder erlaubt: Von der Tankstelle bis zur Zentralwäscherei für alle Häuser - mit hochmodernen Waschmaschinen. Einer von vielen Orten, an denen die Bewohner sich treffen.

"Wir waren im großen und ganzen ein Dorf hier. Also unsere Kinder spielten alle zusammen, man kannte sich, es war wirklich wie ein kleines Dorf, die ganzen Häuser insgesamt. Keiner ist irgend jemandem zu nahe getreten, aber wir haben Riesenfeste zusammengemacht, gefeiert, und wir sagen immer: Zuletzt das kleine Schwarze angezogen, zu den Beerdigungen, die dann alle hier so nach und nach von uns gegangen sind."

"Aufgrund dessen, dass wir hier so lange wohnen haben wir natürlich schon etliche mit in den Tod begleitet. Wir hatten hier auf meinem Flur eine ehemalige Stewardess zu wohnen, die auch schon sehr früh an Krebs verstarb. Und die so gerne eben zuhause sterben wollte. Und das haben wir dann auch hier eben wir alten Mieter, wir haben dann alle hier geholfen, mit Nachtwachen und allem, um das dann zu realisieren. Und das hat auch wunderbar geklappt. Also insofern ist auch hier in diesem Hause so viel passiert, und positives passiert und wirklich auch unter die Haut gehendes passiert, also da leben wir immer noch in Erinnerung von, wir beide, die wir jetzt übrig geblieben sind."
Ärgerlich sind Ursula Seifert und Gerti Guhlke über das sogenannte "Horrorhaus": 1985 verkauft die Wohnungsgesellschaft SAGA einen der zwölf Blöcke an einen Privatmann. Der lässt sein Eigentum verkommen. Als das Gebäude von einer Kakerlakenplage heimgesucht wird, geht der Fall durch die Presse und ruiniert das Image der gesamten – inzwischen denkmalgeschützten - Anlage. Hinzu kommt, dass auch die anderen Häuser allmählich ihren Glanz verlieren. Die Farbe blättert, die Prominenz zieht fort, sozial schwächere Schichten rücken nach. Mitte der 90er geht die SAGA in die Offensive und beginnt, die Gelbklinker-Giganten zu modernisieren. Haus für Haus. Fast zwölf Jahre dauern die Arbeiten: Elektro-, Wasser- und Entsorgungsleitungen werden ausgewechselt, neue Küchen und Bäder eingebaut, die Dächer saniert, die Fassaden gereinigt.

"Also wir mussten nachher auch alle raus, weil wir hatten ja keine Toilette, nichts, gar nichts. Es war kein Wasser überhaupt nichts. Also: Riesenlöcher in den Fußböden und Decken. Wir konnten also quasi bis zur 13. Etage durchsehen. Also ich hab’s als sehr schlimm empfunden."

Die Tortur hat sich gelohnt. Für die Mieter, aber auch fürs Image der Grindelhochhäuser. Heute genießt die Anlage Kultstatus. Immer mehr Studenten und junge Paare ziehen ein und zahlen bereitwillig zehn Euro Warmmiete für die sanierten Wohnungen. Immerhin leben sie dafür mitten in der Stadt, haben öffentliche Verkehrmittel direkt vor der Tür und einen Blick, um den sie beneidet werden:

"Worüber wir natürlich sehr glücklich sind, dass die Häuser alle Ost-West gebaut sind. Dass wir in diesen Wohnungen hier morgens bis mittags die Sonne haben, also die Morgensonne. Und auf der anderen Seite eben nachher die Nachmittagssonne und meinen eigenen Sonnenuntergang, den feiere ich. Indem ich dann schaue, wie die Sonne so langsam untergeht. Und ich sag’s Ihnen: Ich trinke dann zum Abend auch gern mal einen Aperitif, und den gieß ich mir dann ein und sage: Und jetzt war’s wieder ein schöner Tag!"