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Buchkritik | Beitrag vom 23.09.2020

Hallie Rubenhold: "The Five"Nennt ihre Namen!

Von Sonja Hartl

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Buchcover "The Five. Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden" von Hallie Rubenhold (Deutschlandradio/Nagel & Kimche)
Hallie Rubenhold zeigt, dass True-Crime-Bücher nicht das Leid anderer ausschlachten müssen. (Deutschlandradio/Nagel & Kimche)

Jack the Ripper ist weltweit bekannt. Seine Opfer nicht. Genau das aber muss sich ändern, findet die Historikerin Hallie Rubenhold. In ihrem Buch „The Five“ geht sie den Biografien der ermordeten Frauen nach, die keineswegs alle Prostituierte waren.

"The Five" – "Die Fünf" – ist der Name, unter denen die Frauen zusammengefasst werden, die Jack the Ripper 1888 in London ermordete. Definiert durch ihren Tod, verbunden durch den Mann, der sie bestialisch tötete. Sie sind so Teil einer Mythologie und intensiven Beschäftigung mit dem Täter, der "Ripperology", die aus der Suche nach der Identität des Mörders eine Industrie werden ließ: Es gibt Ripper-Touren, Ripper-Souvenirs, Ripper-Romane. Stets geht es um den Täter, nie um seine Opfer.

Dagegen wendet sich nun die britische Historikerin Hallie Rubenhold in ihrem Buch "The Five" und widmet sich ausführlich den Leben von Mary Ann "Polly" Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly, die mehr verbindet als die Umstände ihres Todes.

Die Rolle der Frauen im 19. Jahrhundert

Ihre Biografien vermitteln einen lebendigen und vielschichtigen Eindruck in das Leben von Frauen aus der Arbeiterschicht im 19. Jahrhundert, das ausgerichtet war auf Ehe und Mutterschaft. Auch wenn ein Mädchen aus der Arbeiterklasse eine Schulbildung bekam – wie Annie Chapman und Catherine Eddowes –, blieben bis zur Ehe lediglich schlecht bezahlte Stellungen als Hausmädchen oder in einer Fabrik. Dann begann aufgrund mangelnder Verhütungsmittel der ermüdende Kreislauf aus Schwangerschaften und (Fehl-)Geburten.

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Scheiterte eine Ehe oder verließ die Frau den Mann, lieferte sie sich der Armut und dem sozialen Abstieg aus. Von den wenigen Erwerbsmöglichkeiten, die ihr blieben, konnte sie ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten. Sie musste einen neuen Versorger finden – oder landete auf der Straße.

Eingängige Biografien

Rubenhold verklärt oder idealisiert die fünf Frauen nicht. Ihre Leben waren geprägt von Abhängigkeiten von Männern, Alkoholismus sowie häuslicher und sexualisierter Gewalt. Aber sie haben nicht – wie seit 130 Jahren angenommen wird – alle als Prostituierte gearbeitet. Polly Nichols, Annie Chapman und Catherine Eddowes waren obdachlose, alkoholkranke Frauen, die in der Nacht ihrer Ermordung keinen Schlafplatz in einem der überfüllten Schlafheime gefunden hatten. Für diese Erkenntnis wurde und wird Rubenhold von der "Ripperology"-Gemeinschaft angefeindet, erschüttert sie doch eine der Grundannahmen des Mythos um den "Prostituiertenmörder".

Parallelen zur Gegenwart

Es ist bemerkenswert, wie viele Parallelen sich in die Gegenwart ergeben, nicht nur in den Problemen, die die Frauen in ihrem Leben hatten, sondern auch in den Ermittlungen und der öffentlichen Wahrnehmung des Falls. Noch heute geht es bei Gewalttaten zumeist um den Täter, noch heute ist die Auffassung weit verbreitet, Opfer von Gewalttaten hätten mit ihrem Verhalten gar zur Tat beigetragen.

Es gibt viele Vorurteile gegenüber True-Crime-Büchern: Sie seien skandalös, voyeuristisch, schlachteten das Leid anderer aus. Hallie Rubenhold zeigt mit "The Five", dass es anders geht: Durch die Verschiebung vom Täter auf die Opfer lassen sich in historischen Kriminalfällen bemerkenswerte und hellsichtige Kontinuitäten bis in die Gegenwart finden.

Hallie Rubenhold: "The Five. Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden"
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
Nagel & Kimche, Zürich 2020
424 Seiten, 24 Euro

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